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Seckendorff: Teutscher Fürsten-Staat HIS-Data
5226-5-0-1
  Fürsten-Staat > Additiones > Erinnerung
 

Stichworte Text Anmerkungen
  {o.Z.|BSB 886}  
  ADDITIONES Oder: Zugaben und Erinnerungen zum Teutschen Fürsten-Staat Durch den AVTOREM selbst aus Liebe des gemeinen Bestens, abgefasset, Und itzo mit Anmerckungen versehen.  
  {o.Z.|BSB 888}  
  Erinnerung an den günstigen Leser.  
  ALs nun fast vor neun jahren den vorhergehenden tractat des Teutschen Fürsten- Staats, auf gnädigste veranlassung des Durchlauchtigsten Fürsten und Herrn, Herrn ERNSTENS, Hertzogens zu Sachsen, Jülich, Cleve und Berg, etc. meines gnädigsten Herrn, ich in druck ausgehen liesse, machte ich mir zwar etwas hoffnung, daß solches buch nicht möchte unangenehm fallen, in ansehung, daß zumahl neu-angehende bediente an höfen, von dergleichen materien in andern schrifften nicht gar viel zu finden pflegen: Gleichwohl hätte ich nicht gemeynet, daß es zur andern edition kommen solte. ¶  
  Denn mir nicht unbewust, wie die bücher in der mutter-sprache, fast kein langes alter oder grosse nachfrage haben, darbey auch absonderlich unverborgen, was dem buch an sich selbst, zu erlangung durchgehender beliebung ermangele. Denn ich habe bald anfangs wahrgenommen, daß recht erfahrne hohe ministri an höfen, dessen weder bedürfftig, noch darmit vergnüget seyn würden,  
  {o.Z.|BSB 889} Erinnerung.  
  mittelmäßige und neue leute aber würden noch eine mehrere nachricht in einem und andern verlangen, etliche auch das vermögen nicht haben, dasjenige, was etwa in etlichen umständen und nahmen gegen dem ort, da sie sich befinden, änderte, zu appliciren, viel würden auch noch vermeynen, ich solte das buch mit exempeln, sprüchen und allegaten der rechts-reguln staffiret, und also demselben einen mehrern schein gegeben haben; Nicht weniger möchten auch etliche an denen principiis, welche ich bey beschreibung der kirchen-sachen geführet, und mich zwar deshalben in der vorrede des wercks verwahret und erkläret habe, dennoch einen eckel finden; Aus welchem und andern bedencken mehr, bey mir die vermuthung entstanden, es würde unnöthig seyn, daß ich weiter auf diß buch gedächte, dahero ichs auch gleichsam als ein ausgestattetes Kind, ohne weitere sonderbahre sorgfalt gelassen. ¶  
  Als mir aber hernach der verleger zu verstehen gab, wie er die erste edition in 4to bald verkaufft, und sich dahero entschlossen hätte, eine neue vorzunehmen, liesse ich solches auf seine beliebung und wagniß geschehen, und dachte alleine darauf, daß die in der ersten edition häuffig begangene druckfehler möchten vermieden und gebessert werden: Allein ungeachtet meiner darbey, mit eigenhändiger correctur eines exemplars, angewandter mühe, ist die andere edition in octavo dermassen ungeschicklich durch denjenigen, welcher sich der correctur angemasset, versehen worden, daß man sich über  
  {o.Z.|BSB 890} An den günstigen Leser.  
  dessen fahrläßigkeit oder unverstand nicht gnugsam verwundern kan. Dahero ich auch des buchs dermassen überdrüßig worden, daß ich es fast ungern angesehen, oder in die hand genommen, und von der zeit an mir fürgesetzet, es gar in eine andere Form zu giessen, und, wo der zeit halben müglich, in lateinischer Sprache etwas dergleichen zu begreiffen.¶
  Nachdem aber die verhoffte erleuchterung meiner geschäffte und amts oblagen von jahren zu jahren mir entstanden, und ich also meine einfälle und vorhaben unausgearbeitet lassen müssen, kam mir doch endlich im sinn, eine dritte edition des wercks, dahin zum wenigsten die druckfehler mehrentheils ausgemustert, auch sonst die schrifft und das papier besser und bequemer wäre, zu befördern, war auch der meynung, solches auf meine kosten an dem ort meiner wohnung, unter der hand, und mit guter gelegenheit werckstellig zu machen. ¶  
  Nach dem aber der verleger der vorigen edition allerley bey mir für wendete, ließ ich mich endlich zu einem neuen schluß mit ihme bewegen, und nahme mir darbey vor, eine und andere materie durch additiones dieser neuen edition beyzufügen, welche hoffentlich denen verständigen und ehrliebenden nicht ungefällig seyn, und zugleich auch das buch zu einem bequemen band sich fügen möchte. ¶  
  Bey solchem meinem vorhaben muß ich nun offenhertzig anzeigen, daß ich abermahls wegen der mir täglich zugewachsenen mehrern bemühung- und verrichtungen, so-  
  {o.Z.|BSB 891} Erinnerung.  
