HIS-Data
Home | Suche
Zedler: Wahrheit [5] HIS-Data
5028-52-896-4-05
Titel: Wahrheit [5]
Quelle: Zedler Universal-Lexicon
Band: 52 Sp. 916
Jahr: 1747
Originaltext: Digitalisat BSB Bd. 52 S. 471
Vorheriger Artikel: Wahrheit [4]
Folgender Artikel: Wahrheit [6]
Hinweise:
  • Allgemeine Bemerkungen zur Textgestaltung siehe Hauptartikel
  • Für die Auflösung der Quellenangaben siehe: Personen
  • : Absatz in der Vorlage vorhanden

vorhergehender Text  Teil 4 Artikelübersicht Teil 6  Fortsetzung

Übersicht
Schicksale der Wahrheiten
Sprüchwörter, Sinnbilder u.s.w. von der Wahrheit
Literatur

  Text   Quellenangaben
  Hier aber wollen wir noch der ungleichen  
  Schicksale der Wahrheiten  
  gedencken. Nicht alle Wahrheiten haben gleiches Schicksal unter den Menschen, noch überall sich gleiche Aufnahme zu versprechen. Einige werden mit einem allgemeinen Beyfall angenommen, und andere müssen sich vieler Dunckelheit beschuldigen, oder mit manchen Zweiffel bestreiten lassen, ob sie gleich nicht weniger Annehmungswürdig sind, als andere. Sie haben ihren zureichenden Grund, und ihre Deutlichkeit macht sie auch dem schlechtesten Verstande begreifflich. Nur darinnen können sie von andern unterschieden seyn, daß sie sich gewissen Entschliessungen und Neigungen eines Menschen gerade entgegen setzen. Oder sie haben das Unglück, von einer solchen Person behauptet zu werden, welche der andere nicht leiden kan.  
  Dorten machen ihr die Absichten, und hier der Affect, den Eingang zu der Überzeugung disputirlich. Beyde sind der Wahrheit geschwohrne Feinde, und weisen sie nicht selten, unter dem Nahmen der Unwahrheit, schon ab, ehe sie sich noch in ihrem Lichte und Klarheit hat zeigen können. Der Affect verschliesset ihr alle Sinnen und die Absichten bestreiten sie mit Gründen, die nur darum mehr gelten, weil sie der innerlichen Neigung und Lust das Wort reden. Diese haben sich des menschlichen Hertzens bemeistert, und fest gestellt, nichts anzunehmen und nichts zu suchen, als was ihrer Begierde, Nahrung und Unterhalt giebt.  
  Man nennet solches Absichten: Welche so mancherley sind, als das  
  {Sp. 917|S. 472}  
  natürliche Verlangen und Wünschen selbst. Dieses wird täglich grösser: Der Appetit kommt hier im Essen. Je mehr solches seinen Zweck erhalten, desto begieriger wird es gemacht, seine Absichten noch höher zu treiben, und, wo möglich auf eine Vollkommenheit zu bringen, die unübersteiglich sey. Unterdessen wird das Gemüth mit einem Vergnügen unterhalten, das nicht ohne Furcht ist. Und diese giebet den Wächter ab, welcher sorgfältig für alle dem warnet, was den Unternehmungen der Absichten entgegen seyn kan. Was ist es also Wunder, wenn manche Wahrheit schon ihr Urtheil bekommen hat, ehe sie zu dem Verhör gelassen worden ist? Wenn sie schon als eine Verführerin ausgeschryen wird, ehe sie sich noch mit ihrer redlichen Absicht hat legitimiren können?  
  Daher läst sich schliessen: Je mehr eine Wahrheit den Absichten eines Menschen zuwider ist, die er in der Welt zu erhalten sucht, desto mehr fällt er ihr bey. Der Satz läst sich umkehren, und die Grösse des Beyfalls nach der Wenigkeit schätzen, worinnen sich die Wahrheit seinen Neigungen widersetzet. Es thut Niemand einen Eintrag, daß die Winckel aller Triangel nicht mehr, noch weniger, als 180 Grade ausmachen: Und der Reiche kan ungehindert seinen Geld-Kasten anfüllen, wenn gleich das Quadratum hypotenusae so groß ist, als die beyden Quadrata catherorum.  
