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Zedler: Erfindung HIS-Data
5028-8-1600-3
Titel: Erfindung
Quelle: Zedler Universal-Lexicon
Band: 8 Sp. 1600
Jahr: 1735
Originaltext: Digitalisat BSB Bd. 8 S. 831
Vorheriger Artikel: Erfinder
Folgender Artikel: Erfolgung
Siehe auch:
Hinweise:
  • Allgemeine Bemerkungen zur Textgestaltung siehe Hauptartikel
  • Für die Auflösung der Quellenangaben siehe: Personen

  Text Quellenangaben
  Erfindung, es sind nicht alle Gemüther derer Menschen geneigt, nur demjenigen nachzusinnen, was sie von andern gelernet haben: es sind auch einige beflissen, Vermöge der Weite ihres Verstandes, auf etwas neues zu gedencken, und ihren Verstand nach der rechten Weite zugebrauchen; und diese, die solches thun, werden die Erfinder genennet.  
  Die Natur unsers Verstandes zeiget gantz deutlich, daß ein jeder, welcher nur nachsinnet, etwas, das vorhin noch nicht gewesen, entdecken könne. Es geschiehet aber solches auf zweyerley Art: Einige erfinden neue Grund-Lehren einer zuvor bekannt, oder noch nicht bekannt gewesenen Disciplin, auf welche sie solche auf eine neue besondre Art bauen. Dergleichen Erfindung wir in der Lehre von dem Rechte der Natur, bey dem Grotio, Pufendorf, Hobbesio, und andern, die alle neue Principia dieser Disciplin setzen, antreffen. Andre hingegen gründen sich auf die schon erfundenen Principia, suchen dieselben nur weiter auszuarbeiten, und die Lehr-Art bey derselben zu verbessern, welches eben so wohl eine nützliche Erfindung ist, als das erste, ungeachtet dieses nicht so viel Aufsehens als jenes machet.  
  Das Recht und die Verbindlichkeit, neue Gedancken zu erfinden, gründet sich auf die Beschaffenheit des menschlichen Verstandes, aus welchen man den Willen GOttes, von dem sie ihren Ursprung hat, erkennen kann. Der menschliche Verstand ist keinen Gesetzen unterworffen, und da der Raum oder die Grentzen desselben, von dem Schöpffer des menschlichen Verstandes herstammet, so folget, daß sich der Mensch desselben zu seinem Nutzen soweit gebrauchen kann, als es die Natur zulässet, und also kein menschliches Ansehen engere Grentzen zu setzen berechtiget sey.  
  So höchst nöthig dergleichen Erfindungen neuer Gedancken sind: so viel Verdruß pflegen sie ihren Urhebern zu erwecken. Die Geschichte der gelehrten Welt stellen davon gnugsame Zeugnisse an den Tag. Diejenigen, welche das alte bereits erlernet, und auch dieses ihnen sauer genug geworden, werden allemahl verdrüßlich, wenn sie von neuen Erfindungen hören, welche ihnen ihre Arbeit zu verdoppeln scheinen. Man höret alsobald ein Geschrey von Neulingen, und die schädlichen Neuerungen sind ihnen das allergrösseste Übel. Sie geben vor, es könne nichts gesagt werden, was nicht von denen Alten allbereits wäre gesagt worden, und wären eben diese Alten auch keine Narren gewesen.  
  Franciscus Redus ein Florentinischer Medicus, war so sehr vor den Aristotelem eingenommen, daß er in keinen Tubum sehen wollen, damit er nicht überzeugt wurde, daß Gallilaeus a Gallilaeis mehr Sterne als Aristoteles gesehen hätte. Hisbertus Voetius, als er etwas von der neuen Methode des Cartesii hörete, schrieb schon ein Jahr vorher, ehe solche zum Vorschein gekommen, eine Wiederlegung.
  • Lilienthal de Machiavellismo Litterar. …
  • Clericus in Epistol. Criticis
  Die gelehrte Historie giebt auch ferner Zeugniß, wie manchen seine gute Erfindungen so übel belohnet worden, und wie wenig sie Bey-  
  {Sp. 1601|S. 832}  
  fall gefunden. Der berühmte Anatomicus Haruaeus muste lange Zeit die verdrüßlichsten Urtheile derer Medicorum und Anatomicorum hören, als er die vortrefflichste Erfindung der Circulation des Geblüts erfunden. Cartesius gab durch sein Erfinden in der Philosophie zu denen hefftigsten und bittersten Streitigkeiten Gelegenheit. Josephus Quercetanus und Theodorus Meyer hatten Noth genug auszustehen, als sie die chymische Physic in Aufnahme zu bringen suchten. Mehrere Exempel findet man beym Webster in Untersuchung derer so genannten und vermeynten Hexereyen ...
  Andere plagt der Neid, daß sie nicht vertragen können, wenn einige mit neuen Erfindungen zum Vorschein kommen. So bald sich nur einer mercken läst, daß er die Ehre einer eignen Meditation erlangen will, so bald wissen die Vertheidiger derer alten Lehren, einige alte Ketzer anzuführen, deren Grillen nur sollen wieder aufgewärmet werden. Dergleichen Verehrer des Alterthums geben ihre Blösse allzusehr an den Tag, daß sie die Beschaffenheiten derer Wissenschafften und des menschlichen Verstandes nicht eingesehen haben.  
