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Zedler: Geduld HIS-Data
5028-10-572-2
Titel: Geduld
Quelle: Zedler Universal-Lexicon
Band: 10 Sp. 572
Jahr: 1735
Originaltext: Digitalisat BSB Bd. 10 S. 299
Vorheriger Artikel: Gedrusi
Folgender Artikel: Geduld CHristi
Siehe auch:
Hinweise:
  • Allgemeine Bemerkungen zur Textgestaltung siehe Hauptartikel
  • Für die Auflösung der Quellenangaben siehe: Personen, Bibel
  • Transkribierter griechischer Text der Vorlage

  Text Quellenangaben
  Geduld, ist eine wohl angewöhnte Fertigkeit des Gemüths, in allen Beschwerlichkeiten des Lebens, in allen vorfallenden Ungemach in so weit gleichmüthig und geruhig zu seyn, als es nöthig ist, das Gemüthe im Stande der Aufmercksamkeit, Überlegung und Klugheit zu erhalten, und auch in dem Übel auf das gute bedacht zu seyn, zu Behaltung und Beförderung guter Zufriedenheit.  
  Sie ist darinnen von der Standhafftigkeit unterschieden, daß sich iene im Leiden, diese aber im Thun äussert. Denn da gewiß, daß nicht alle Mittel, die zu Erlangung des höchsten Gutes nöthig, auch an sich selbst angenehm sind, sondern auch einige an sich selbst unangenehm und beschwerlich fallen, so ist zwar nicht zu läugnen, daß der Mensch das unannehmliche zu verabscheuen einen besondern Trieb bey sich finde, allein eben diesem Triebe muß man nach denen Regeln der Tugend so wenig den Zügel schüssen lassen, als wenig dieses bey der uns eben Falls eingepflantzten Begierde des angenehmen geschehen darf.  
  Dahero, da einige von diesen beschwerlichen Mitteln auch die eintzigen sind, wodurch man zum Genuß dererjenigen Zwecke, die wir begehren, gelangen kan, so erfordert die gesunde Vernunfft durch die Gegeneinanderhaltung eines zu erduldenden Übels, und des davor zu hoffenden Guten, dem natürlichen Triebe zu der Verabscheuung des beschwerlichen bißweilen Gewalt zu thun, und einem gegen-  
  {Sp. 573|S. 300}  
  wärtigen unangenehmen sich willig und getrost zu unterwerffen, um eines dadurch zu erlangenden grössern Gutes theilhafftig zu werden, oder ein bevorstehendes noch grösseres Übel zu vermeiden.  
  Indessen will man hierdurch nicht eine apathian derer Stoicer verstanden haben, welche eine gäntzliche Unempfindlichkeit in Wiederwärtigkeiten von denen Menschen forderten, indem sie den Schmertz allein zu dem Leibe rechneten, und diesen als ein Gefängniß der Seelen ansahen, der zu dem Wesen eines Menschen eigentlich nicht gehöre, und daher schlossen, der Schmertz gehe das Gemüth oder den Menschen gar nicht an, sondern sey was fremdes, das die Seele weder glücklich noch unglücklich mache. Cicero Tusc. Quaest.
  Allein da diese Unempfindlichkeit dem Endzwecke, welchen in Wiederwärtigkeiten sich vorzusetzen die Vernunfft erfordert, gantz zuwieder ist, so muß vielmehr ein weiser Mann ein Übel nicht obenhin ansehen, sondern er wird es vielmehr in allen seinen Folgerungen, u. nach aller seiner Wichtigkeit empfinden, auch darüber eine Gemüths-Bewegung empfinden; allein bey derselben wird er alle Zeit soviel Gleichmüthigkeit und Gelassenheit übrig behalten, als von Nöthen ist, das Gemüth im Stande der Aufmercksamkeit, der Überlegung, und der Klugheit zu erhalten, damit er dem Übel mit Verstand begegnen könne. Ein geduldiger Mensch hält also die Strasse zwischen einer Stoischen Unempfindlichkeit, und zwischen einer wilden und verwegenen Wuth.
  • Esprit de la Fausseté de Vertus humaines Tom. II. c. 22.
  • Ridiger Anweisung zur Zufriedenheit.
  • Wolff Gedancken von derer Menschen Thun und Lassen …
  • Thomasius Einleit. zur Sitten-Lehre …
  • Müller Anmerck. über Gracians Oracul. … Ethic. 12.
  Zu einer christlichen Geduld gehöret  
 
1) wahre Busse; denn man muß dencken, man habe das zugeschickte Creutz mit seinen Sünden verdienet,
Jer. 30, 15.
 
und daher wahre Busse thun;
Es. 94, 6. 9.
 