  Überhaupt bleiben alle Mathematische Wahrheiten bey sich, haben an sich nichts mit der Verbesserung des menschlichen Willens zu thun, und finden dahero allgemeinen Beyfall. Hat hingegen ein ehrwürdiger Alter sein Ansehen bisher bey allen Unternehmungen respectable erhalten, und er hat zu der Absicht, sich solches auch künfftig im geringsten nicht vermindern zu lassen; So mag ein jüngerer seinen Vorschlag, als unthunlich, wieder zurück nehmen, wenn er gleich mehr Wahrheit vor sich hat, als der Rath, den der Alte gegeben.  
  Wir zielen auf die Historie eines alten Lacedämonischen Königes, Eurybiades, und Themistocles, eines Atheniensischen Feld-Herrns. Jener war alt, und commandirte die Alliirte Griechische Flotte, und dieser war von jüngern Jahren. Jener wuste wohl, daß Xerxes mit einer so unzähligen Macht nicht gekommen sey, daß er die kleine Atheniensische Republick über den Hauffen werffen wolte, sondern daß es gantz Griechenland gelten solte. Er konnte mit Händen greiffen, daß, wo Griechenland der Persischen Monarchie nicht mit vereinigter Macht Einhalt thäte, würden sie eintzeln desto leichter überwältiget werden.  
  Nun muste sich es fügen, daß letzteres, nehmlich aus einander zu gehen und eintzeln zu streiten, schon von dem Eurybiades behauptet worden war, ehe das erstere, von vereinigter Macht, von dem Themistocles, einem jüngern, vorgetragen wurde. Griechenland schwebte zwar damahls in gröster Gefahr, und das Schwerdt drang schon der Freyheit des Vaterlandes und jedem Einwohner bis an die Kehle. Ein anderer würde noch zu der Zeit seine Einsichten und Eigensinn lieber haben brechen, als, mit Beybehaltung derselben, die Lebens-Gefahr vergrössern lassen; Nur Eurybiades wolte seine Ein- und Absicht, und in solcher sein gesuchtes Ansehen, mit dem gewissen Verluste seines und der Seinigen Lebens, wider die Wahrheit des Themi-  
  {Sp. 918}  
  stocles, behaupten. Man bemercke hier, wie weit es eine festgesetzte Absicht bey einem Menschen bringen kan. Sie setzet Leib und Leben, Gut und Blut auf, ihren Zweck zu erhalten; Wie viel weniger wird sie einige entgegenstehende Wahrheit zulassen, welche sich mit nichts, als damit, nothwendig machen kan, daß sie Wahrheit ist, und einen Nutzen nach ihrer Art bringet.  
  Es ist das nicht die Würckung gewisser Absichten allein, daß sie sich widersetzen, Wahrheiten anzunehmen; Sie sind auch fähig, Wahrheiten in Unwahrheiten zu verkehren. Wer solte wohl glauben, daß Qvintilian nichts von dem Nahmen des Christenthums gehöret habe, wenn er solches den Jüdischen Aberglauben nennet? Wer solte nicht meynen, daß er was besseres von den Christen gesehen, oder gehöret habe? Und gleichwohl nennet er sie eine allen Völckern schädliche Secte.  
  Qvintilian war bey zweyen Printzen des Flavius Clemens Hofmeister. Dieser hatte, mit seiner Gemahlin, Domitilla, die Ehre, um Christi Bekänntnisses willen, ein Märtyrer zu werden; Die Christen giengen häuffig in seinem Hause ein und aus; Jedermann sahe damahls auf die Christen, und beobachtete ihre Handlungen und Lebens-Wandel gantz genau; nur Qvintilian stellt sich, als wenn er von allen diesen nichts gehöret und gesehen hätte. Nein, Qvintilian! Deine Absicht, dem Domitian zu schmeicheln, ließ dich nichts von dem Guten der Christen sehen; Sie bewog dich, diesen Kayser vor einen GOtt zu halten; Und eben diese brachte dich auch dahin, die Christen zu lästern. Man lese Plinius den jüngern, wie er in einem Brieffe an seinen Herrn, den Kayser Trajan, die Christen loben muß.  
