HIS-Data
Home | Suche
Zedler: Corpus, ein Cörper HIS-Data
5028-6-1347-4-01
Titel: Corpus, ein Cörper
Quelle: Zedler Universal-Lexicon
Band: 6 Sp. 1347
Jahr: 1734
Originaltext: Digitalisat BSB Bd. 6 S. 693
Vorheriger Artikel: S. Corpus, ein Märtyrer
Folgender Artikel: Corpus, der Leib
Siehe auch:
Hinweise:
  • Allgemeine Bemerkungen zur Textgestaltung siehe Hauptartikel
  • Für die Auflösung der Quellenangaben siehe: Personen

Stichworte Text  Quellenangaben
  Corpus, ein Cörper.  
  Diesen pfleget man auf zweyerley Art zu betrachten, entweder in so ferne er lediglich der Ausmessung unterworfen ist; oder in so ferne er ausser dieser noch andere Eigenschafften hat, so von der Extension, die man ausmißt, nicht dependiren.  
  Mit jenen hat der Mathematicus, mit diesen der Physicus zu thun; dahero hat man die Cörper in corpora mathematica, und physica oder naturalia eingetheilet. Beyde sind sorgfältig von einander zu unterscheiden, und keinesweges mit dem Cartesio vor einerley zu achten; welches auch hier zu untersuchen nöthig ist.  
Mathematischer Körper Durch einen mathematischen Cörper, welcher auch Solidum genennet wird, verstehen wir ein extensum secundum trinam dimensionem, oder eine Grösse, so eine Länge, Breite und Dicke hat. Weil wir bey der Ausmessung eines Cörpers lediglich auf dessen Extension zu sehen haben, und nicht fragen, ob er von Holtze, Bley oder einer andern Materie sey, in dem ein cubic-Zoll Bley, eben so groß als ein cubic-Zoll Holtz; sondern nur darauf mercken, wie einen grossen Raum ein Cörper einnehme; so hat man auch bey der Betrachtung eines Mathematischen Cörpers auf nichts anders zu sehen, als was aus der Idee der Extension entspringet. Diese involviret weiter nichts als eine continuitatem spatii, oder eine Menge von Theilen, die an einander dergestalt anliegen, daß keine von einer andern Art dazwischen liegen können, und die alle einander ähnlich sind; so daß man in einem Raume nichts an ihnen unterscheiden könne, als was nur ihre Anzahl anlanget; als welches der Endzweck der Geometrie erfordert, die die Verhältnisse zwischen denen Cörper der Grösse nach untersucht, welche aber nicht als nur inter quantitates homogeneas, oder solchen, die von einerley Art sind, statt finden kan.  
  wir stellen uns dahero einen Mathematischen Cörper als ein corpus similare vor, welches aus lauter einförmigen Theilen bestehet, oder da diejenige Dinge, so den Cörper constituiren, von einander nicht können unterschieden werden. Hieraus flüsset von sich selbst, daß die Theile eines solchen Cörpers, indem sie würcklich nicht von einander unterschieden sind, durch etwas äusserliches müssen von einander distinguiret werden, und daß es in eines iedweden Gefallen beruhe, wie viel Theile er in einem solchen Cörper sich einbilden will. z.E. ich kan eine gegebene Linie in 4. Schuhe, auch in 40. Zoll, oder auch in 400. Linien, und so ferner eintheilen; die Grösse der Linie wird dadurch nicht verändert.  
  Dieses Extrinsecum, so man zur Determination des Unterschieds derer Mathematischen Cörper annehmen muß, kan in nichts  
  {Sp. 1348}  
  anders gesucht werden, als wo das continuum eines Cörpers aufhöret; denn in dessen continuo selbst findet man nichts als partes similares, das ist, solche Dinge, die nicht von einander können unterschieden werden. Es höret aber das continuum eines Cörpers in seinen extremis oder terminis auf, das ist, an denenjenigen Orten, wo der Raum, den der Cörper einnimmt, von einer determinirten Grösse concipiret wird, dahero kan man auch die Mathematischen Cörper durch nichts anders, als durch ihre Terminos unterscheiden. Ist einer in weitere Gräntzen als ein anderer eingeschlossen; so ist er auch grösser als dieser, welches man durch einen dritten Cörper, den man vor die Einheit annimmt, zu erforschen pfleget; wie aus dem Titel: Cörperlicher Innhalt zu ersehen.  