  dann auch bey hernach mit eingefallener veränderung meiner dienste und wohnung, fast nicht einen einigen tag vollkömmlich erlangen können, meine unterschiedlich gefaste gedancken zu papier zu bringen, sondern ich habe diese meine additiones fast verstohlner weise bey hier und dort abgezwackten stunden, und besonders auf reisen, eilsam entworffen, dahero ich männiglich, der sie lieset, gebührend ersucht haben will, mit denselben vor dißmal zu frieden zu seyn. ¶  
  Zwar bezeuge ich mit dem allwissenden GOtt, daß ich so wol mit hiebevoriger Abfassung des tractats an sich selbst, als mit diesen additionen eine aufrechte redliche meynung zu dem allgemeinen besten gehabt, auch vorsetzlich niemanden zum verfang geschrieben. Ob aber so wol vormals, als nun bey ausfertigung der jetzigen edition, dabey mich meine verhinderungen abermals übereilet, nicht allewegen die behutsamkeit im schreiben wäre gebrauchet worden, die man von mir möchte desideriren, oder eines und andere wider die sitten unserer zeiten, und eingerissene widrige meynungen, zu hart anzulauffen schiene, da will ich mich zwar aller, ja vieler gebrechen keinesweges frey sprechen, vielmehr demjenigen, der mich unterweiset, grossen danck wissen; Andere aber, die an statt der wahren tugend einen falschen schein lieben, und ihre vergnügung in dem verführerischen reichthum, nichtswürdigen pracht und hochmuth, oder in den schnöden unordnungen und wollüsten suchen, denen weiß ich, weil sie andere gründe und  
  {o.Z.|BSB 892} An den günstigen Leser.  
  principia haben, meiner wenigkeit nach nicht zu begegnen. ¶  
  Ich messe mir nicht zu die Welt zu reformiren, besorge auch wohl, sie werde[1] von tag zu tage nicht besser, sondern schlimmer werden; Unterdessen, da wider GOttes wort und aller weisen leute lehre und erinnerung so viel unrechtes und widriges nicht allein gethan, sondern auch wohl öffentlich geschrieben und vertheidiget wird, kan mir doch von billichen Gemüthern, ob sie gleich in einigen puncten andere gedancken und opinionen hätten, meine einfalt nicht verarget werden, da mir die, von jugend auf eingebildete, erkante und geglaubte, auch nach aller möglichkeit, durch GOttes beystand, mehr im leben selbst, als mit worten geehrte tugend, solche reden dictiret, welche so wohl im tractat, als nun auch in diesen additionen zu finden. ¶ [1] HIS-Data: korrigiert aus: werden
  Niemand hat auch ursach, ein und anders auf sich zu ziehen, oder mir zuzutrauen, daß ich einen oder andern hoff, oder gewisse personen, fürzustellen und zu tadeln, mir vorgenommen. Zwar ist in berührung der so starck-einreissenden mißbräuche der argwohn fast nicht zu vermeiden, daß man nicht ein und ander objectum im sinn gehabt. Es ist aber hingegen die gute intention zu erwegen, daß man nemlich mit dieser schrifft keine Person beschimpffen, sondern allein die tugend und warheit je zuweilen durch den gegensatz der laster und fehler käntlicher zu machen vermeynet, und also nur zufälliger weise die böse gebräuche, ohne absehen auf die leute, also nicht in concreto, sondern in abstracto berühret. So können auch  
  {S. 7|GWLB 13} An den günstigen Leser.[1] [1] HIS-Data: fehlen zwei Seiten in BSB; ergänzt aus der 5. Auflage von 1678: Gottfried Wilhelm Leibniz Bibliothek (GWLB)
  diejenige, welche dergleichen Stücke an sich fühlen und spüren, mit Fug nicht zörnen. Denn entweder erkennen sie solche ihre Fehler, und haben Lust und Verlangen, wie jeder billich haben sol, denenselben zu remediren, so geschiehet ihnen ja durch treuhertzige Erinnerung nichts übels; Erkennen sie aber dergleichen Fehler an ihnen nicht, so werden sie sich auch nicht gemeinet noch beleidiget achten. ¶  
  Welche aber endlich in principiis mit mir nicht einig sind, sondern die Meynung unänderlich und wissentlich führen, welche der  
  {S. 8|GWLB 14} Erinnerung.  