  Sie versammlen sich, (sagt er) an einem bestimmten Tag vor Aufgang der Sonnen, und singen Christo zu Ehren, als einem GOtt, Lob-Lieder. Sie verbinden sich zusammen durch einen Eydschwur, nicht einiges Verbrechen auszuüben, ihre Zusage unverbrüchlich zu halten, was ihnen in Verwahrung gegeben worden, nicht zu verläugnen etc.  
  Und was ist endlich der Schluß? Also ist dieses ein gerechtes Volck, und muß billig des Kayserlichen Schutzes gewürdiget werden. So würde er gelautet haben, wenn sich die Christen seiner Absicht unterworffen, und den Göttern geräuchert hätten. Sie konnten aber dieses Gewissens wegen nicht thun; Daher waren sie Halsstarrige und Widerspenstige, und also straffbar.  
  Bisher redeten wir von Wahrheiten, welche blos Historisch, oder allein durch das Licht der Vernunfft erkannt wurden. Gewisse Absichten setzten sich ihnen entgegen, und liessen sie nicht aufkommen. Was werden sie erst gegen geistliche Wahrheiten thun? Diese haben ihren Ursprung lediglich von GOtt, und den Endzweck, allen Kram des Hirn-Gespinstes und der Absichten über den Hauffen zu werffen, wenn sie nicht mit göttlicher Ordnung übereinstimmen.  
  Das Hertz des Menschen ist ohnedem voller Haß und Widerwillen gegen GOtt. Es verwahret mit Fleiß alle Eingänge wider das, was göttlich ist. Nur muß man es nicht zu grob machen. Es ist so Mode worden, sich zu einem Bekänntnisse zu halten, das göttliche Wahrheiten zu dem Grunde hat. Ausser dem ist man der Ge-  
  {Sp. 919|S. 473}  
  Gefahr ausgesetzet, nicht geduldet zu werden. Dahero läßt man manche geistliche Wahrheit so paßiren, ohne sich ihr heimlich in dem Hertzen, oder öffentlich, zu widersetzen. Dringen sie aber in das Hertz, und wollen solches durch ihr Licht von dem überzeugen, was sie sind; Da wird das inwendige rege.  
  Die Absichten, welche man sich in der Welt zu erlangen vorgesetzet hat, messen erst genau aus, ob die ansetzende Wahrheit ihnen zuwider, oder nicht. Können sie noch dabey stehen bleiben, so lassen sie es sich gefallen, wenn sie einen kleinen Winckel von dem Verstande des Menschen einnehmen. Ja, sie können leiden, daß man sie rühme, hoch halte und ausübe. Gantz anders verhält sich die Sachen, wenn die eindringende Wahrheit die Absicht zu weichen nöthiget. Titius hat sich vorgesetzet, ein reicher Mann zu werden, und bereits viel Güter gesammlet. Er belustiget sich an dem schönen Glantze des Metalles, an der Weitläufftigkeit und Schönheit seiner Gärten, Äcker und Wiesen, an der Ehre, vor einen wohlhabenden und angesessenen Mann angesehen zu werden. Ein unermüdeter Fleiß und beständiges Nachsinnen machet ihm die süsse Hoffnung, in kurtzem alles diß noch weit mehr vermehret zu sehen. Er machet den Schluß, nichts an Fleiß, Mühe und Sorge zu sparen, bis er seines Wunsches vollkommen theilhafftig geworden wäre.  
