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Zedler: Ens HIS-Data
5028-8-1255-14
Titel: Ens
Quelle: Zedler Universal-Lexicon
Band: 8 Sp. 1255
Jahr: 1735
Originaltext: Digitalisat BSB Bd. 8 S. 661
Vorheriger Artikel: En-Rimmon
Folgender Artikel: Ens, ein Fluß in Franckreich
Siehe auch:
Hinweise:
  • Allgemeine Bemerkungen zur Textgestaltung siehe Hauptartikel
  • Für die Auflösung der Quellenangaben siehe: Personen
  • Transkribierter griechischer Text der Vorlage
  • Der Text ist zeilengerecht zur Vorlage gesetzt. Eingefügte Absätze sind eingerückt.

Stichworte Text   Quellenangaben
  Ens. Es wird dieses Wort in weitern und
engern Verstande gebrauchet.
 
  In dem wei-
tern Verstande verstehet man alles darunter,
was man sich nur in dem Verstande vorstellen
kan, es mag nun würcklich existiren oder nicht.
 
  Im engern Verstande bedeutet ens eine solche
Sache, die würcklich existiret, und mithin ihr
Wesen hat.
 
  In gantz engern Verstande wird
dadurch das unverweßliche Wesen, das ist GOtt,
verstanden,
wie solches Plato in Timao p. 526. i
n Sophisticis p
. 163. Phoed. p. 378. gethan.
  Duch onta werden auch uncörperliche Sachen,
die mit denen äusserlichen Sinnen nicht
übereinstimmen, verstanden.
  • Eckard Fechn.
    Sacr
    . 1. §. 9. 10.
  • Scyrold Einleitung zur Ki-
    rchen-Historie p. 194.
  Die alten Philosophen
machten unterschiedene Classen derer ontōn.
Han-
schius
de Enthusiasmo Platonico
S. 7. §. 35. p.
135
  Die Peripatetici erinnern auch noch bey dem
Worte Ens, daß es in zweyerley Verstande,
nehmlich entweder nominaliter oder participi-
aliter
genommen würde. Die participia de-
rer verborum sind von denen nominibus dar-
innen unterschieden, daß jene nebst denen Haupt-
Bedeutungen ihrer Wörter zugleich die Neben-
Bedeutung eines Thuns oder Leidens, das durch
ihr Verbum ausgedruckt wird, andeuten. Al-
le Verba enthalten die Bedeutung eines Leidens
oder Thuns in sich z.E. lauffen, schreiben ge-
schlagen werden; die Nomina hingegen abstra-
hi
ren von denenselbigen, und stellen die Idee
der Sache ohne das würckliche Thun und Leiden
vor. Also ist ein Unterschied unter einen Lauf-
fenden und einen Läuffer.
 
  Wenn demnach das
Wort Ens participialiter, das ist, vor das
Participium verbi sum
genommen wird, so be-
deutet es ein Ding, in so fern es würcklich
existi
ret: Wenn es hingegen nominaliter ge-
nommen wird, so bedeutet es ein Ding ohne
 
  {Sp. 1256}  
  Absicht, ob es würcklich existire.  
  Das Ens in
solchem weiten Verstande, daß es alles, was
wir nur gedencken, unter sich begreiffet, hat
nachfolgende Eigenschafften, deren Erkenntniß
dazu dienet, daß wir das Ens metaphysicum,
als das wahre obiect der Metaphysic, desto
genauer erkennen mögen.
 
  Ens ist entweder
reale
oder rationale. Reale ist dasjenige,
von dessen existens wir durch die Empfin-
dung derer Sinne überzeugt seyn. Ens ra-
tionis
bestehet nur in unsern Gedancken, und
gehet den Verstand an.
 
  Das Ens rationis wird wieder eingetheilet  
 
  • in Ens rationis ef-
    fectiuum,
    wohin die Würckungen des Ver-
    standes oder die Gedancken gehören:
  • In
    Ens rationis Subiectiuum,
    wohin die natür-
    lichen Fähigkeiten und erlangte Geschicklich-
    keiten des Verstandes gerechnet werden;
  • und
    in das Ens rationis obiectiuum, welches
    das eigentliche Ens rationis ist, in so fern
    solches dem Enti reali entgegen gesetzt wird.
 
