HIS-Data Zedler Titul [Rubrik]
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Zedler: Titul [Rubrik] HIS-Data
5028-44-471-1
Titel: Titul [Rubrik]
Quelle: Zedler Universal-Lexicon
Band: 44 Sp. 471
Jahr: 1745
Originaltext: Digitalisat BSB Bd. 44 S. 249
Vorheriger Artikel: Titul [allgemein]
Folgender Artikel: Titul [Charakter]
Siehe auch:
Hinweise:
  • Allgemeine Bemerkungen zur Textgestaltung siehe Hauptartikel
  • Für die Auflösung der Quellenangaben siehe: Personen, Römisches Recht
  • Transkribierter griechischer Text der Vorlage

  Text   Quellenangaben
  Titul, Lat. Titulus, Frantz. Titre, Ital. Titolo heist also zuerst, (wie in dem vorigen Artickel gedacht worden) und überhaupt so viel, als die Rubrick, Auf- oder Überschrifft eines Buches, Bildes, oder andern Werckes, um solches von andern unterscheiden zu können.  
  Und werden absonderlich die Worte oder Buchstaben auf denen gemahlten und geschnitzten Bildnissen der Titul genannt, woraus man entweder des Künstlers, der solches verfertiget hat, oder dessen, den selbiges abbilden soll, seinen Nahmen, oder auch die Zeit, wenn es verfertiget worden, erkennen kan. Gloss. in l. non ambiguum. C. famil. herc. und in Novell. de mand. princ. § titulos.
  Was nun insbesondere die Titul der Bücher betrifft, so pflegten die alten Schrifftsteller vor der Erfindung der Buchdruckerkunst, auf den Titel ihrer Bücher zu setzen: Liber unus, Libri duo, u.s.w. und zwar musten sie dieses darum thun, damit man wüste, in wie vielen Rollen ein Buch bestanden, ob nur eine oder mehr Rollen dazu gehöreten, damit nichts davon verlohren; oder ein mehrers, als nöthig, dazu vergeblich gesuchet würde. Denn es ist bekannt, daß zu der Zeit, als man sich nur mit geschriebenen Büchern behelffen muste, man solche Bücher nicht gefaltzet, und mit einem Bande, als einem Gehäuse eingefasset, sondern entweder nur ein lang Stück Pergament oder eine Schlangen-Haut (drakontos enteron) zu einem Buche genommen, oder einen Bogen an den andern geleimet, und es hernach in die Runde zusammen gerollet und aufgewickelt habe, fast wie heut zu Tage die Land-Charten auf Stäbe aufgerollet werden.  
  Jetziger Zeit aber, da die Bücher zusammen in eins gedruckt, und alles mit dem Custos oder letztem Worte gezeichnet, ist es unnöthig auf dem Titel zu melden, aus wie vielen Büchern eine Schrift bestehe, indem davon nicht leicht etwas verlohren werden kan, das man nicht sofort vermissen würde. Gleichwohl findet man noch viele Schrifften, deren Tittel ihre Verfasser aus einer heiligen Ehrfurcht vor das liebe Alterthum mit dem Liber unus ausgezieret haben; vielleicht daß, weil sie die wahre Ursache solcher Gewohnheit der Alten nicht gewust, sie solches als eine besondere Eloquentz angesehen.  
  Jedoch dieses wäre ihnen noch leicht zu vergeben, wenn nicht viele auf andere Art ihre Titel lächerlich machten. Man findet nicht leicht schönere Spielwercke, als wenn man der Wortforschler (Criticorum) und der Sprachkunst-Verständigen (Grammaticorum) ihre Titel zusammen liest. Da sind Thesauri, faces, lampades, cornua copiae, statuae merculiates, lucubrationes, noctes, und hundert andere Erfindungen.  
  Es läst nicht weniger schön, wenn die Scribenten ihren Büchern fein und deutliche und verblümte Titel geben. Da vertiefft einer seinen Leser bald in einen Oceanum  
  {Sp. 472}  
  macro-microcosmicum; der andere salbet ihn mit einem Smegmate Orientali; der dritte bringet ihn mit einem Uranophilo coelesti peregrino in Gesellschafft, der vierte bittet ihn bey einem renato e mysterio principio philologico zu Gevattern, der fünffte läst gar die Evangelische Wahrheit mit vier Pferden in die Welt fahren, wenn Johann Hajus eine Harmoniam Evangelicam unter den Titul, Triumphus veritatis, ordinati Evangelii quadriga invectae, sanctorum patrum exercitu stipatae schreibet, der sechste verspricht auf den Titul von vier Elementen zu handeln, und in dem Buche soll man die gantze Einrichtung der Rechts-Gelehrsamkeit suchen.  
  Die, denen man etwas schwärmerisches schuld giebet, sind Meister auf dergleichen Titul. Da höret man immer Posaunen-Stimmen, oder kriegt sonst Gesichter in die Augen, aus welchen man sich kaum zu helffen weiß. So führet zum Exempel ein Rosenkreutzerisches Buch folgenden Titel: Fratrum Roseae Crucis Fama escanzia redux, buccina Jubilaei ultimi, Evae hyperboleae praenuntia, montium Europae cacumina suo clangore feriens, inter colles et convalles Araba resonans.  