2) Der wahre Glaube,
  • 2. Thess. 1, 4.
  • Jac. 1, 3.
 
 
a)  weil wir durch den Glauben gewiß seyn müssen, daß uns die Trübsal nicht ungefähr begegne, sondern nach dem Willen und vorbedachten Rath GOttes;
  • Amos 3, 6.
  • Matth. 10, 29.
 
 
b) weil wir gewiß seyn müssen, daß wir durch Christum mit GOtt versöhnet,
Rom. 5, 1. 10.
 
 
  und daß daher GOtt unser lieber gütiger Vater sey daß er es nicht böse meynen könne, und daß alle seine Wege, die er mit uns gehet, auf eitel Güte und Wahrheit, Heil und Seligkeit hinauslauffen;
 
 
 
c) weil wir durch den Glauben den Trost ergreiffen müssen, den uns GOtt in seinem Worte vorhält;
Rom. 15, 4.
 
 
d) weil wir durch den Glauben auf CHristum, unsern Vorgänger, sehen und ihm folgen müssen;
Ebr. 12, 2.
 
 
e) weil wir durch den Glauben unsere Hertzen müssen abwenden von der äusserlichen Gestallt des Creutzes, und auf GOttes Liebe und die verheissene Herrlichkeit sehen.
Luc. 23, 43.
 
3) Ein gut Gewissen, denn wenn man weiß, daß man ihm selbst durch Sünde das Creutz zugezogen, so ist das Hertz unruhig, daraus denn leichtlich Ungeduld und Kleinmüthigkeit entstehen kan.
  • 1. Tim. 1, 18.
  • Ps. 7, 4. 5.
  • Es. 38, 3.
  • 1 Petr. 4, 15. 16. 19.
 
4) Die Hoffnung der Hülffe GOttes, daß man im Hertzen gewiß sey, GOtt werde das Creutz lindern.
  • 2. Macc. 7, 20.
  • Rom. 5, 5. 8, 25. 15. 4.
 
5) Die Liebe GOttes und des Nächsten, daß man nicht wieder GOtt murre,
Job. 30,
  {Sp. 574}  
  21.
 
sondern stille halten, und mit des Nächsten Schwachheit auch Geduld trage.
  • Col. 3, 12. 13.
  • 1. Thess. 5, 14.
 
6) Innerliche Freude des Geistes, daß einen GOtt so hoch gewürdiget, ihm das Creutz nachzutragen.
  • Ps. 118, 21. 119, 21.
  • Matth. 5, 11. 12.
  • Act. 5, 41.
  • Rom. 5, 3.
  • 1. Petr. 4, 13.
  • Jac. 1, 2.
 
7) Beständigkeit, daß man bey allen Trübsalen in der Geduld beständig bleibe.
Jac. 1, 4.
  Solche Geduld  
 
  • Prou. 3, 11.
  • Syr. 2, 4.
  • Ps. 27, 14.
  • Luc. 21, 19.
  • Rom. 12, 12.
  • 2. Cor. 6, 4.
  • Eph. 4, 2.
  • 1. Tim. 6, 11.
  • Tit. 2, 2.
  • 2. Petr. 1, 6.
  • Ebr. 12, 1.
  • Jac. 5, 7.
 
  • ist eine Gabe GOttes,
  • Rom. 15, 5.
  • Phil. 1, 28. 29.
 
  • eine Frucht des Geistes,
Gal. 5, 22.
 
  • gefället GOTT wohl.
Syr. 1, 33.
  er verheisset alles Gute davor, nemlich  
 
  • seinen Beystand,
  • Ps. 91, 15.
  • Es. 41. 10. c. 3, 2.
 
  • Trost,
Ps. 138, 7.
 
  • Linderung und Erlösung,
  • Ps. 91, 14.
  • Thren. 3, 31. 32.
  • Es. 54, 8.
 
  • Vergeltung,
Matth. 5, 11. 12. 10, 22. 24, 13.
  er weiß unser Creutz und Geduld, Apoc. 2, 19.
  sie ist nöthig,
  • Luc. 14, 27.
  • Act. 14, 22.
  • Ebr. 10, 35.
  und nützlich.
  • 2. Cor. 1, 6.
  • Ebr. 10, 35.
  Damit sie aber in dem Hertzen erwecket werde, muß man  
 
  • Apoc. 3, 10.
  • Luc. 8, 15.
 
  • sich aufs Creutz wohl bereiten,
  • Syr. 2, 1.
  • 1. Petr. 4, 12.
 
  • die Ungeduld im Hertzen töden und andächtig beten.
 
  Solche Geduld haben ausgeübet,  
 
  • Isaac,
Gen. 22, 9.
 
  • Joseph,
Gen. 45, 5.
 
  • Moses,
Num. 12, 3.
 
  • Hiob,
  • Job. 1, 21. 2, 3. etc.
  • Jac. 5. 11.
 
  • Tobias,
Tob. 2, 13.
 
  • der Herr CHristus,
  • 1. Petr. 2, 21. 23.
  • Ebr. 12, 2.
 
  • die Apostel,
Act. 5, 41.
 
  • die Mutter mit ihren sieben Söhnen,
2. Macc. 7.
 
  • und andere mehr.
 
     

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Stand: 4. November 2016 © Hans-Walter Pries