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Zedler: Fluß HIS-Data
5028-9-1386-9
Titel: Fluß
Quelle: Zedler Universal-Lexicon
Band: 9 Sp. 1386
Jahr: 1735
Originaltext: Digitalisat BSB Bd. 9 S. 712
Vorheriger Artikel: Flusor
Folgender Artikel: Fluß, eine Kranckheit
Siehe auch:
Hinweise:
  • Allgemeine Bemerkungen zur Textgestaltung siehe Hauptartikel

  Text Quellenangaben
  Fluß, Lat. Flumen, Fluveus heisset das Wasser, so innerhalb einer Cauität auf der Fläche der Erden vermöge seiner eigenen Schwere fliesset.  
  Ermeldete Cauität wird der Furth oder Strohm, Alueus, genennet, und die Gräntzen derselbigen zu beyden Seiten, welche das fliessende Wasser in seinen Schrancken halten, damit es nicht in die umliegende Gegend heraus tritt, heissen die  
  {Sp. 1387|S. 713}  
  Ufer des Flusses. Die Quelle, aus welchen der Fluß seinen Ursprung nimmt, liegt alle Zeit höher als der Fluß, selbsten, das ist, sie ist weiter von dem Mittel-Puncte der Erden als dieser entfernet; und je weiter man von der Quelle wegkommt, je tieffer sencket sich der Fluß, so, daß dessen Fläche bey dem Einfluß ins Meer am tieffsten in Ansehung der Quelle liege.  
  Alles dieses lehret augenscheinlich das Wasser-Wägen, da man vermittelst einer Wasser-Wage längst an dem Flusse herunter ausfündig macht, um wie viel die Fläche desselbigen von einer gezogenen und durch das Instrument collimirten Horizontal-Linien nach und nach abweichet, welche Abweichung das Gefälle des Flusses genennet wird. Und hieraus ist klar, daß die Bewegung des Wassers in einem Flusse von seiner Schwere herrühre, vermöge welcher es in seinem Furthe als auf einem Plano inclinato herab rollet; dahero man auch anmercket, daß je grösser das Gefälle gefunden werde, je geschwinder sich auch der Fluß bewege.  
  Es ist aber eine einige Quelle nicht genug, einem Flusse sein Wasser zu geben; sondern es stehet Anfangs durch einen oder dem Zusammenlauff vieler Quellen ein Bach; viele Bäche, wenn sie zusammen flüssen, formiren einen kleinen Fluß, welcher desto grösser wird, je mehr sich Bäche und andere kleine Flüsse darein ergüssen, biß endlich durch den Zusammenlauff verschiedener Flüsse ein grosser Fluß erwächset, welcher das von allen denen vorigen empfangene Wasser in die See ausschüttet.  
  Wann ein Fluß eine solche Tieffe und Breite erhält, daß er zur Farth mittelmässiger Schiffe dienlich wird, heisset er ein schiffbahrer oder schiffreicher Fluß, von dessen Anordnung und Erhaltung die Wasser-Bau-Kunst handelt, siehe Architectura Hydraulica Tom. II. p. 1237.  
  Wenn man erweget, wie viel grosse Flüsse in der Welt vorhanden sind, die täglich und ohne Aufhören ihr Wasser in so ungeheurer Menge in die See ausgüssen, diese aber dennoch keinen Zuwachs dadurch erhält, welcher so viele Secula durch, in welche die Flüsse beständig geflossen haben, wurde mercklich geworden seyn, so muß man alsobald zugestehen, es müsse ein Circulus zwischen dem Meere und denen Quellen, aus denen die Flüsse ihren Ursprung nehmen, vorhanden seyn, da entweder das Meer durch unterirrdische Canäle denen Quellen ihr Wasser wieder giebet; oder die häuffig aus dem Meer aufsteigenden Dünste, nachdem sie in Wolcken gesammlet, und zu denen Örtern deren Quellen durch den Wind gebracht worden sind, durch den Regen die Quellen wiederum mit Wasser versehen. Welche von diesen beyden Meynungen am wahrscheinlichsten sey, zeiget der Titul Brunn-Quelle Tom. IV. p. 1613. seqq.  