  Das läst auch sehr wohl, wenn die Titel in Form einer Frage eingerichtet seyn, wie das bekannte, was fehlet mir noch? oder, warum wilt du lauffen mein Sohn? oder, wer hat das Kalb ins Auge geschlagen?  
  Endlich haben wir Teutschen sonderlich eine lächerliche Gewohnheit, daß wir unsern Büchern unsäglich lange Titel geben. Da wird nicht nur der Haupt-Nahme des Buchs etliche mahl verändert, und alle Benennungen, die man ihm hätte geben können mit das ist, und oder, verknüpfft, sondern man findet auch gleich auf den Titel Blatte einen Auszug des gantzen Buchs.
  • Mencke de charlataneria Eruditorum.
  • Deutsche Acta Eruditorum, XXXII, Th. p. 656. u.f.
  • Johann Gottl. Biedermanns Progr. de insolentia titulorum librariorum, Naumburg 1743, in 4.
  In den Druckereyen wird der Titul zu einem Buche oder Carmen vor ein Kunst-Stück gehalten, wenn solcher wohl gerathen, weil selbiger gleichsam der Rock zum Buche ist, und keinen leichtlich vorgeschrieben wird, was vor Schrifft er dazu nehmen soll. Sondern er muß alles selbst erdichten, was zum Wohlstand erfordert wird. Der beste Vortheil, den man sich dabey bedienen muß, ist, daß man ihn vorher wohl durchlist, und in Theile abtheilet, alsdenn die Haupt-Zeile oder das Haupt-Wort setzet, nach der müssen die andern alle gerichtet werden, jedoch daß keine der andern gleich kommt, welches einen Übelstand machet. Überhaupt sehen diejenigen Titul am besten, da nicht allzu grosse Schrifften dazu genommen werden, damit die gehörige Proportion heraus kommet.  
  Auch die Buchbinder haben mit den Tituln der Bücher zu thun. Sie sollen öffters auf die Rücken der Bände die Überschrifften der Bücher setzen. Will man nun solche mit Golde aufprägen, so wird erstlich der Ort, wo die Schrifft hinein kommen soll, mit Firnebock roth, oder mit distillirten Grünspan grün, also auch mit andern Farben angefärbet; die Buchstaben, wie man sie  
  {Sp. 473|S. 250}  
  in Druckereyen hat, in den so genannten Schrifftkasten gesetzet, eingeschraubet, übern Kohlen warm gemacht, vermittelst eines Gummi-Wassers die Gold-Blätter aufgeleget, und wie mit einem Stempel eingedrücket. Endlich wird mit Golde ins Gevierdte eine Zierrath herum gemacht. Will man die Schrifft nicht mit Golde haben, mag man sie mit Druck-Farbe schwartz hinein drucken, oder mit der Feder hinein schreiben. Zeidlers Buchbinder-Kunst p. 120.
  Zum Schluß kommen wir noch einmahl zu denen Gelehrten zurücke, doch nicht zwar zu denen curieusen Tittel-Schmidten, sondern zu denen, welche in ihren Schrifften anderer ihrer Bücher anzuführen haben. Solche solten die Titel der Bücher allezeit in der Sprache und mit denen Worten, deren sich der Verfasser bedienet hat, anführen: Es wird aber gar öffters zum Schaden der Leser darwieder gehandelt. Denn man erfährt täglich, daß, wenn man bey den Buchhändlern Bücher nicht unter ihrem wahren Titel, sondern nur nach dem Sinne des Titels suchet, man, ohne dieselben zu finden, zurücke gehet; ob sie sich gleich in den Niederlagen oder öffentlichen Buchläden befinden. Will man ja den Titel eines Buches in der Sprache, darinne man schreibet anführen, so füge man dem wahren Titel die Übersetzung desselben noch besonders bey.  
  Noch mehr zu tadeln ist, wenn man die Titel zwar in ihrer Sprache, aber nicht mit ihren eigenen, sondern mit gleichgültigen Worten anführet. Also ist z.E. nicht einerley, ob ich des Demetrius Werck von den Schrifftstellern, die einerley Nahmen gehabt, unter dem Nahmen homōnymōn, oder unter dem Nahmen sonōnymōn anführe. Hierdurch wird nur die Anzahl der Bücher eines Schrifftstellers, wieder die Wahrheit, vermehret. Und was ist die Ursache solcher unächten Titel? Meistentheils die Commodität, daß man das Buch, wenn einen das Gedächtniß verlassen, nicht zur Hand nehmen will, sondern den Titel nur so hinschreibet, wie es einem am ersten beyfällt. Es klaget hierüber Bayle in seinem Histor. Critischen Lexico, unter dem Worte Demetrius.  
     

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Stand: 7. April 2013 © Hans-Walter Pries