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Zedler: Gantz HIS-Data
5028-10-269-10
Titel: Gantz
Quelle: Zedler Universal-Lexicon
Band: 10 Sp. 269
Jahr: 1735
Originaltext: Digitalisat BSB Bd. 10 S. 148
Vorheriger Artikel: Gantum
Folgender Artikel: Gantz … Gans
Siehe auch:
Hinweise:

  Text Quellenangaben
  Gantz, Lat. Totum, wird eigentlich ein aus vielen einfachen Stücken zusammengesetztes Ding genennt; die einfachen Stücke aber, daraus das Gantze bestehet, heissen Theile.  
  Die Sache wird ordentlich in der Metaphysic abgehandelt.  
  Das Gantze ist aber also beschaffen, daß entweder würckliche Theile vorhanden, aus denen es zusammengesetzet ist; oder daß bloß in den abstracten Idéen unsers Verstandes als ein aus unterschiedenen Theilen bestehendes betrachtet wird. Dieses heisset Totum vniuersale, jenes Totum essentiale integrale. Doch dieser letztern beyden sind wieder von einander unterschieden; wenn sie unter sich gegen einander gehalten werden.  
  Man kan ein würcklich zusammen gesetztes Ding nach seinem physicalischen Wesen betrachten, welches so viel ist, als nach seinen einfachen Principiis, welche, indem sie durch ihre Facultates oder thätige Kräffte in einander würcken, sich in ein zusammengesetztes Ding, und also in ein reales Gantze vereinigen. Und dergleichen nennet man ein Totum essentiale, ein wesentliches oder physicali-  
  {Sp. 270}  
  sches Gantze.  
  Die Principia nun, die solcher Gestallt durch ihre thätige Kräffte in einander würcken, und sich hierdurch in ein Gantzes vereinigen, heissen wesentliche Theile oder Partes essentiales. Also sind der Verstand und Wille die wesentlichen Theile der menschlichen Seele; die Empfindung, Gedächtniß, Einbildungs-Krafft und Beurtheilungs-Krafft machen zusammen den Verstand aus.  
  Weil nun ein solches aus seinen Principiis allbereit gezeugtes Gantze nothwendig an einander hangende Theile haben muß, die, gleichwie sie in der Mischung ihrer Principiorum mit einander übereinkommen, also hingegen nur dem Orte nach von einander unterschieden sind, und dahero Partes extra partes genennet werden. Wenn wir also ein Ding nicht nach seinen würckenden Principiis, sondern nach seiner Extension und Quantität betrachten, die als ein Gantzes in ihre einfachern oder kleinern Quantitäten getheilet werden kann, so pflegt es ein Totum integrale im Gegensatz gegen das essentiale genennet zu werden.  
  Wie also bißhero das Gantze abgehandelt worden, giebt sich von sich selber, daß es würckliche Theile habe, diese Theile aber auch gehörig vereiniget seyn müssen, denn ein Gantzes ohne Theile wiederspricht sich selbst. Es ist also das Totum vniuersale eigentlich kein Gantzes zu nennen, weil es nur in so ferne ein Gantzes genennet wird, indem man viele Accidentia, als der Grund seiner Specierum von ihm gedencken kan.  
  So geht man auch über den eigentlichen Begriff des Gantzen, wenn man GOTT ein Totum perfectionale nennet, welches zwar keine wahrhafften Theile hat, von welchem sich aber doch viele ja alle Vollkommenheiten gedencken lassen.  
  Die menschliche Seele nennen einige Totum potestatiuum, welches zwar weder partes essentiales noch integrales habe, von welchem sich aber doch unterschiedene Potentiae gedencken und abstrahiren lassen; z.E. die Krafft zu empfinden, erinnern, beurtheilen, und dergleichen.  
  Einige erzählen unter denen Gantzen auch ein Totum numerale, welches eine Zahl, die man als ein Gantzes betrachtet, seyn soll, z.E. die zwey und siebentzig Dollmetscher. Allein man betrachtet entweder die gezählten Dinge, so sind sie nicht eins, sondern viele unterschiedene Dinge, und also kein wahrhafftes Gantze; oder die Zahl an sich selbst, und in Abstracto, so ist sie eine Art des Gantzen nur in Gedancken.  
