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Zedler: Geburt HIS-Data
5028-10-507-1
Titel: Geburt
Quelle: Zedler Universal-Lexicon
Band: 10 Sp. 507
Jahr: 1735
Originaltext: Digitalisat BSB Bd. 10 S. 267
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Folgender Artikel: Geburt, (harte und schwere)
Siehe auch:
Hinweise:
  • Allgemeine Bemerkungen zur Textgestaltung siehe Hauptartikel
  • Für die Auflösung der Quellenangaben siehe: Personen

  Text Quellenangaben
  Geburt, Partus, der natürliche Ausgang der Frucht aus der Mutter Leibe. Hierbey hat man zu erwägen,  
 
1) das Behältniß der Frucht;
2) die Zeit der Geburt;
3) die Ursachen, welche die schwangere Mutter zur Geburt anreitzen;
4) die Geburt selbst, und
5) dasjenige, was nach der Geburt zu beobachten.
 
  Das Behältniß der Geburt ist die Gebär-Mutter, mit denen Häutgen und Wasser, so die Frucht umgeben. Wie die Gebär-Mutter beschaffen sey, ist bereits an seinem Orte abgehandelt worden, dahero wir anjetzo nur den Unterscheid einer schwangern und nicht schwangern Gebär-Mutter in etwas zu betrachten haben.  
  Ist die Mutter nicht schwanger, so gleichet sie kaum an Grösse einer geballten Faust, ist sie aber geschwängert, so wird sie, besonders auf die letzte Zeit der Schwangerschafft, der Gestallt ausgedehnet, daß sie die gantze Frucht mit dem Mutter-Kuchen in sich enthält, und dahero ihr Lager und Gestallt gar mercklich verändert. Denn sie steiget biß zu dem Nabel in die Höhe, und bekömmt eine Kugel-runde Gestallt, und ob sie schon fast ihre vorige Dicke behält, befindet man sie doch weit weicher und zärter.  
  Nicht weniger trifft man einen grossen Unterschied an der innern Mündung der Gebär-Mutter an, vornemlich aber, wenn die Schwangerschafft bald zu Ende gehet, da gedachte Mündung in Grösse eines Göldens sich zu öffnen beginnet, welches man bey uns im Teutschen die Öffnung zu nennen pfleget. Viele läugnen zwar, daß die schwangere Gebär-Mutter ihre vorige Dicke behalte, und wollen vielmehr behaupten, daß selbe allmählich ausgedehnet werde, nicht anders, als man bey einer von dem Harn aufgetriebenen Harn-Blase siehet, oder wie eine wächserne Kugel, wenn man solche in Grösse einer Gebär-Mutter ausbreitet; dahero es auch komme, daß die schwangern eine solche besondere Empfindung hätten, der Gestallt, daß sie unterscheiden könnten, welches Glied die Leibes-Frucht bewege, Mauriceau les maladies des Femmes grosses.
  Allein es ist in der That unter einer geschwängerten Gebär-Mutter und einer Harn-Blasen, ingleichen unter einer wächsernen Kugel ein grosser Unterscheid, denn die Harn-Blase wird auf ein Mahl, die Gebär-Mutter aber nach und nach ausgedehnet; Die wächserne Kugel aber ist eine leblose Sache, die Gebär-Mutter aber nicht, welche von denen währender Schwangerschafft häuffig hinzu flüssenden Säfften nicht wenig vermehret wird. So ist auch die Empfindung derer schwangern nicht so zärtlich und gewiß, sondern ziemlich confus, sintemahl sie die Bewegung des Kindes zwar fühlen, aber in der That nicht gewiß wissen können, welcher Theil der Frucht beweget werde. Über dieses lehret auch die Erfahrung das Wiederspiel, indem Bohn  
  {Sp. 508}  
  Diemerbroeck. und andere vielmahls beschwängerte Gebär-Mütter untersuchet, und in selbigen eine gar merckliche Dicke befunden haben.  