  Die Flüsse nehmen an Wasser in ihren Ufern zu, oder wachsen an, wem es entweder, starck regnet oder der Schnee auf denen Gebürgen schmeltzet, und dieses ereignet sich meistentheils zu einer unbestimmten Zeit. Doch giebt es verschiedene Flüsse, welche nur zu gewissen Jahres-Zeiten aufschwellen über ihren Ufern treten, und das umliegende Land überschwemmen. Man hat dieses schon vor alten Zeiten an  
  {Sp. 1388}  
  dem Nilo in Egypten wahrgenommen, welcher nach dem Sommer- Solstitio aufzuschwellen beginnet und das Land unter Wasser setzet, biß er um das Herbst-Aequinoctium sich wieder innerhalb seinen Ufer begiebet. In denen neuern Zeiten hat man eben dieses von dem Niger-Fluß in Nigridien erfahren, welcher auf einerley Art und zu einerley Zeit mit dem Nilo eine Überschwemmung verursachet. Und gleicher Massen befinden sich in America auch Flüsse von dieser Beschaffenheit.  
  Man hat verschiedene Gedancken, von dieser Abwechselung des Nili gemacht, unter welchen die wahrscheinlichste ist, daß solche von dem zu gewissen Zeiten häuffig fallenden Regen in Aethiopien ihren Ursprung nehme, sintemal bekannt, daß in denen in der Zona torris da und nicht weit davon liegenden Ländern es einige Monathe durch nach einander zu regnen pfleget, welche Regen-Monathe gleichsam den Winter in selbigen Ländern ausmachen.
  • Gassendus Phys. Sect. lll. p. 26.
  • Vossius de Nili et aliorum fluminum origine 20.
  • Dapper in Descriptione Africae p. 59.
  Die Mathematische Betrachtung derer Flüsse ist dahin gerichtet, wie man das Gefälle dererselbigen finden, die Section eines Flusses abmessen, die Stärcke seines Lauffs und dessen Geschwindigkeit bestimmet, und anzeigen soll, wie viel ein Fluß in einer gegebenen Zeit Wasser gebe, das ist, wie viel Wasser an einem Orte in einer gegebenen Zeit vorbey flüsse.  
  Das erstere findet man theils unter dem Titul Wasser-Wägen ausgeführet; bey dem andem aber setzet es überaus grosse Schwierigkeit in Praxi etwas genau zu bestimmen, so wohl wegen der Irregularität der Fuhrt, als auch derer vielen krummen und andern Umständen, welche die Art der Bewegung unzehlig verändern.  
  Die Section oder der Durchschnitt eines Flusses, Lat. Sectio fluminis, wird die Fläche genennet, welche herauskommt, wenn man den Fluß gerade über nach einer aus der Fläche des Wassers perpendicular-stehenden Direction durchschneidet. Es seye A B ein  
  [Grafik]  
  quer über den Fluß ausgespanntes Seil; man lasse sich mit einem Kahnn längst diesem Seiln nach über den Fluß setzen, und bemercke an verschiedenen Orten derselben CC. etc. vermittelst eines Bleywurffs, oder Stange wie tieff das Wasser im Flusse biß auf den Grund seye, so bekommt man die Linien Cc, Cc, etc.; so man nun den Abstand derer Örter CC. etc. an den Seilen von A, oder B. bey jeder correspondirenden Abmessung der Tieffe zugleich mit angemercket hat; so kan man wenn man auf eine Linie A B. die ermeldeten Abstände AC, AC, etc. träget, und an die Puncte C, C, die gefundenen Tieffen Cc, Cc, perpendicular ansetzet, durch dieser ihrer Extremitäten c. c. den Grund des Flusses der Breite nach ausziehen, und wird als die Figur A cc. B. das Profil oder dem Durchschnitt des Flusses vorstellig machen.  
  Auf solche Art kan man an verschiedenen Orten den Fluß ausmessen und unter-  
  {Sp. 1389|S. 714}  
  suchen, wie dessen Fahrt beschaffen sey. Diese und dessen Geschwindigkeit muß man zum Voraus wissen, wenn man bestimmen will, wie viel der Fluß Wasser gebe.  