  Die Terminos eines Cörpers machen dessen äussere Flächen aus, und stellet man sich in der Geometrie die Erzeugung eines Cörpers für, indem man sich einbildet, daß eine Fläche motu aequabili sich bewege und allenthalben Fußtapfen hinter sich zurücke lasse. z.E. Ein cubus wird erzeuget, wenn ein Quadrat sich einförmig so lange in die Höhe bewege und allenthalben Vestigia hinter sich lasse, bis dessen Höhe so groß als eine Seite des Quadrats ist. Hieraus erkennet man nun die Eigenschaften eines Mathematischen Cörpers, daß nemlich derselbe nur in abstracto betrachtet und nur auf dessen Extension reflectiret werde; daß er ein corpus perfecte continuum und similare sey; von nichts anders als nur durch den Unterscheid derer Terminorum oder Grentzen, keinesweges aber durch den Unterscheid derer Theile oder deren Composition distinguiret werden könne.  
  Wir gestehen gantz gerne, daß ein solcher Cörper, wie ihn die Mathematici concipiren, lediglich ein ens imaginarium sey, und niemahls vor sich würcklich existire; allein dieses hindert nicht, daß man dergleichen nicht auch auf die natürlichen Cörper adpliciren solte. Denn ein ieder nimmt von diesen wahr, daß sie in gewisse Grentzen eingeschlossen sind, die man in gemeinen Leben, der Länge, Breite und Höhe nach von einander unterscheidet. Ob man nun sich vorstellet, diese Grentzen sind mit einer Materie erfüllet, die allenthalben nicht von einerley Art ist, die poros hat, u.s.f. wie wir dieses bey denen natürlichen Cörpern antreffen, oder man bildet sich ein, in besagten Grentzen wäre ein vollkommen continuum, so aus lauter partibus similaribus bestehe, eingeschlossen, so benimmt solches der Grösse des Raums nichts, indem in beyden Fällen die Grentzen desselben einerley verbleiben.  
  Es sind aber die Geometrae gezwungen worden, die letztere Fiction anzunehmen, indem sie anders keine allgemeine Regel ihrer Ausmessungen hätten geben können. Die natürlichen Cörper differiren nach ihrer Structur, Combination, ihrer Theile, Menge derer Pororum, Menge derer in ihnen enthaltenen eigenthümlichen und fremden Materie und so ferner auf unendliche Art. Wolte nun ein Mathematicus auf alles dieses reflectiren, so würde er in ein Labyrinth verfallen, aus dem er sich nicht würde heraus wickeln können. So aber abstrahiret derselbige von allen diesen Dingen, und ziehet nichts als die Extension in Betrachtung, die er, aus einförmigen Theilen bestehend, sich vorstellen muß, da-  
  {Sp. 1349|S. 694}  
  mit er selbige nach Belieben in gewisse Theile theilen, und eine Verhältniß unter ihnen anordnen kan. Wenn nun ein Mathematicus einen natürlichen Cörper, z.E. ein Stück Bley, seiner Grösse nach abmißt, so erstrecket sich seine Abmessung nicht auf dieses Stück Bley selbsten, sondern durch sein Facit adsignirt er einen Mathematischen Cörper, der mit dem Bley in einerley Grentzen eingeschlossen ist, und determiniret dessen Verhältniß zu einer andern Mathematischen Grösse, die er vor eine Einheit angenommen hat.  
  Durch diese Verhältniß wird uns der Cörperliche Innhalt des Bleyes bekannt, den man hernachmahls in Vergleichung mit andern Eigenschaften eines natürlichen Cörpers, dessen Volumen zu nennen pfleget. z.E. in der Mechanic wird demonstriret, daß die Massen der Cörper, das ist, die Adgregata aller Theile, woraus die Cörper zusammen gesetzt sind, (allwo man von deren Poris abstrahiret) dem Gewichte dererselben Cörper, ingleichen denen Producten aus ihren Densitäten in die Volumina, proportioniret sind; wenn nun ihre Dichtigkeiten einander gleich seyn, z.E. wenn man zwey bleyerne Cörper mit einander vergleichet, so verhalten sich ihre Massen oder Gewichte, wie die Volumina; woraus man erkennet, wie man auch durch die Schweren zu denen geometrischen Abmessungen derer Cörper gelangen könne, und wie nöthig es sey, auf eine solche Art, wie wir angeführet, die Geometrischen Cörper sich einzubilden, damit man so wohl eine allgemeine Abmessung derer Cörper habe, als auch dasjenige, was in einem natürlichen Cörper so sehr verschieden ist, auf das genaueste voneinander unterscheiden könne; und daß folglich diejenigen unrecht thun, welche diese Abstraction derer Mathematicorum, von aller Materie mißbilligen, und nicht begreiffen können, wie aus der Fluxion eines untheilbaren Puncts eine Linie, aus einer Linie eine Fläche, aus einer Fläche ein Cörper erzeuget werden könne; wie Jo. Christoph. Meinig. in Diss. de non ente Mathematicorum puncto, linea et corpore (Leipzig 1710. gethan  
  Denn man ist erst durch die mathematische Abstraction eines Cörpers auf diese Notiones derer Erzeugungen gelanget, indem man durch die Terminos desselbigen auf die Notion derer Flächen; durch die Terminos derer Flächen auf die Notion derer Linien; durch die Terminos derer Linien alsdenn auf die Notion derer Puncte gefallen; hernachmahls hat man, um denen Anfängern die Sache deutlicher zu machen, a priori geschlossen, und aus der Bewegung eines Puncts die Erzeugung einer Linie; einer Linie die Genesin einer Fläche; und endlich durch die Bewegung einer Fläche die Hervorbringung eines Cörpers begreiflich gemacht; ungeacht man allerdings nicht begreiffen kan, wie aus der Bewegung eines Mathematischen Puncts eine Linie könne erzeuget werden; eben so wie man sich nicht concipiren kan, wie ein ens compositum aus simplicibus zusammen gesetzt sey; da wir doch wissen, daß die entia simplicia in denen compositis existiren und nur abstrahendo in ihnen können begriffen werden.  