  Von dem Gewässer, darinnen das Kind in Mutter-Leibe lieget, ist anjetzo nur zu mercken, daß der Liquor Amnii, welcher wahrscheinlich von einigen in dem Schaff- und Geburts-Häutlein befindlichen Drüßgen entspringet, allmählig mit der wachsenden Frucht vermehret werde, doch der Gestallt, daß diese zwar die ersten Monathe der Schwangerschafft darinnen schwimme, hernachmahls aber einen finstern Platz und gewissern Sietz in der Gebär-Mutter beobachte.  
  Gleichwie aber dieser Safft selbst währender Schwangerschafft dem Kinde nicht nur zur Nahrung dienet, sondern auch verursachet, daß die Frucht die Glieder besser und bequemer bewegen könne, und von denen Seiten-Theilen der Gebär-Mutter nicht gedrucket werde. Also hat er auch bey der Geburt seinen grossen Nutzen, angesehen, ehe selbige noch eintrit, dieser Liquor unter dem Namen derer Wasser hervor springet, und die Geburts-Wege schlüpfferig machet.  
  Einige meynen zwar, daß gedachter Liquor nicht aus denen in dem Schaff- u. Geburts-Häutlein befindlichen Drüßgen entstünde u. zwar  
 
1) weil diese Häutgen keine Drüßgen hätten.
  Da aber selbige bey krancken Personen vornemlich angemercket worden, und über dieses gar wahrscheinlich zu seyn scheinet, daß die Endgen derer kleinsten Puls-Ädergen, welche durch gedachte Häutgen lauffen, sich in eben solche Spitzgen verwandeln, dergleichen man in denen Därmen, unter dem Namen derer Drüßgen findet; so ist wohl kein Zweifel, daß aus dererselben Öffnungen dieser Liquor tröpfle welcher nach und nach in grosser Menge in dem Schaff-Häutlein gesammlet wird.
2) Weil nach ihrer Meynung diese Feuchtigkeit von dem Schweiß und Urine der Leibes-Frucht entstehe; da aber selbige kein unreiner, sondern ein guter Safft ist, und über dieses lange zuvor in dem Schaff-Häutgen gesammlet wird, ehe noch die Frucht den Urin lassen oder schwitzen kann, so muß sie nothwendig anders woher entspringen.
 
  Daß dem menschlichen Geschlechte eine gewisse Zeit zu gebären bestimmet sey, lehret nicht nur das Vieh, welches nach aller Philosophorum Meynung seine gewisse Zeit zu gebären hat, sondern auch die Menschen selbst: sintemahl die Erfahrung bezeuget, daß alle Weiber in der gantzen Welt 9. Monathe schwanger gehen, und nach Verflüssung gedachter Zeit endlich die Frucht zur Welt bringen, ob man schon, die Wahrheit zu bekennen, nicht die Zeit gar zu gewiß bestimmen und sagen kann, sondern gleichwie eine natürliche Geburt nicht leicht vor der 38. Woche zum Vorschein kömmt, also wird schwerlich eine über 40. Wochen ausbleiben, dahero jede Geburt, so entweder über oder unter gesetzter Zeit geschiehet, vor eine wiedernatürliche zu halten ist.  
  Es finden sich einige Medici, welche denen Menschen keine gewisse Zeit der Geburt, aus folgenden Ursachen, zugestehen wollen:  
  erstlich weil das menschliche Temperament mehren Theils und weit mehr als derer übrigen Thiere von einander unterschieden sey, dahero es auch wahrscheinlich zu seyn schiene, daß die Menschen von der Natur auch unterschiedene Geburts-Zeiten bekämen. Ob man nun nicht läugnen kann, daß derer Menschen Temperamente  
  {Sp. 509|S. 268}  
  unterschieden angetroffen werden, so finden wir doch auch bey dem Vieh einen nicht geringen Unterschied ihrer Temperamente, und haben diese dem ungeachtet ihre gewise Zeit der Geburt, wie solches die Naturkündiger mit grossem Fleiß erforschet. Hierzu kömmt noch, daß der Unterschied derer Temperamente fast unendlich sey, die Zeit der Geburt aber nicht, und woher kommt es wohl, daß schwangere Weiber von unterschiedenen Temperamenten zu einer Zeit und fast zu einer Stunde das Kind nach Wunsch zur Welt bringen?  