  Es wird aber die Geschwindigkeit des Flusses folgender Massen abgemessen. Bey Fahr-Wasser des Flusses oder wo derselbige keine Krümme hat, sondern in ParaIlel-Ufern fortflüsset, erwähle man nach der Länge des Flusses zwey Stände in einer Weite von ohngefehr 20. Ruthen voneinander, die man so wohl aus der einen als andern Seite gerade über den Fluß mit Pfählen bemercke. Hierauf werffe man ein Stück Holtz auf den Fluß oberhalb den ersten Pfahl, und visire an diesen gerade über den Fluß nach dem gegen überstehenden Pfahl. So bald das schwimmende Holtz in dem Fluße an dieses Visier gelanget, so lasse man ein Pendulum anschlagen und zähle die Secunden der Zeit, welche das schwimmende Holtz auf dem Fluße zubringet, ehe es in das Visier derer an dem andern Stande gesteckten Pfähle gelanget: denn weil das schwimmende Holtz die Geschwindigkeit des flüssenden Wassers hat, als welches solches mit fortnimmt; so weiß man hierdurch, wie viel Zeit ein Theil Wasser brauche um von dem einen angenommenen Stande, biß zu dem andern sich zu bewegen, und ist folglich der Abstand derer Stäbe bey den Ständen, das Spatium, welches das Wasser in der angemerckten Zeit durchlauffet; daher die Geschwindigkeit einer jeden Partie Wasser so groß seyn wird als der Quotiens, welcher heraus kommen wird, wenn man ermeldetes Spatium durch die obseruirte Zeit diuidiret.  
  Wenn man derowegen die Menge Wassers ausrechnet, die der Fluß von dem einen Stande biß zu dem andern fassen kann, so weiß man wie viel Wasser in der angemerckten Zeit vor einem Stande vorbey gestrichen. Die Ausrechnung der Menge Wasser geschiehet, wenn man die Section des Flusses abmißt, und solche (wenn sie anders den Raum des Flusses zwischen denen beyden Ständen von gleicher Grösse befunden wird, wo nicht, muß man verschiedene davon messen, und einen mittlern davon nehmen) in die Weite derer Stände voneinander multipliciret, so bekommt man den cörperlichen Inhalt des Flusses oder Wassers zwischen beyden Ständen.  
  Es sey z. E. dieser cörperliche Inhalt 62. Cubic-Schuh Wasser befunden, die Zeit aber, in welcher das schwimmende Holtz durch beyde Stände passiret, 20. Secunden angemercket worden. Weil ein Cubic- Schuh Wasser 70. Pfund schwer ist, so wiegen 62. Schuh Wasser 4340. Pfund; nun wiegt 1. Kanne Wasser 2. Pfund, dahero hält deroselben cörperliche Inhalt 2170. Kannen Wasser, welches in einer Zeit von 20. Secunden vorbey geflossen, und ist die Geschwindigkeit dieses fliessenden Wassers 1270/12 sintemahl hier die Menge Wasser den Raum der Bewegung vorstellet.  
  Durch diese Berechnung ist man in dem Stande, die Stärcke des Flusses auf Wasser-Zolle zu reduciren: denn weil ein Wasser-Zoll in 30. Secunden 7. Kannen giebt, und folglich dessen Geschwindigkeit 7/10. ist, (siehe Digi-  
  {Sp. 1390}  
  tus Tom. VII. p. 908.) so darff man nur inseriren 7/30 : 217/20 = 1. Zoll Wasser zu 465. Zoll Wasser, welche der Fluß ergiebet. Die Mathematische Abhandlung von der Bewegung derer Flüsse findet man in des
  • Dominici Guilielmini Mensura Aquarum fluentium,
  • Hermanni Phoronom. Lib. II. Sect. II. c. 10. 5.
  • Grauesande Elem. Phys. Lib. II. Part. II. c. 9.
  • Jo. Poleni de Castellis, per quae Fluuiorum aquae deriuantur, habentibus latera conuergentia, Item, Tract. de Motu aquae mixto,
  • Mariotte Traité de Mouuement des Laux et des autres corps fluides.
