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Zedler: Natur HIS-Data
5028-23-1035-10
Titel: Natur
Quelle: Zedler Universal-Lexicon
Band: 23 Sp. 1035
Jahr: 1740
Originaltext: Digitalisat BSB Bd. 23 S. 535
Vorheriger Artikel: Natürliche Zweige
Folgender Artikel: Natur (Blut der)
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Stichworte Text Quellenangaben
Physik Natur, Natura, es werden in der Physick von diesem Wort allerhand Bedeutungen angemercket, welche sich gar füglich in drey Classen bringen lassen.  
  Denn erstlich verstehet man darunter GOtt, als den Urheber der gantzen Welt, weswegen die Scholastici die Natur in Naturm naturantem, die GOtt sey, und naturam, so die erschaffene Welt wäre, theilten, dabey man sich aber wohl vorzusehen hat, daß man man ihn mit den Geschöpffen nicht vor eins halte, und dadurch seine Existentz gar aufhebe. Dahin die Philosophie vieler alten Welt-Weisen gienge, die zu den neuern Zeiten Benedictus Spinoza wieder aufgewärmt, und solche gottlose Lehre in systematische Ordnung gebracht hat.  
  Vors andere beziehen sich, die Bedeutungen dieses  
  {Sp. 1036}  
  Worts, zum Theil auf die Geschöpffe, sowol in Ansehung ihrer Existentz, dahin die Redens-Art, dieses oder jenes ist nicht in rerum natura, das ist, es existiret nicht unter denen Geschöpffen, es ist eine erdichtete Sache, gehöret; als ihrer Beschaffenheit zugleich, als wenn man sagt, wir erkennen aus der Natur, so heist es so viel, wir können aus den Existentien und Wesen der Geschöpffe wahrnehmen, daß ein GOtt sey.  
  So fern aber dis Wort die Beschaffenheit und Wesen der erschaffenen Dinge anzeiget, so kan man die Natur entweder der Geister, oder der Cörper verstehen, und in Ansehung der Cörper solche in eine allgemeine und besondere theilen.  
  Jene zeiget überhaupt die innerliche Beschaffenheit der natürlichen Dinge, so fern sich solche durch allerhand Würckungen zu erkennen giebt, welche Natur nach den mechanischen Principiis eben das ist, was Mechanismus genennet wird.  
  Zwar ist dieser beyden Wörter wegen ehemahls ein Streit gewesen, indem Boyle in einer besondern Dissertation, die zu Londen 1686 Lateinisch unter dem Titel: libera in receptam naturae notionem disquisitio ad amicum, Auct. R.B. herauskommen, das Wort Natur wolte abgeschafft, und an dessen statt das Wort Mechanismus angenommen haben, welchem hierinnen Sturm in Dissertat. de naturae idolo beyfiele, der aber darüber mit dem Herrn Schelhammer, auch dem Herrn von Leibnitz in einen Disput gerieth, indem jener in dem Tractat, de natura sibi et medicis vindicata, sich angelegen seyn ließ, das Wort Natur zu vertheidigen, das andere hingegen, Mechanismus, verdächtig zu machen, worauf Sturm in natura sibi incassum vindicata geantwortet: Schelhammer aber wieder Naturae vindicatae vindicationem entgegen satzte. Des Herrn Sturms beyde angezogene Schrifften findet man in seiner Philosophia eclectic. Tom. 2. p. 359. und 692. ff. Der Herr Leibnitz aber hat seine Gedancken in den Actis Eruditor. 1698 p. 427. eröffnet. Man lese von dieser Streitigkeit Carl Günther Ludovici in der Historie der Leibnitzischen Philosophie, I. Th. §. 142. u.ff.
  Allein wenn man in der Haupt-Idee einig, daß Natur eben das, was Mechanismus bedeuten soll, so scheint sichs der Mühe nicht zu verlohnen, um das Wort selbst einen Disput anzufangen; ob aber nicht eines bequemer in Ansehung des Gebrauchs, als das andere, solches ist eine andere Frage.  
  Die besondere Natur kan wieder entweder in Ansehung der leblosen, oder der lebendigen Geschöpffe, betrachtet werden, da denn bey den letztern die Natur eben das ist, was sonst Principium vitale genennet wird, und dahin die vielfältigen Redens-Arten der Medicorum, daß sich die Natur geholffen; die Natur könne sich nicht helffen, er hat eine gute, schlechte, schwache Natur, und dergleichen, gehören.  