  Auf derer Mathematicorum ihr Gantzes nun wieder zu kommen, so verstehen sie darunter eine jede Grösse, in so ferne man solche als eines ansiehet, das vieles andere von gleicher Art in sich hält, so von einander unterschieden werden kan, und dem es zusammen genommen gleich ist. Es sey AB eine Linie in verschied-  
  [Grafik]  
  dene Theile AC, CD, DE, EB zertheilet, sie mögen gleich oder ungleich seyn; so wird in Ansehung dieser Theile, so von gleicher Beschaffenheit, nemlich eben Falls Linien sind, und zusammen genommen die Linie AB ausmachen, ein Gantzes genennet. Es ist demnach das Gantze nichts anders als ein relatiuum, da nemlich eine Grösse nicht eher zum Gantzen wird, als biß man solche zertheilt betrachtet, und diese Theile mit ihr vergleichet; daher kan auch AC, das man  
  {Sp. 271|S. 149}  
  bisßher als einen Theil der Linie AB betrachtet hat, eben Falls zum gantzen werden, wenn man solche wiederum in Theile zerschnitten sich concipiret und solche Linie AC darauf bezühet.  
  Aus dieser Notion flüssen alsobald die bekannten Axiomata, daß das Gantze allen seinen Theilen zusammen genommen gleich sey, ingl. daß das Gantze grösser sey als ein jedes Theil desselben; welches letztere Wolff in Elem. Arithm. zum Theoremate machet und solches aus der Notion des grössern demonstriret; wiewohl man solchen Satz, der an sich selbst klar ist, und durch eine Demonstration fast undeutlicher werden will, gar wohl als ein Axioma und ohne Demonstration annehmen kan; daher auch ein ungenannter in einem Schediasmate unter dem Titel: Specimina logica heroica zwischen Christian Wolffen und Andreas Ridigern wegen der Demonstration, daß das Gantze grösser sey, als ein jeder seiner Theile, sich ziemlich darüber moquiret, und auf beyden Seiten verschiedene Logicalische Schnitzer anmercken will.  
  Wir haben oben schon angemercket, daß das Mathematische Gantze integrale zum Unterscheide des essentialis genennet werden. Jenes integrale ist wiederum zweyerley, es bestehet entweder aus Theilen, die mit dem Gantzen von einerley Wesen sind, und von ihm nur darinne unterschieden sind, daß sie kleiner als das Gantze, ausser dem aber an keine gewisse Determination der Quantitaet gebunden sind, z.E. ein Stück Holtz, wenn es in so viele kleine Stücke, als man will oder kan, getheilet wird; oder es bestehet aus Theilen, die eine gewisse Determination der Quantitaet, nemlich eine gewisse Grösse, Figur und Structur unter einander haben müssen, z.E. ein organischer Cörper. Das erste wird insgemein Totum homogeneum oder similare, das andere heterogeneum oder dissimulare genennet. Aristoteles de Part. Animal. II. 1.
  In dem ersten Falle trägt die Determination der Quantitaet derer Theile man mag sie so groß oder klein setzen, als man will, nicht zum Wesen des Gantzen bey; in dem andern aber aller Dings etwas, dahero das Totum integrale homogeneum ein gemischtes Gantze, nemlich Physico- mathematicum ist. Die Theile des Totius heterogenei sind entweder principales oder minus prinicpales. Jener heist der, der das Gantze ohne Untergange seines Wesens nicht entbehren kan, z.E. der Kopf, das Hertz eines Menschen; dieser aber heist ein Theil, den das Gantze ohne Verlust seines Wesens entrathen kan, z.E. ein Finger, Zahn und dergleichen, deswegen bleibt er doch ein Mensch. Wenn ein Totum heterogeneum alle seine partes principales und minus principales hat, so heisset es totum integrum; wenn es hingegen einen partem minus principalem, dessen es nicht wieder theilhafftig werden kan, verlohren hat, so heisset es ein Totum mutilum, welches also zwar nicht mehr Totum integrum, aber doch noch ein Totum integrale ist. Aristoteles Met. V. 27.