  Die Nutzung der Flüsse betreffend, so sind zwar etliche aus den alten Rechts-Gelehrten der Meinung, daß alle Thiere in der Wildniß, die Vögel in der freyen Lufft, und die Fische in dem fliessenden Wasser frey, und einen jeden zu fangen erlaubt seyn, allein dieses ist bey denen Flüssen, wie bey der Jagd die Frey-Pürsche, an denen meisten Orten entweder gäntzlich aufgehoben, oder doch in so weit limitiret, daß die öffentlichen Ströme und Flüsse, als zum Exempel die Donau, der Rhein etc. jederman zu befischen erlaubt und zugelassen, die priuat-Flüsse aber sonderbaren und eigenen Personen zugehören, folglich ohne deren Willen niemand darinnen zu fischen vergönnet sey.  
  Diese letzere Fisch-Gerechtigkeit nun wird entweder durch Landes-Fürstliche Lehen ordentlich verliehen, oder mit einen Land-Gute als ein bonum adjacens oder anstoßendes Stuck und als eine Zugehör desselben ordentlich verkaufft, alsdenn auch in denen Lehen- und Kauff-Briefen, die Grentzen, wo die Fischerey anfängt und sich endet, die Gerechtigkeiten, ob man an einen Ufer allein, oder beyderseits zu fischen Macht, und ob ein Benachbarter gleiches Recht oder nicht habe, ausdrücklich und ausführlich gemeldet.  
  Es muß aber der Flüsse Gebrauch also beschaffen seyn, daß die Benachbarten keinen Schaden und Nachtheil dabey leiden, und daß die Fischerey auf solche Art und auf bestimmte zugelassene Zeit also bestellet sey, wie es die Landes-Herrliche Fisch- Ordnung mit sich bringet.  
  Die Fluß-Fische sind unterschiedlich, nachdem nemlich die Flüsse aus frischen Brunnen Quellen und felsichten Gebürgen entspringen, nachdem haben sie auch gesunde frische und edle Fische, als Aschen, Forellen, Gründlinge, Schmerlen, Pfrilern, oder Elritzen, Zuchen und dergleichen, oder aber, wenn sie aus Teichen, Seen und auf ebenen Orten ihren Lauff, und einen leimigten Grund und Boden haben, bringen sie Hechte, Schleyen, Alten, Aalraupen, Barben, Weiß-Fische, bißweilen auch wohl Karpffen, und werden diese Fluß-Karpffen denen Teich-Karpffen weit vorgezogen, weil angeregter weicher Fisch, wenn er in den flüssenden Wasser aufwächst, viel härter, gesünder und fetter wird, als wenn er in stillstehenden Wasser zu seinen Wachsthum gelanget.  
  Wie aus den Flüssen die nächst und zu weit davon entlegene Wiesen durch Schöpff-Rader mit einer trefflichen Würckung zu wässern seyn, davon kan unter den Worten Wässerung und Wiese nachgesehen werden.  
  Bey denen alten wurden die Flüsse heilig und  
  {Sp. 1391|S. 715}  
  vor Götter gehalten, Chiffletius Aqu. Virg. in Graeuii Thes. Antiqu. Rom. Tom. IV. p. 1790.
  Sie wurden gemahlet auf der Erde liegend auf den Ellbogen gelehnet und einen Krug unter den Arm habend, woraus Wasser floß, halb nackend, und um den Kopff mit einen Crantz von Schilff umwunden. Fabricius Rom. 15.
  Sonderlich waren die Brunnen und Qvellen, wo die Flüsse entsprungen, heilig, und durffte sich niemand darinnen baden,
  • Seneca Epist. 41.
  • Lipsius in Tacit. Annal. XIV. 73.
  Ja sie opfferten so gar denen Flüssen Böcke, Horatius Od. lll. 13. v. 1.
  und baueten ihnen Tempel. Juuenalis III. 13.
  darinnen ihnen an gewissen dazu gewidmeten Fest-Tägen geopffert wurde, siehe Fontinalia.  
  Die Perser thaten ihnen auch göttliche Ehre an, und verboten bey hoher Straffe, daß niemand darein speyen, oder seinen Urin lassen, vielweniger etwas unreines hinein werffen, ja auch nicht einmahl die Hände darein waschen durffte. Daher, als Tiridates mit des Vitellii Armée über den Euphrat gehen wolte, opfferte er dem Flusse erstlich ein Pferd, um ihn dadurch sich zum Freunde zu machen. Brissonius de Regno Persar. II. p. 166 sq.

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Stand: 11. Oktober 2016 © Hans-Walter Pries