  2) Weil die Grösse der Gebär-Mutter gar sehr unterschieden ist, so würde Zweifels ohne nach derselben unterschiedenen Grösse die Frucht bald langsam, bald geschwind ausgetrieben werden; da man aber auch beym Vieh solche unterschiedene Grösse antrifft, welches dem ungeachtet seine gewisse Geburts-Zeit behält; ja vielmahls eine Frau bald ein starckes, bald aber wieder ein schwaches Kind, doch jedes binnen 9. Monathen zur Welt bringet, so scheinet es, daß die Kleinigkeit und Grösse der Gebär-Mutter die Geburt weder befördern noch aufhalten könne, zumahl, wenn selbige nur natürlich beschaffen ist.  
  3) Weil immer ein Weibs-Bild mehr als das andere Blut habe, müsse es wahrscheinlicher kommen, daß diejenige Frucht, welche viel Nahrungs-Safft empfienge, geschwinder zu seiner Vollkommenheit gelange, langsamer aber dazu komme, wenn ihr wenig Nahrung zugeführet würde. Nun kann man zwar nicht läugnen, daß offtmahls frische und wohl-genährte, zu Weilen aber auch hagere und schwache Kinder geboren werden, welches Zweifels ohne der Menge und Eigenschafft der Nahrung zuzuschreiben; Dennoch erfordern sowohl diese, als jene, zu ihrer vollkommenen Bildung 9. Monathe, und werden dahero beyde gemeiniglich zu einer Zeit zur Welt gebracht.  
  4) Weil der Mensch zu jeder Zeit bey Tag und Nacht, Sommers und Winters etc. zu dem Beyschlaffe tüchtig ist, anders, als wie das Vieh, als welches nur zu gewisser Zeit des Jahres sich begattet. Die Wahrheit zu bekennen, so will dieses Argument nicht viel sagen, angesehen daraus nichts weiters folget, als daß die Jahres-Zeiten in Ansehung der Geburt, aber nicht die Geburts-Zeit unterschieden sey.  
  5) Weil glaubwürdige Auctores bezeugen, daß Kinder zu 5. 6. 7. 8. 10. 11. 12. Monathen natürlicher Weise geboren, und dahero auch von denen Jure-Consultis vor richtige Geburten gehalten worden. Allein hier muß man den Unterscheid unter natürlicher und wiedernatürlicher Geburt, und unter einer reiffen und unreiffen, wie auch einer lebendigen und toden Frucht machen. Daß offtermahls vor und nach der gewöhnlichen Geburts-Zeit Leibes-Früchte auf die Welt kommen, bezeugen so wohl die frühzeitigen, als die über die Zeit verhaltenen Geburten, da aber dieses wiedernatürliche Geburten sind, als darf man von selbigen nicht auf natürliche schlüssen.  
  Dahero nur die Frage entstehet, ob die Frucht von 5. oder 6. oder 11. oder 12. Monathen vor eine natürliche Geburt zu halten? Darauf aber mit nein zu antworten. Denn die Frucht, welche in dem 5. 6. oder 7. Monat geboren wird, ist unreiff und unzeitig, welches ein jeder wird leichtlich einsehen können. Allein darwider wird eingewendet, daß man Geburten von 5. oder 6. Mo-  
  {Sp. 510}  
  nathen hat, welche doch vollkommen sind, und an denen man nichts unvollkommenes finden kann, darauf aber dienet zur Antwort, daß gemeiniglich Schelmerey darhinter stecke; denn das Weib ist gewiß vor dem gewöhnlichen Hochzeit-Tage entweder mit dem Bräutigam oder mit einem andern zu Bette gegangen, ob sie solches schon beständig läugnen will; oder sie hat sich in ihrer Rechnung betrogen.  