  Drittens wird dies Wort auch gesagt von dem Welt-Geist, denn einige statuiren, daß er über die Welt gesetzet, solche dirigire, und alles in seiner Bewegung erhalte, dahin insonderheit das Principium hylarchicum des Herrn Mori, die Natura plastica des Johann Raji, der Archeus der Paracelsisten und Helmontianer zu rechnen. Dahero hat man auch  
  {Sp. 1037|S. 536}  
  gewisse Redens-Arten von der Natur, zum Exempel, die Natur verhalte sich wunderbarlich und weislich in Herfürbringung ihrer Wercke; GOtt und die Natur mache nichts vergebens, welche sehr zweydeutig sind, indem sie entweder auf einen Welt-Geist; oder auf die einmal von GOtt verordnete Gesetze der Bewegung; oder auch auf GOtt selbst gehen können, dahero man wohl zu prüfen hat, was sonst ein Auctor, der sich dergleichen in seinen Discursen und Schrifften bedienet, für seine Principia habe.  
  Wenn Aristoteles Lib. 4. Metaphysic. cap. 4. p. 677. die verschiedene Bedeutungen dieses Worts erzehlen will, daß solches bedeute erstlich die Herfürbringung und Zeugung einer ieden Sache; hernach die erste rohe und zum Grund liegende Materie, woraus etwas gezeuget werde; drittens die gantze Structur und Einrichtung des natürlichen Cörpers, samt seinen Bewegungen, Veränderungen und andern Eigenschafften; vierdtens die Materie, woraus etwas unmittelbar bestehe; fünfftens die wesentliche Forme einer ieglichen Sache, und sechstens das Wesen eines ieglichen Dinges; es sey nun eine Substantz oder ein Accidens; so verhält es sich dabey gar unordentlich, wie denn auch die Beschreibung, die er physic. Lib. 2. cap. 1. von der Natur giebt, sehr dunckel, davon man aber in Observat. Hall. tom. 3. Obs. 7. p. 143. eine schöne Auslegung findet.  
Moral Doch wie auf solche Weise dieses Wort hauptsächlich im physischen Verstand genommen wird; also hat es auch in Absicht auf den Menschen eine moralische Bedeutung, als der eine gedoppelte Natur, eine physische und moralische, hat. Jene bestehet in dem natürlich belebten Leibe, und in der Connexion desselben mit der cörperlichen Natur in Ansehung seiner Erhaltung; diese aber in dem Gemüthe und dessen natürlichen Correlation sowol mit dem Leibe, als auch vermittelst desselben mit andern Menschen, in Absicht auf die allgemeine Glückseligkeit derselben. Ja man braucht das Wort überhaupt von dem Wesen, sowol natürlicher als moralischer Sachen.  
Recht In denen Rechten hat das Wort Natur gleichfalls unterschiedene Bedeutungen. So erkläret z.E. Accursius in §. 1. Inst. de Jur. Nat. Gent. et Civ. wie auch Florentinus in l. 3. ff. de Just. et Jur. und Paulus in l. sed etsi §. fin. ff. de jud. dasselbe von GOtt, als der ersten Grund-Ursache und dem eigentlichen Urheber aller erschaffenen und in der Welt befindlichen Dinge selber. Siehe auch §. in pecudum Inst. de rer. divis.
  Bisweilen bedeutet es auch so viel, als den natürlichen und dem menschlichen Hertzen von GOtt selbst bald bey der Schöpffung eingepflantzten Trieb zum Guten und zur Tugend, welcher auch insgemein vor den eigentlichen Grund der natürlichen Billigkeit angesehen wird, als in l. 1. ff. de minor. desgleichen in §. singulorum. Inst. de rer. divis. bald wiederum die natürliche Lust und Neigung zum Bösen, und die sonderlich durch den Fall Adams auf das gantze menschliche Geschlechte gebrachte Verderbniß aller seiner Leidenschafften und Begierden, als in l. item si unus §. principaliter. ff. de recept. arbitr. und in l. 2. pr. C. Quand. et quib.
  {Sp. 1038}  
    quae pars debet.
  Bald auch die einem ieden lebendigen Geschöpffe von Natur zustehende Krafft und Vermögen, als in §. apium et seq. Inst. de rer. divis.. und endlich auch die allen und ieden so cörperlichen als uncörperlichen Dingen bald von ihrem ersten Anfange her mitgetheilten Eigenschafften und Geschicklichkeit, oder auch deren von Natur an sich habende gute oder schlimme Beschaffenheit, Neigungen, Sitten, Gewohnheit, u.d.g. daher denn auch die Redens-Arten,  
 