  Mit einem Worte die Mathematische Erzeugung eines Cörpers ist eine Fiction, aber eine solche, die man durch die Abstraction und Vernunfft-Schlüsse heraus gebracht, und zu einem solchen Endzweck geschickt gemacht, daraus eine unendliche Reiche Geometrische Wahr-  
  {Sp. 1350}  
  heiten können hergeleitet werden; wie aus dem Titel, Cörperlicher Innhalt erhellet, da man in den Stand gesetzet worden ist, auch die Cörper die von krummen Linien erzeuget werden, auszumessen.  
Physikalischer Körper Wir wenden uns nunmehro zur Betrachtung des Physicalischen oder natürlichen Cörpers, allwo keine solche Fiction, wie bey dem Mathematischen statt findet, sondern wir müssen uns dessen Eigenschaften bekannt machen, wie solche die Phaenomena unsern Sinnen vorstellen. Wir sehen aber, daß in einem Cörper Theile vorhanden sind, aus deren Verbindung und Zusammenhange das Gantze, nemlich der Cörper zusammen gesetzt ist; dahero erhellet, daß ein natürlicher Cörper ein Ens compositum, und folglich auch einer Extension fähig sey.  
  Wir finden ferner, daß die Art der Composition bey einen Cörper anders als bey, dem andern, und folglich hier die Extension nicht so, wie bey denen Mathematischen Cörpern, beschaffen sey weil wir solche durch die Art der Verbindung von einander unterscheiden können. Zu dem nehmen wir an denen Theilen eines natürlichen Cörpers selbst eine wunderbare Varietatem war, und zeigen die Chymischen Experimente, daß nicht alle Theile von einerley Beschaffenheit sind, als durch deren Hülfe man von einem Cörper vielerley andere Materien absondern kan.  
  Ja der erstaunende Unterscheid derer Cörper selbst leidet die Vernunft auf den Weg zu schlüssen, daß auch nicht die Elemente, woraus die Cörper zusammen gesetzt sind, einander ähnlich sind, wie wir solches durch das Principium indiscernibilium erkennen. Man hat dahero bey einem natürlichen Cörper, ausser der Extension, noch auf die Art der Verbindung zu sehen; ja eben hieraus erkennet man, daß die würcklichen Theile eines Cörpers determiniret und von einander unterschieden sind; Denn da sie würcklich existiren, so nehmen sie auch einen gewissen Ort in dem Raume ein, den der Cörper erfüllet, und leiden einen gewissen Wechsel von Veränderungen, denen der Cörper unterworffen ist; dahero auch einige zu sagen pflegen; die würcklichen Theile eines Cörpers geben die natürliche Phaenomena in einen Raum und der Zeit zu erkennen. Und hierinnen ist der natürliche Cörper von dem Mathematischen sehr unterschieden, als bey welchen wir nur mögliche Theile uns vorstellen, niemahls aber würckliche vorhanden sind, die voneinander actu unterschieden wären.  
  Die Extension und Combination derer Theile finden bey allen Cörpern statt, und sind so beschaffen, daß man andere Eigenschaften daraus herleiten kan; dahero man gar leichtlich siehet; daß sie wesentliche Stücke eines natürlichen Cörpers seyn müssen. Hierzu kommt noch die Soliditas, oder nach dem Stilo derer Peripateticorum die Impenetrabilitas eines Cörpers wodurch derselbe, wann er von andern von allen Seiten her gedruckt wird, solche sich nicht durchdringen und mit ihm einerley Ort einnehmen läßt; sondern seinen Raum mit größter Force, gegen andern Cörpern, die ihn daraus bringen wollen, zu mainteniren sucht.  