  Denn die Weiber pflegen gemeiniglich ihre Schwangerschafft anzurechen von der Zeit, da ihnen ihre monathliche Zeit ausgeblieben, oder von der ersten Bewegung des Kindes in der Gebär-Mutter; allein wie betrüglich diese Kenn-Zeichen sind, wird jederman leichtlich einsehen, so verhält es sich auch mit der 11. und 12. monatlichen Geburt. Denn gewiß, wenn die Geburt vollkommen starck und gesund ist, so stecket entweder List oder ein Irrthum darhinter. Denn da die Natur die Ordnung liebet, so hat sie sowohl denen Menschen, als denen andern Thieren eine gewisse Zeit der Geburt bestimmet.  
  Die Ursache, welche die Mutter zur Geburt nöthiget, ist von der Leibes-Frucht selbst herzuleiten. Denn es ist bekannt, daß diese in der Gebär-Mutter Kugel-rund zusammen sietzet, indem sie nemlich mit dem Kinne die Brust, und mit denen gebogenen Füssen die Arsch-Backen berühret, und zwar der Gestallt, daß der Kopff den obern, die Füsse aber den untern Theil der Gebär-Mutter einnehmen.  
  Indem also das vollkommen gebildete Kind in diejenige Leibes-Grösse erwachsen, welcher die nur gedachte Krümmung des Cörpers und die gezwungene zusammen gezogene Gestallt beschwerlich fällt, so bemühet es sich ein anderes Lager zu suchen, und da es sich zu wältzen anfänget, so fället es mit dem Kugel-runden Kopfe und mit grosser Gewalt in den Mutter-Halß und das Becken, dahero es geschiehet, daß der schwangern Mutter ihr Bauch ein wenig ausgedehnet wird, und einige Beschwerlichkeit beym Urin lassen und bey denen Stuhl-Gängen, wie nicht weniger einiger Lenden-Schmertz entstehet.  
  Befindet sich nun das Kind in solchem Zustande, so beschweret es zum Theil mit seinem Gewichte den Mutter-Halß und die geöffnete Mutter-Mündung, Theils verursachet es durch das stossen und seine eigentliche Bewegung der Gebär-Mutter und seiner leiblichen Mutter grosse Beschwerung und Verdruß, und nöthiget also seine Mutter zur Geburt.  
  Es sind einige, welche die gezwungene Krümmung der Leibes-Frucht nicht vor die Ursache der Geburt annehmen wollen, und zwar aus folgenden Gründen:  
  1) weil man einig und allein auf den Willen des höchsten Schöpffers sehen müsse, welchem es also gefallen hätte, daß die Frucht nach neun Monathen ihren Ausgang suchen sollte.  
  Man muß zwar freylich vor dem göttlichen Willen alle Ehrerbietung haben; allein da uns auch dieser befiehlet, daß wir mit unserer gesunden Vernunfft die natürlichen Wahrheiten untersuchen sollen, als scheinet es nicht unrecht gethan zu seyn, diejenigen natürlichen Ursachen der Geburt anzuzeigen, welche dem göttlichen Willen beykommen;  
  2) weil die Frucht wegen des Athems ihr Behältniß verlassen muß, indem sie nicht länger, ohne Gefahr zu erstücken, der Lufft entbären könne.  
  Allein man kann nicht sehen, wie ein Kind, welches die Krafft und Gewalt der Lufft niehmahls empfunden, selbige so sehnlich verlangen  
  {Sp. 511|S. 269}  
  könne, daß es deswegen seinen Aufenthalt verlassen solle, zumahl da bekannt ist, daß, wenn die Kinder mit ihrem Häutlein bekleidet sind auf die Welt gekommen, selbige ohne Othem und Lufft zu Weilen lange Zeit gelebet;  
  3) weil die reiffe Frucht, wegen Mangel der Nahrung, und weil die Mutter-Gefässe zur selbigen Zeit trocken würden, den Ausgang suche, und gleichsam wie eine andere reiffe Frucht abfalle.  
