HIS-Data
Allgemeine Encyclopädie HIS-Data
5139-1-03-257-1
Erste Section > Dritter Theil
Werk Bearb. ⇧ 3. Theil
Artikel: Alterthumskunde
Textvorlage: Göttinger Digitalisierungszentrum
Siehe auch: HIS-Data Alter
Hinweise: Allgemeine Bemerkungen zur Textgestaltung siehe Bearbeitung
⇦ ALTERTHUEMER
Alterthumswissenschaft ⇨

⇧ S. 257 Sp. 2  
  Alterthumskunde bezeichnet ein großes, doch ohne methodische Ordnung gedachtes, Aggregat vieler, oder aller zur Alterthumswissenschaft gehörigen Real-Kentnisse; daher auch der Name häufig für Alterthumswissenschaft selbst uneigentlich gebraucht wird. Da letztere die Alterthümer entweder aller ältesten Völker der Erde umfaßt, oder sich nur auf die der Griechen und Römer vorzugsweise einschränkt, so wird auch die Alterthumskunde bald in jenem weitesten Sinne, bald im engern Sinne genommen.♦
  In letzter Beziehung versteht man darunter eine durch lange Beschäftigung und Betrachtung der griechischen und römischen Schriften und Kunstwerke erworbene genaue Bekanntschaft mit den Sitten, Einrichtungen und Formen dieses Alterthumes, d.i. der griechischen und römischen Alterthümer selbst, so daß man mit Hilfe allgemeiner Kentniß einzelne Theile, z. B. Vasen, Gemmen, Bildnereien, Inschriften, Kunstwerke, Ruinen, Luxus, Feste, Gebräuche, Sitten u.dergl. lehrreich beschreiben, oder erläutern kann.♦
  Die Alterthumskunde, ihrem größeren und geringern Umfange nach, ist in der Alterthumswissenschaft enthalten, nicht aber umgekehrt. Denn diese setzt ihr Wesen in die systematische Anordnung und genaue Kentniß aller Theile dergestalt, daß sie die instrumentalen Doctrinen, Grammatik und Rhetorik, nicht allein einschließt, sondern zu den zwei Hauptthoren ihres Gebäudes macht. Die Alterthumskunde dagegen drückt blos ein unbestimmtes Maß alterthümlicher Kentnisse aus, denen auch das Merkmal einer scharfen Eintheilung und Anordnung nicht nothwendig zukommt. Zwar gebraucht sie auch die Sprachen als Mittel zu ihren Untersuchungen, macht sie aber selbst nicht, außer etwa in paläographischer Hinsicht, zum Gegenstand ihrer Betrachtung.♦
  Man kann ein einzelnes Feld der Alterthumskunde mit Beihilfe zerstreut aufgefundener Kentnisse und nach allgemeinen Grundsätzen gründlich bearbeiten, wenn man nur eine genaue Einsicht in die angrenzenden Gebiete, die das Verhältniß des abzuhandelnden Gegenstandes bestimmen, erlangt, und diesen selbst in seiner ganzen innern und äußern Natur erforscht hat. Die Ergebnisse solcher Forschungen erhalten in der Alterthumswissenschaft erst ihre angemessene Stelle.♦
  Bevor die Alterthumswissenschaft entstand, gab es nur Alterthumskunde. Jene angeführten Thesauren von Ugholini, Gronovius, Grävius (s. Alterthümer) enthalten Alterthumskunde, die von der Alterthumswissensthaft, als Beiträge zu ihrem System angesehen und in eine, diesem gemäße, Ordnung vertheilt werden. Diese ist daher ein organisch geordnetes, in sich zusammenhangendes und in bestimmte Grenzen geschlossenes Ganzes; die Alterthumskunde, eine Masse gleichartiger Kentnisse, deren zufällige Abtheilungen sich verändern und in keiner festen Verbindung unter sich stehen. Beide haben die genauere Kent-
S. 258 Sp. 1 ALTERTHUMSKUNDE
  niß des Alterthums zum Zweck; jene vermittelt eine Total-Anschauung, diese blos einzelne Ansichten, jene stellt alle Schätze des Alterthums nach schöner Rangordnung in ihrem Tempel auf, jene gräbt sie aus und reinigt sie einzeln von ihrem Roste. (Nachweisungen: s. den folg. Artikel).
S. 258 Sp. 1 ⇩  
HIS-Data 5139-1-03-257-1: Allgemeine Encyclopädie 1. Sect. 3. Th.: Alterthumskunde HIS-Data Home
Stand: 21. November 2017 © Hans-Walter Pries