  Poet jenem Höfling in Egypten zuschreibet, der saget:  
  Sidera terrâ
Ut distant et flamma mari, sic utile recto
.
 
  Die mögen die Mühe, diese meine Schrifften zu lesen wol ersparen, denn welcher Moisen und die Propheten nicht höret, den werde nicht allein ich, sondern auch derjenige nicht bekehren, der von den Todten aufferstünde. Höchlich wäre zu wünschen, daß doch zum wenigsten die natürliche Erbarkeit mehr Platz und Trieb unter uns haben, und nicht an den meisten der Fluch wahr werden möchte:  
  Virtutem videant extabescantque relictâ.  
  Es lehret solche doch endlich der ungesunde sterbliche Leib, die verlohrne Ehre und Liebe bey redlichen Leuten, ja ihr eigen unruhig Hertz und Gewissen, daß sie nicht auf dem rechten Weg gewandelt, sondern das eitele Nichts mit grosser Mühe, Gefahr und Verantwortung, an statt wahren Wesens und Vergnügens, (welches aus rechtschaffener Gottesfurcht, Tugend, Treue und Mässigkeit erfolgen muß,) gesuchet, gehäget und geliebet haben. ¶
  Ex illa voragine (sind die Worte des alten hoch-beredten Lehrers Lactantii in fine libri VII. Institut.) liberet se quisque dum licet, dum facultas adest, seque ad Deum tota mente convertat; ut illum diem securus expectet, quô præses, Dominusque mundi, DEus, de singulorum factis cogitationibusque judicabit: Quæcunque hîc expetuntur, non tantùm negligat, sed et fugiat; potioremque animam suam judicet, quàm bona ista fallacia; quorum incerta et caduca  
  {S. 9|GWLB 15} An den günstigen Leser.  
  possessio est, migrant enim quotidie, multò velocius exeunt, quam intraverant: et tamen si nobis usque ad ultimum liceat istis frui, aliis certè relinquenda sunt. Nihil nobiscum ferre possumus, nisi vitam benè atque innocenter actam. Ille ad Deum copiosus, ille opulentus adveniet, cui astabunt continentia, misericordia, patientia, charitas, fides. ¶  
  Und besser unten, welches insonderheit Regenten und Hofleuten zur Erbauung dienet:¶  
  Nemo divitiis, nemo fascibus, nemo etiam regiâ potestate confidat: immortalem ista non faciunt. Nam quicunque rationem hominis abjecerit, ac præsentia secutus, in humum se ipse prostraverit, tanquam desertor Domini, et Imperatoris, et patris sui punietur. ¶  
  Die jenigen aber, welche mit ihrem Thun erweisen, daß sie unter die Thoren gehören, die, wo nicht mit lauten Worten, doch in ihrem Hertzen sprechen: Es ist kein GOtt; erinnere ich der Worte vorher ange-  
  {o.Z.|BSB 893} Erinnerung an den günstigen Leser.[1] [1] HIS-Data: Fortsetzung Faksimile BSB
  zogenen Lactantii lib. 2. Instit. in Princ. Dum existimant, nulli Deo nos esse curæ; aut post mortem nihil esse futuros, totos se libidinibus addicunt, et dum licere sibi putant, hauriendis voluptatibus sitienter incumbunt, per quas imprudentes in laqueos mortis incurrunt. Ignorant enim, quæ sit hominis ratio: quàm si tenere vellent, inprimis Deum suum agnoscerent; virtutem, justitiamque sequerentur; terrenis figmentis animas suas non substernerent; moriferas libidinum voluptates non appeterent: denique seipsos magni æstimarent; atque intelligerent, plus esse in homine, quam videtur, cujus vim conditionemque non aliter posse retineri, nisi cultum veri parentis sui, deposita pravitate, susceperint. GOTT wolle allen, die in hohen ehren und ämtern sitzen, die hertzen und sinne dermassen regieren, daß sie GOtt und sich selbst, als auch die würdigkeit ihres standes recht erkennen, und wol gebrauchen, zu der ehre des obersten Regierers aller welt, und ihrem eigenen besten, auch aller unterthanen und anbefohlenen wohlfarth, freude und vergnügung.  
  Veit Ludwig von Seckendorff,  
  zu Obernzenn, Erffa und Gumperda, Fürstl. Durchl. zu Sachsen-Naumburg Geheimer Rath, Cantzlar und Praesident des Stiffts-Consistorii zu Zeitz, auch Fürstl. Sächs. gesamter Hoff-Richter zu Jehna, etc.  
      

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Stand: 7. Dezember 2016 © Hans-Walter Pries