  Was aber vom Mangel der Nahrung, wie auch von der Zusammenzühung und Trockene der Mutter gemeiniglich vorgebracht wird, ist gäntzlich falsch. Denn gleichwie man unmittelbar nach der Geburt keine Trockene in der Gebär-Mutter, welche voller Feuchtigkeiten ist, antrifft, also hat auch die Mutter selbst keinen Mangel an Nahrungs-Safft, als welcher nach der Geburt in den Brüsten die Milch machet, welche dem Kind viele Monathe zur Nahrung dienen muß. Zu geschweigen daß Zwillinge und Dreylinge Zweifels ohne mehr Nahrungs-Safft zu ihrer Bildung und Nahrung erfordern, welche doch die Mutter nichts desto weniger gar reichlich in der Gebär-Mutter versorgen kann.  
  4.) Weil der Safft des Schaff-Häutleins allmählig an zu faulen fienge und also dem Kinde verdrüßlich, der Gebär-Mutter aber schädlich würde, so würde solcher Gestallt die Geburt befördert und verursachet.  
  Da man aber die Fäulung dieses Safftes nicht beweisen kann, sondern vielmehr aus oben angeführten erhellet, daß er eine löbliche und die Frucht nährende Feuchtigkeit sey; als scheinet dieser Einwurff wenigen Grund zu haben.  
  5) Weil die Frucht vor dem dünnen und flüssenden Nahrungs-Saffte einen Eckel bekäme, so suche sie einen stärckern, und befördere also die Geburt.  
  Allein die Erfahrung lehret, daß zu Weilen geborne Kinder sich ein gantzes Jahr, ohne den geringsten Brey, von blosser Mutter-Milch nähren, welche doch auch keine starcke und dicke Nahrung, sondern nur ein dünner Safft ist.  
  6.) Weil der Unrath, so sich in denen Därmen des Kindes häuffig gesammlet, demselben Grimmen verursache, so sey es kein Wunder, wenn das auf unterschiedene Art belästigte Kind seine Ausgang suche.  
  Daß aber auch dieses nicht die wahre Ursache der Geburt sey, lehren diejenigen Kinder, welche offtermahls einen und den andern Tag, nach der Geburt, allererst gedachte Unreinigkeiten von sich geben.  
  Die Geburt selbst vollkommener einzusehen, ist nöthig, daß man die dabey vorfallende Verrichtung der Mutter, der Geburt, und der Weh-Mutter besonders betrachte.  
  Was demnach die Mutter anlanget, so befördert selbige die Geburt gar sehr, Theils wegen der beschwerlich angereitzten Gebär-Mutter, und derer meisten Nerven, welche zugleich gar sehr mit adficiret werden, Theils wegen des daher entstehenden Schmertzes in denen Lenden, Unter-Leibe und Hüfften, sintemahl die Gebär-Mutter von der Schwere, von dem Strampeln der Frucht angereitzet sich zusammen zühet, und scharff zusammen gezwänget wird, wodurch nicht nur die zusammen gedruckten Häutgen der Frucht selbst zerreissen, und die Wasser, die Wege schlüpfrich zu machen, springen, sondern auch die Frucht weiter hinunter getrieben wird, daß dahero nicht weniger die innere Mündung der Gebär-Mutter, als die Mutter-Scheide selbst gar sehr erweitert wird, zumahl wenn sich die Frau selber hilfft, das Zwerch-Fell abwärts drucket, und die Mäußlein des Unter-Leibes zusammen zühet, daß es dahero kein Wunder,  
  {Sp. 512}  
  wenn die Wehen nachlassen, oder die Gebär-Mutter allzusehr abgemattet worden, oder die Wege gar zu sehr ausgetrocknet, die Geburt gar zu schwer oder wohl gar tödlich wird.  