  Es ist unbesonnen, daß man eine Lehre deswegen vor falsch ausgeben will, weil sie neu ist, gleich als wenn das Alter der Wichtigkeit einer Sache etwas zusetzen könnte. Sie mögten nur überlegen, daß die alten Meynungen zu denen Zeiten, da sie erfunden worden, auch neu gewesen seyn, und daß ihre Erfinder nichts anders als Nouatores gewesen, und sie also Vertheidiger derer Nouatorum seyn, indem sie die Nouatores bestreiten wollen.  
  Weil es also gefährlich ist, neue Wahrheiten hervorzubringen, so hat man hierbey einer besondern Klugheit von Nöthen. Die Klugheit führet uns alle mahl auf unsern Nutzen. Es ist also vernünfftig in Wissenschafften eine Erneuerung zu treffen, wo der gehörige Nutzen durch die gemeinen Lehren nicht erlanget wird. Wenn der alte Weg nicht mehr nützlich ist, so muß ein neuer erfunden werden. Die Erfinder zu unsern Zeiten haben also gute Ursache gehabt, die Sitten-Lehre des Aristotelis, welche sehr wenigen Nutzen hatte, zu verwerffen, und ihre neue zu dem Rechte der Natur gehörigen Gedancken an deren Stelle anzunehmen.  
  Findet man aber unter denen alten auch Lehren, die ihre gute Richtigkeit haben, und ihren Nutzen in der Praxi zeigen, so ist es der andre Fehler, wenn man sie gleichfalls so schlechter Dings verwerffen wollte. Es ist dieser zu unsern Zeiten gleichfalls nicht ungewöhnlich, und entstehet er gemeiniglich aus einem unzeitigen Hochmuthe sich hervorzuthun, und aus der wenigen Einsicht in die Lehren derer Alten. Man will gemeiniglich das Unkraut mit dem Weitzen ausgäten, wie solches bey der alten Lehre von denen Syllogismis geschehen ist.  
  In Glaubens-Sachen lasse man das Erfinden neuer Dinge bleiben. Es ist eine gefährliche und meistens unglückliche Bemühung grosser Männer gewesen, wenn sie die Fähigkeit ihres Verstandes in solchen Dingen zeigen wollen, welche der Vernunfft nicht unterworffen sind. Der Mensch kann zwar seine Vernunfft gebrauchen, aber er muß nicht über die Grentzen derselben schreiten. GOTT giebt uns viele Lehren, welche er eben deßwegen Geheimnisse nennet, weil wir sie nicht begreiffen sollen. Bey solchen Geheimnissen muß die Vernunfft stille stehen, und sich dem Gehorsam des Glaubens unterwerffen, da wir der Vernunfft deßwegen nur glauben zustellen, weil GOTT  
  {Sp. 1602}  
  nur mittelbar durch sie redet. Warum wollen wir demselben nicht Glauben zustellen, wenn er unmittelbar in seinem Worte mit uns redet?  
  Die Art und Weise, wie man seine neue Gedancken hervorbringen, der Knechtschafft der menschlichen Auctorität entrinnen, und demnach sein zeitliches Glück dadurch nicht verderben soll, solches erfordert eine besondere Klugheit. Man hat aber hier insonderheit drey Stücke zu betrachten.  
  1.) Die Zeit, darinnen man lebet. Eine Zeit verträgt nicht so viel Wahrheit als die andre. Socrates muste seine Freyheit zu gedencken mit dem Leben bezahlen. Jo. Huß hatte ein gleiches Schicksal. Hingegen drang Lutherus vielleicht aus einer sonderbaren Schickung GOTTES zu seinen Zeiten hindurch.  
  2.) Die Umstände derer eigentlichen Personen, ob man durch den Stand und zeitliches Glücke über den Haß und Neid andrer allbereit erhaben, daß uns selbige nicht schaden können, wie sich solche Umstände bey dem Cartesio befanden.  
  3.) Die Wahrheiten selber. Man muß hierbey betrachten, wie viel an denenselbigen gelegen, und wie weit sich der Vortheil dererselben erstrecket. Man muß wegen derer Vorurtheile, die sich dabey befinden, nicht gerad zugehen, sondern die Gelegenheit erwarten, wie man am besten die Vortheile bestreiten könne. Mit denen neuen Wahrheiten viel zu prahlen und grossen Wind zu machen, ist nur eine Verhinderung, indem hierdurch nur das Aufsehen vergrössert, und der Neid desto mehr erreget wird. Columbus wäre vielleicht mit seinem neuen Angeben nicht so sehr verlachet worden, wenn er nicht seine neue Entdeckungen auf eine prahlerische Art vorgetragen hätte.  
  Doch muß ein vernünfftig gelehrter Mann das Gelächter seiner Zeiten nicht achten, sondern das rechte Urtheil der unparteyischen Nachwelt überlassen, die offtmahls Dinge lobt, die man vor dem gescholten, u. vielmahl das verwirfft, was doch vor dem gegolten.  
  Offtmahls geschiehet es auch, daß viele, aus Begierde etwas neues zu sagen, alte Dinge mit einem neuen Fürniß überstreichen. Es hat der gelehrte Huet Censura Philos. Cartes. 8. gezeigt, daß der Mechanismus Cartesii eine alte Meynung sey, u. wäre sie von dem Cartesio auf eine neue Art vorgetragen worden. Bey solchen Sachen muß man behutsam gehen, u. durch Hülffe einer historischen Erkenntniß den wahren Werth einer Meynung einsehen.
  • Müllers Anmerck. über Gracians Oracel …
  • M. Jo. Friderich Crellii Diss. de Obligatione ad Inuentenonem nouorum Leipzig 1729.
     

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Stand: 7. April 2013 © Hans-Walter Pries