  Mitten in dieser Absicht, rühret die Wahrheit sein Hertz: Du Narr, diese Nacht, (oder in kurtzem) wird man deine Seele von dir fordern; Und wes wird es seyn, das du bereitet hast? Meinen Kindern? Möchte Titius antworten; Aber diese leisten in jener Ewigkeit keine Bürgschafft vor mich. Meiner Lust ein Genüge zu thun? Aber diese giebt dorten keine Entschuldigung ab. Mich auf das künfftige Leben zu versorgen, damit ich nicht Noth leiden dürffe? Aber du hast schon mehr, als dazu nöthig ist. Die Natur ist mit wenigem vergnügt. GOtt will auch die Armen nicht Hungers sterben lassen.  
  Nun wäre die Überzeugung da: Ich muß meine Sorge, mein Dichten und Trachten, besser anwenden; Wenn nicht schon die eingewurzelte Absicht solcher vorzubeugen wüste. Sie stellt ihm das bisher genossene Vergnügen lebhafft vor; Sie macht ihm die Vermuthung eines künfftigen Mangels fürchterlich, und zu einem unvermeidlichen Erfolge; Sie rühret die alten Begriffe, durch das Anschauen der vorher geliebten Sachen, wieder auf; Sie schläffert das aufwachende Gewissen, durch ein Versprechen auf künfftige gelegene Zeit, wieder ein, und behauptet also ihre alte Herberge nach, wie vorhero.  
  Auf solche Weise erhalten gewisse Absichten die Menschen, daß sie lieber dem Mammon dienen, als GOtt; Lieber dem Götzen der Ehre ein Opffer bringen, als sich unter das Creutz Christi beugen; Und so ferner. Es ist wahr, solange man noch einen Respect vor die heilige Schrifft, als GOttes Wort, hat, giebt es noch einen Kampff in dem Hertzen ab, ob man die gefühlte Wahrheit gäntzlich aus den Augen setzen, oder sie zu einer andern Zeit williger hören wolle. Will aber das Licht der Heil. Schrifft zu starck einleuchten, will es der einmahl fest gesetzten Absicht zu vielen Eintrag thun, will es zu viele Un-  
  {Sp. 920}  
  ruhe machen, hat man Mittel, sich davon zu befreyen. Man wirfft einen Zweiffel auf: Ob sie wohl GOttes Wort sey? Man bemühet sich, Gründe zu dem Gegentheil aufzubringen. Sie werden von der innerlichen Neigung unterstützet, und damit das Ansehen von der Göttlichkeit der Bibel in dem Hertzen gäntzlich zernichtet. O wie viele solten wohl unter den äusserlich sogenannten Christen gefunden werden welche in dem Hertzen nicht glauben, daß die heilige Schrifft GOttes Wort sey, oder es wenigstens nicht der Mühe werth halten, deswegen in Gedancken sich einzulassen.  
  Die Verhärtung des Hertzens, die grosse natürliche Blindheit in dem Geistlichen, und die von Jugend auf eingewurtzelte Liebe zu der Sünde, können zwar viel thun; Aber doch nicht der durchdringenden Wahrheit des göttlichen Wortes beständig widerstehen, wenn jene nicht mit den vorhergesagten Stücken gleichsam untermauret wäre. Gewiß, die Deutlichkeit der göttlichen Wahrheiten, die mit denselben würckende Krafft, die nachdrücklichen Ausdrücke, die mit der göttlichen Hoheit übereinstimmende Schreib-Art, können nicht leer von dem Hertzen zurück kommen, wo nicht die grössesten Hindernisse zugegen sind.  
  Wir wollen von der letztern nehmlich von der Schreib-Art der heiligen Schrifft, nur zu einer Probe, aus Herrn Rollin de la Maniere d'enseigner et d'etudier les belles Lettres, etwas weniges anführen, allwo er von der Einfalt und Hoheit der heiligen Schrifft redet, über die Worte:  
  Daselbst creutzigten sie ihn. Je mehr man auf den nicht nachzuahmenden Character der Evangelisten Acht hat, desto mehr erkennt man, daß sie ein gantz anderer Geist führet, als der menschliche. Sie begnügen sich, mit einem Worte zu sagen, daß ihr Herr gecreutziget sey, ohne einige Erstaunung, oder einiges Mitleiden, oder einige Erkenntlichkeit zu bezeigen. Wer würde von einem Freund also reden, der sein Leben vor uns gelassen hätte? Welcher Sohn würde auf eine so kurtze und schlechte Art erzehlen, wie ihn sein Vater von der äussersten Lebens-Straffe befreyet hätte, da er an seiner Statt gelitten? Alleine hierinnen sieht man den Finger des HErrn offenbar! Und je weniger der Mensch in einer so wenig menschlichen Aufführung vorkommt, desto klärer ist die Würckung GOttes.  