  Das Kind selbst träget zu der Geburt viel bey, indem es sich selbst, besonders mit denen ausgestreckten Füssen, den Ausgang nach Wunsch bereitet, vornemlich, da die Knochen des Haupts, welche schlapp an einander hängen, sich nach denen engen Wegen richten, dahero wenn die Frucht entweder allzu schwach oder wohl gar tod ist, so muß die Geburt nothwendig entweder sehr schwer ablauffen oder wohl gar die greisende Frau töden.  
  Bey einer natürlichen Geburt hat die Weh-Mutter nicht viel zu thun, indem sie nur die Frau gehörig setzen, derselben dicke Schenckel von denen beystehenden wohl aus einander zühen und halten, und über dieses mit ihren Fingern, welche sie zuvor mit Poumade, oder weissem Lilien- oder einem andern Öle eingeschmieret, die Mutter-Scheide gelinder von einander zühen und die innestehende Geburt mit ihren Händen anfassen und heraus zühen, nach diesen aber die Nabel-Schnur und die Mutter-Kuchen zugleich gelinde nachzühen muß.  
  Nachdem das Kind glücklich zur Welt gebracht, hat man so wohl auf dieses, als auf die Nabel-Schnur und die Wöchnerin zu sehen.  
  Was die Nabel-Schnur betrifft, soll sich die Weh-Mutter besonders lassen angelegen seyn, daß solche nebst dem Mutter-Kuchen gleich nach der Geburt folge; hänget sie aber etwas allzu feste an der Gebär-Mutter, oder das Kind ist allzu krafftloß, so ist es besser, daß sie, ehe sie die Nach-Geburt heraus zühet, zuvor die gebundene Nabel-Schnur abschneide, da sonst gemeinglich die Nach-Geburt bey einem frischen Kinde gleich auf die Geburt zufolgen pfleget.  
  Es gehöret aber zu der Nabel-Schnur, selbige zu verbinden, ein gedoppelter hänffener Faden, womit nahe bey dem Unter-Leibe des Kindes gedachte Schnur gebunden wird, und thut man wohl, wenn der Mutter-Kuchen in der Gebär-Mutter zurücke bleibet, daß man die Nabel-Schnur ungefähr 4. Quer-Daumen von der ersten Verbindung, noch ein Mahl binde, und hernach nicht weit von der letzten Verbindung die Nabel-Schnur gäntzlich abschneide. Ist solches geschehen, so wird das übrig gebliebene von der Nabel-Schnur an dem Kinde mit weicher Leinewand umwickelt, welche man täglich verneuen muß, biß die Schnur endlich gäntzlich abfället.  
  Darauf wird nach der Geburt das Kind gewaschen, und desselben Kopf, wenn er vielleicht bey der Geburt eine übele Gestallt bekommen, wiederum ordentlich zusammen gedrücket, die Füßgen und Ärmgen aber geschickt in Windeln gewunden, und das Kind endlich in weiche Betten und in eine Wiege gelegt.  
  Der Kind-Betterin aber adpliciret man gleich nach der Geburt warme leinene Tücher auf die Geburts-Glieder, die äusserliche schädliche Lufft davon abzuhalten, ihren Leib aber bindet man mit gehörigen Binden, die Mäußlein des Unter-Leibes wieder zu stärcken und die Geburts-Reinigung zu befördern, darauf man sie endlich in das Bette leget, doch so, daß die dicken Beine etwas höher zu liegen kommen, unter welche man Tücher breitet, darein das Blut lauffen möge. Man darf ihr kein starckes Geträncke zu trincken geben, sondern sie muß einen und den andern Tag mit guten Brühen und Suppen vorlieb nehmen, und im übrigen eine solche Diaet halten, welche sonst verwundeten zukömmet.  
     

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Stand: 5. Februar 2013 © Hans-Walter Pries