  • Natura agrorum, die natürliche Beschaffenheit derer Äcker und Felder,
in l. 1. §. fin. l. 2. §. Labeo ff. de aqu. pluv.
 
  • Natura sua oder Natura sui, nach seiner natürlichen und wesentlichen Beschaffenheit oder Eigenschafft,
  • in l. 14 §. ult. ff. depos.
  • l. 15. ff. de pene. commod.
  • l. 5. ff. de rescind. vendit.
  • l. 10. §. 1 ff. quemadm. test. aper.
 
  • Natura rerum, die natürliche Beschaffenheit derer Dinge
  •  in l. 38. ff. si cert. pet.
  • l. 15. ff. de stat. hom.
  • l. 28. §. ult. ff. de judic.
  • l. 4. ff. de praescr. verb.
  Gleichwie aber diese natürliche Beschaffenheit ursprünglich allen und ieden Dingen überhaupt gantz gemein zu seyn scheinet, l. 12. §. pen. ff. de accusat.
  und also auch in diesem Verstande ein ieder Mensch ins besondere an und vor sich selbst betrachtet, oder vermöge seiner natürlichen Beschaffenheit, weder besser, noch schlechter, sondern dieselben von Natur vielmehr samt und sonders gleich durch, einer so gut als der andere, anzusehen sind; ja so gar in dieser Betrachtung auch die Menschen mit denen unvernünfftigen Bestien eines und das andere gemein haben; so werden auch unter andern die beyderseits Geschöpffen gemeinen natürlichen Regungen und Begierden in l. 1. ff. de Just. et Jur. und in §. 1. Inst. de Jur. Nat. Gent. et Civ. dem Rechte der Natur zugeeignet.  
  Wiewol unter dem letztern insgemein nur die natürliche Billigkeit und das sonst so genannte Völcker-Recht verstanden wird; als in
  • l. 1. ff. de acquir. rer. dom.
  • l. 3. et 4. de rer. divis.
  • §. singulorum. Inst. eod.
  • l. 50. ff. ad L. Aquil.
  Inzwischen aber haben dennoch auch in denen alten Römischen Gesetzen die Worte  
   
  einerley Bedeutung, und werden auch gar öffters mit einander verwechselt. Daher denn auch sonderlich in l. 85. in fin. ff. de reg. jur. gesagt wird, daß derjenige eine natürliche Verbindlichkeit auf sich habe, oder von Natur schon dasjenige zu leisten schuldig sey, worzu ihn doch nur eigentlich das sonst so genannte Völcker-Recht verpflichtet. Brissonius.
  Siehe auch Natürlich.  
Theologie Der Theologus stellet über das Wort Natur eine gedoppelte Betrachtung an, und zwar  
 
  1. in Ansehung des Menschen, davon zu sehen der Artickel: Natur der Menschen;
  2. in Ansehung der Göttlichen und menschlichen Natur Christi, davon siehe den Artickel: Naturen Christi.
 
     

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Stand: 17. Februar 2013 © Hans-Walter Pries