  Dieses Ens wird von unserem Verstande her-
vorgebracht, und ist ausser unsrer Einbil-
dung nicht. Weil aber dennoch solche En-
tia rationis obiectiua,
in so fern wir sie, ohne
auf ihre Form zu sehen, Ideen nennen, und
also Entia realia sind; so muß man nun die-
ses recht zu begreiffen, den Conceptum in
formalem et obiectiuum
eintheilen:
 
 
  • In so
    fern ein Begriff eines Dinges betrachtet
    wird, daß er eine Würckung des Verstan-
    des ist, so heist er Conceptus formalis:
  • In
    so fern wir aber die Beschaffenheit der Sa-
    che, die in dem Verstande vorgestellet wird,
    alleine betrachten, heist es Conceptus obie-
    ctiuus
    .
 
  Die Vorstellung eines göldenen
Berges ist eine Gedancke, und in so fern ein
Conceptus formalis
: Nun sondern wir den
Begriff ab, daß es eine Gedancke ist, und
betrachten den göldenen Berg alleine, denn
ist der Conceptus obiectiuus.
 
  Hieraus fol-
gen diese Regeln:
 
 
1.) Conceptus formalis,
si verus est, conformis est conceptui obie-
ctiuo.
2.) Conceptus obiectiuus potest es-
se ens rationis; at conceptus formalis, etiam
de ente rationis factus, semper est ens reale.
Scheubler Metaph. I. 2. num. 31.
1. Das Ens
rationis
wird wieder von einigen eingethei-
let in Ens rationis ratiocinantis et rationis
ratiocinatae.
 
  Jenes soll dasjenige seyn, das
man sich zwar in denen Gedancken vorstel-
let, zugleich aber mit denen Gedancken,
wenn sie aufhören, verschwindet, z.E. Wenn
man sich einen göldenen flühenden Vogel
einbildet, so höret mit der Einbildung zu-
gleich, wenn ich nicht mehr sagen kan, ego
sum ratiocinans,
das Ding auf.
 
  Dieses aber
soll darinnen bestehen, daß man sich zwar
 
  {Sp. 1257|S. 662}  
  etwas nur einbilde, die Einbildung aber
sey so beschaffen, daß sie nach denen Ge-
dancken, quando sum ratiocinatus, übrig
bliebe.
 
  Es ist diese Eintheilung von keiner
grossen Wichtigkeit, indem alle Entia ra-
tionis
nicht länger bestehen können, als
man sie gedencket.
 
2. Das Ens wird zum
andern in das Ens positiuum und negati-
uum
eingetheilet. Ens positiuum heisset
dasjenige, von welchem der Verstand eine
gewisse und determinirte Jdee hat, daß
es etwas sey. Z.E. ein Cörper. Ens
negatiuum
hingegen heisset, von welchem
der Verstand nur eine Jdee hat, was
es nicht seyn, nicht aber determiniret oder
zu determiniren weiß, was es sey. Z.E.
etwas uncörperliches.
 
  Die Entia negati-
ua
werden wieder eingetheilet in Entia pu-
re negatiua et priuatiua
. Durch ein Ens
pure negatiuum
verstehet man ein Ding,
dessen Jdee in einer blossen Verneinung
eintzig und allein bestehet. Z.E. das nicht
sehen eines Steines. Ens pruatiuum
heist hingegen ein Ding, dessen Jdee zwar
ebenfalls in einer Verneinung bestehet,
aber nicht in einer blossen Verneinung,
sondern in einer solchen, die zugleich eine
verdeckte Bejahung in sich enthält, und
diese verdeckte Bejahung bestehet entweder
nur darinne, daß das, was in der Jdee
verneinet wird, ordentlicher Weise da seyn
könte, und sollte, welche Art man priua-
tionem simplicem
nennet. Z.E. die Blind-
heit oder Taubheit eines Menschen, oder
in einem der Verneinung entgegen gesetz-
ten, und an deren statt existirenden positi-
uen
Wesen, welche Art man priuationem
mixtam
nennet. Z. E. der Undanck, die
Unverweßlichkeit.
 