  Alle die bißher abgehandelten Gantze pflegen Tota vulgaria genennet, und denen mysticis entgegen gesetzet zu werden. Dieses theilen sie wieder in personale, welches CHristus ist, der aus der göttlichen und menschlichen Natur, die persönlich mit einander vereiniget sind; und sacramentale, so eine irdische und himmlische Sache, die sacramentirlicher Weise vereiniget wird, in sich be-  
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  greifft.  
  Die vornehmsten und nützlichsten Regeln von dem Gantzen sind diese:  
 
  • wo ein Gantzes ist, müssen nothwendig Theile seyn; wenn man setzet, daß ein wesentliches oder physicalisches Gantze da sey, so müssen nothwendig alle wesentliche Theile desselben da seyn:
  • wo ein Mathematisches und zwar Totum integrale homogeneum ist, da müssen nothwendig partes integrales homogeneae seyn, derer jeden man wiederum in eben dergleichen Theile, von was vor Grösse und Figuren man nur will, zu zertheilen fortfahren kan, so lange man will, welches letztere aber von andern Arten des Gantzen sich nicht thun läst:
  • wo ein Totum integrale heterogeneum oder physico-mathematicum ist, da müssen alle zu solchem Gantzen erforderlichen Partes principales seyn, und kein eintziger dererselben kan ohne Untergang des Wesens eines solchen Gantzen seyn:
  • unter denen Partibus minus principalibus eines solchen Gantzen kan einer und der andere fehlen, ohne Schaden des Totius integralis, in Ansehung seines Wesens:
  • wenn man ein Totum heterogeneum integrum setzet, so müssen nothwendig alle Partes integrales, so wohl principales als minus principales desselben zugegen seyn:
  • das Totum integrale muß nothwendig grösser seyn, als ein jeder unter seinen Theilen, wenn man alle wesentliche Theile eines Gantzen, und die zur Hervorbringung dieses letztern erforderliche Vereinigung setzet, so muß nothwendig das wesentliche oder physicalische Gantze da seyn:
  • wenn man Partes integrales homogeneas, und daß diese, in was vor Ordnung und äusserlicher Gestallt es auch nur sey, zusammen hange, setzet, so muß nothwendig ein Totum integrale homogeneum da seyn:
  • wenn man die zum Wesen eines Totius heterogenei physico-mechanici erforderte Partes integrales heterogeneas in gehöriger Vereinigung sowohl unter einander, als mit denen thätigen Partibus essentialibus setzet, so muß dasselbe gantz vorhanden seyn:
  • wenn die Partes heterogeneae eines Totius physico-mechanici die gehörige Grösse, Gestallt, oder Vereinigung nicht haben, so wird solches eine Mißgeburt genennet.
  • Scheibler Op. Log. …
  • Donati Metaph. vsual.
  • Velthem Institut. Metaph. …
  • Hebenstreit Philosoph. prim. …
  • Weise Compend. Metaph. recognit. …
  • Clericus Ontolog.
  • Titius Art. Log. …
  • Müllers Metaph. …
  Weil nun das Gantze eine Sache ist, so ungetheilet ist, als sind daher die Redens-Arten der H. Schrifft zu erklären, wenn GOtt von uns fordert, wir sollen ihn lieben von gantzem Hertzen, von gantzer Seele und von gantzem Gemüthe.
  • Deut. 6, 5.
  • Matth. 22, 37.
  Fürchten und dienen sollen wir ihm von gantzem Hertzen. 1. Samuel. 12, 24.  
  GOTT selbst verheisset gutes zu thun von gantzem Hertzen und von gantzer Seele. Jer. 32, 41.
  Auch hat das Wort Gantz bey denen Juristen den Nachdruck, daß es alles in sich begreifft, und nichts ausschlüsset.  
     

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Stand: 3. April 2013 © Hans-Walter Pries