  Die Propheten beschreiben das Leiden Christi auf eine lebhaffte, rührende und pathetische Art; Ps. XI. it. XLVIII. Jes. L. it. LIII. Jerem. XI. Sie sind voller Gedancken und Betrachtungen. Aber die Evangelisten erzählen es auf eine einfältige Art, ohne Bewegungen, ohne Betrachtungen, ohne ihrer Verwunderung und ihrer Erkenntlichkeit etwas zu vergönnen, ohne das Ansehen zu haben, als wenn sie ihre Leser in Christi Schüler verwandeln wolten. Es war nicht natürlich, daß Leute, die so viele Jahrhundert von des Meßias Zeiten entfernet lebten, von seinem Leiden so gerühret waren. Es war nicht natürlich, daß Zeugen, die sein Creutz mit Augen gesehen hatten, und so eyfrig für seine Ehre waren, auf eine so gelassene Art von dem unerhörten Verbrechen reden solten, daß wider seine Person begangen worden. Der Eyfer der Evangelisten wäre ver-  
  {Sp. 921|S. 474}  
  dächtig gewesen; Der Eifer der Propheten konnte es nicht sey. Wären aber die Evangelisten und Propheten nicht von GOtt getrieben worden: So würden die erstern weit lebhaffter, und die andern weit gleichgültiger geschrieben haben. Die einen würden eine Absicht zu überreden, und die andern eine Furchtsamkeit und einen Zweiffel in ihren Muthmassungen gezeiget haben, welches Niemand gerühret hätte. Alle Propheten sind feurig, eifrig, voller Hochachtung, und Ehrfurcht gegen die Geheimnisse, die sie ankündigen: Alle Evangelisten sind ruhig, und mit einem den Propheten gantz gleichen Eifer haben sie eine nicht nachzuahmende Mäßigung.  
  Im Anfang schuff GOtt Himmel und Erden. Welcher Mensch würde wie Moses angefangen haben, wenn er von so grossen Dingen geredet hätte? Was für Majestät, und zugleich was für Einfalt! Mercket man, daß uns GOtt selbst von einem Wunder unterrichtet, welches ihn nicht in Verwunderung setzet, und über welches er ist? Ein gemeiner Mensch würde sich bestrebet haben durch den Pracht seiner Ausdrücke der Hoheit seiner Materie gleich zu kommen; Und würde nur seine Schwäche gezeiget haben. Die ewige Weisheit, die nur ihr Spiel hatte, da sie die Welt schuf, macht die Erzehlung davon, ohne, sich zu bewegen. Die Propheten, deren Absicht ist, uns die Wunder der Schöpffung bewundern zu lassen, reden gantz anders davor. In Ps. CXIII, 1. heißt es: Der Herr ist König und herrlich geschmückt! Der Herr ist geschmückt, und hat ein Reich angefangen, so weit die Welt ist, und zugerichtet, daß es bleiben soll. Von dem an steht dein Stuhl fest etc.  
  Der Herr, will David sagen, geht endlich aus seiner Einsamkeit heraus. Er will nicht mehr alleine glückselig, allein gerecht, und allein heilig seyn. Er will durch seine Güte und durch seine Mildigkeit herrschen. Mit was vor Herrlichkeit ist dieser unsterbliche König bekleidet! Was vor Reichthum hat er vor unsern Augen ausgelegt! Aus was vor einer Quelle entspringt so viel Licht und Schönheit? Wo waren diese Schätze und diese reiche Pracht verborgen, die aus dem Schooß der Finsterniß hervorgehen? Wie muß die Majestät des Schöpffers selbst seyn, wenn diejenige, die ihn umgiebt, eine solche Ehrerbietung eindrücket! Wie muß er seyn, da seine Wercke so prächtig sind?