3. Das Ens wird zum drit-
ten in Ens actu et Ens potentia eingethei-
let.
 
  Ens actu heist ein Ding, das würck-  
  {Sp. 1258}  
  lich existiret, oder wie die Peripatetici
reden, quod est extra caussas, das ist,
welches nicht etwa noch in den Kräfften
einer Caussae, die es erst noch hervorbrin-
gen wird, verborgen lieget, sondern be-
reits seine Würcklichkeit erlanget hat. Zum
Exempel: die noch lebende Menschen.
 
  Ens
potentia
heist hingegen ein Ding, das zwar
zur Zeit noch nicht würcklich existiret, aber
doch durch seine Grund-Ursachen existiren
kan, oder, wie die Peripatetici gleichfals
reden, quod adhuc latet in suis caussis.
Zum Exempel: unsere Nachkommen.
 
  Was von
dem möglichen und unmöglichen hierbey zu
erinnern ist, werden wir unter denen gehö-
rigen Titeln ausmachen.
 
4. Das Ens wird
viertens eingetheilet in ens per se et per
accidens.
 
  Ens per se wird ein Ding ge-
nennet, das von Natur von einem einigen
Wesen ist. Zum Exempel: Ein Geist, ein
Mensch, die Tugend.
 
  Ens per accidens
hingegen heist ein Ding, in welchem meh-
rere Wesen nicht an sich selbst und von
Natur; sondern nur äusserlich und zufälli-
ger Weise mit einander verbunden sind,
und welches also an sich selbst nicht so wohl
ein Ens, als vielmehr eine Verbindung etli-
cher Entium ist.
 
5. Fünfftens wird das Ens
in incomplexum
und complexum einge-
theilet. Incomplexum begreifft nur einen ein-
tzigen und einfachen Begrifff. Complexum,
welches mehrere Begriffe mit sich bringt.
 
6. Sechstens wird das Ens wieder eingethei-
let in ens praedicamentale seu disciplinale,
und ens transcendentale seu Metaphysi-
cum.
 
  Ens disciplinale ist, welches
nicht nur nach seiner Existentz, son-
dern auch nach seiner Essentz oder
nach seinen Ursachen, durch die es
gewürckt wird, kan erkennet wer-
den.
 
  Entia transcendentalia aber sind  
  {Sp. 1259|S. 663}  
  die Grund-Ursachen aller Dinge, die sich nur nach
ihrer Existentz, nicht aber nach ihrer Essenz können
erkennt werden.
 
  Entia Metaphysica werden wieder
in die Entia Increata eingetheilet. Das Ens Increatum
ist GOtt.
 
  Die Entia Metaphysica aber sind vierer-
ley. Es ist
 
 
1.) ein Grund aller menschlichen Erkänntniß die
Percipibilitas,
die Empfindung derer Sinne. Es ist
2.) ein
erster Grund der gantz erschaffenen Natur nach ihren
Würckungen u. dieses sind die Elemente, oder nach derer
Meynung, die die Natur pro mechanico vitali halten, die
Elemente u. die erschaffenen Geister.
3.) ist ein Grund
derer Quantitäten die Monas oder die Einheit, und
4.) ist ein Grund derer menschlichen Thaten, nemlich das
höchste Gut.
 
  Von dem Ente werden noch diese Re-
geln überhaupt bemercket.
 
 
  • Impossibile est idem esse
    et non esse.
    Ein Ding kan unmöglich zugleich seyn
    und auch nicht seyn.
  • Non-Entis nulla sunt praedica-
    ta.
    Von dem, das nicht ist, kan nichts gesagt werden,
    das ist, wir müssen erst die Existentz einer Sache aus-
    machen, ehe wir zu ihrer Essentz kommen können.
  • O-
    mne Ens propriam habet essentiam,
    ein iedes Ding
    hat seine eigene Existentz.
  • Scheubler in opere Metaphys. I. 2.
  • Veldhem in Institut. Metaphys. P. I. 1.
  • Donatus in Metaph. vsuali Parte gener. Sect. 1. c. 2. 3.
  • Jacob Thomasius in Erotemat. Metaph. 2.
  • Hebenstreit in Philos. prima P. I. c. 1.
  • Klauberg in Ontosophia p. 283. Oper. Philosoph.
  • Clericus in Ontologia c. 1.
  • Müller in der Metaphysick. 2.
     

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Stand: 31. März 2013 © Hans-Walter Pries