  • Grießhammers ungleiches Schicksal derer Wahrheiten, Nürnberg 1742. in 4.
  • Acta Scholast. II B. …
  Hier müssen wir noch einige  
  Sprüchwörter, Sinnbilder u.s.w. von der Wahrheit  
  überhaupt beybringen. Democritus sagte, die Wahrheit liege in einem tieffen Brunnen verborgen, anzuzeigen, wie schwehr es sey, dieselbe zu erforschen.  
  Kinder und Narren reden die Wahrheit, nehmlich unbedachtsamer Weise, und zu der Unzeit, denn auch die Wahrheit erfordert ein Wort zu rechter Zeit.  
  Wer die Wahrheit geigt, dem schlägt man die Fiedel auf dem Kopfe entzwey, ist von verdrüßlichen Wahrheiten die nicht zu der Besse-  
  {Sp. 922}  
  rung, sondern zu der Beleidigung gemeynet, oder von boßhafftigen Menschen, die der Wahrheit und ihrer eigenen Wohlfahrt feind sind, zu verstehen.  
  Die Zeit ist eine Mutter der Wahrheit, weil verborgene, oder durch Betrug und Lügen verstellte Dinge, endlich doch offenbar werden.  
  Die Sonne hinter einer Wolcke, oder von dem Monde verfinstert, mit der Beyschrifft: Bedeckt, doch nicht benommen; Ist ein Sinnbild der Wahrheit, wie sie eine Zeitlang gedruckt, aber nicht gantz verdruckt, werden kann.  
  Eben dieses bildet auch die Lotus-Blume für, welche bey Nacht sich in das Wasser tauchet, mit angehendem Tage aber, wieder empor kommt; Mit der Beyschrifft: Der Tag zeucht sie herfür. (Extrahet orta dies)  
  Ein weiser König beklagte sich, daß die Wahrheit, die doch Fürsten so nöthig sey, an Fürstlichen Höfen am wenigsten anzutreffen.  
Literatur Von der Wahrheit sich überwinden lassen, ist ein rühmlicher Sieg:
  • Walchs Philosophisch. Lex. …
  • Rambachs Dogmat. Theol. …
  • Jablonsky Lexicon …
  • Meisners Philosoph. Lexic. …
  • Ludovici Histor. der Wolffischen Philosophie …
  • Ahlwardts Kräffte des menchl. Verstand …
  • Carpovii Erläut. der Wolffisch. Sitten-Lehre …
  • Wolffs Gedanck. von Gott, Welt und Seele …
  • Desselben Nachricht von sein. eign. Schr. …
  • Desselben Gesellschafftl. Leben der Mensch. …
  • Deutsche Acta Eruditor. …
  • Syrbii kurtze Anweis. zur Weish. …
  • Bruckers Philos. Hist. …
  • Zimmermanns Abriß der Vernunfft-Lehre …
  • Desselben natürl. Erkännt. Gottes, Welt und Menschen …
  • v. Rohrs Vernunfft-Lehre …
  • Kemmerichs Acad. der Wissensch. Eröffn. …
  • Müllers Philos. Wissensch. I Th. …
  • Gottscheds Gr. der Welt-Weish. …
  • Weisens Curieus. Fr. über die Logic …
  • Philosoph. Bücher-Saal
  • Fabricii Philos. Orat. …
  • Desselben Logick …
  • Baumeisters Philos. definitiv. …
  • Micrälii Lex. philos. …
     

vorhergehender Text  Teil 4 Artikelübersicht Teil 6  Fortsetzung

HIS-Data 5028-52-896-4-05: Zedler: Wahrheit [5] HIS-Data Home
Stand: 12. Juli 2013 © Hans-Walter Pries