  Es ist diese nichts anders als die Materialitas des Cörpers selbst, wodurch ein Cörperlicher Raum, von einem leeren und similari, wie man ihm in der Mathematic zu betrachten pfleget, unterschieden ist. Wenn Euclides Elem. XI. 29. et 30. erweiset, daß zwey Parallelepipeda die über einer-  
  {Sp. 1351|S. 695}  
  ley Basi stehen, und zwischen zweyen planis parallelis enthalten sind, einander gleich wären, muß er in seiner Demonstration annehmen, daß diese parallelepipeda einander penetriren und ein Theil von beyden zugleich an einem Orte seyn können; wie solches gar wohl bey einem Mathematischen Cörper, angeführter massen, statt finden kan. Bey einem Physicalischen hingegen gehet dieses nicht an, in dem es unmöglich ist, das zwey Cörper zugleich einerley Raum einnehmen können.  
  Die Cartesianer welche zu der Natur des Cörpers die Extension desselbigen alleine machen, nehmen keinen andern Raum als einen Cörperlichen an, und leiten auch daher aus der Extension die soliditatem eines Cörpers her, Muys Elem. Phys. Sect. I. prop. 5.
  Allein da wir die Extension ohne Materie uns einbilden können, auch in der Mathematic selbige sich solchergestalt einbilden müssen; so würde man nicht methodice verfahren, wenn man die Natur eines Cörpers aus eines von seinen Attributis nemlich der Extension herhohlen wolte, von welchen ob es ihme alleine zukomme, wir nicht gewiß genug versichert sind.  
  Wenigstens flüsset aus der Idee der Extension keinesweges die Kraft, womit ein Cörper seinen Ort zu behaupten suchet wenn ein anderer ihn daraus bringen will. Wenn man einen Cörper mit der Hand anstösset, um ihn aus seinem Orte, wo er bisher geruhet hat, zu bewegen, so findet man einen starcken Widerstand, den der Cörper gegen die Hand ausübet. Dasjenige, womit der Cörper dieses verrichtet, muß eine Kraft seyn, weil sie der Kraft der Hand entgegen gesetzt ist. und zwar erkennen wir diese Kraft, unter diesen Umständen, daß sie sich bey einem Cörper äussere, wenn ein anderer ihn aus seinem statu quietis bringen will. Daß ein jedweder Cörper einer Bewegung fähig sey, ist ein jeder durch die Erfahrung überzeuget; und nennet man diese Eigenschaft eines Cörpers mobilitatem corporis. Aus der Notion der Bewegung haben wir keinen andern Begriff, als daß ein Cörper einen Raum in der Zeit durchlauffe. In dieser Notion wird weder der Raum noch die Zeit determiniret.  
  Wenn man einem Cörper auf einem unabgehobelten Brete eine Bewegung giebt, so wird dieselbe gar bald aufhören; auf einer Billard-Tafel wird eine Bille einem weit grössern Raum durchlauffen; und die Bewegung wird desto länger dauren je glättiger die Fläche und die Kugel ist, worauf sich diese beweget. Man siehet dahero daß der Bewegung lediglich durch etwas äusserliches, als die Friction auf der Fläche welche durch die Schwere des aufdrückenden Cörpers sehr vermehret wird, ingleichen der Widerstand der Lufft und so ferner ein Einhalt geschehe, und die Zeit und Raum dadurch determiniret werde. Wenn wir nun von allen diesen, was eine Bewegung turbiret, abstrahiren und solche an und vor sich betrachten, so finden wir nichts in der Notion derselbigen, so die Grösse des Raums und der Zeit, darinnen die Bewegung geschiehet, bestimmet; dahero muß ein Cörper, der einmal in Bewegung gesetzt worden ist, dieselbe mit einerley Geschwindigkeit in infinitum continuiren, woferne nichts vorhanden, so ihnen darinnen verhinderlich fällt; in dem alsdenn ein Cörper ohne Ursache an einem Orte seine Bewegung verliehren, oder seine Geschwindigkeit verändern müste, contra principium rationis sufficientis.  
  In der That geschiehet solches nicht in der Natur, indem hier eine unzehlige Menge von Obstaculis vor-  
  {Sp. 1352}  
  handen, dadurch eine Bewegung gehemmet wird. Wir müssen aber durch dergleichen Vernunfft-Schlüsse eine Bewegung in abstracti betrachten, damit wir die vielerley Veränderungen, so sich darbey ereignen, genau von einander unterscheiden können. Wenigstens findet eine dergleichen Bewegung, die man einförmig zu nennen pfleget, und darinnen die Geschwindigkeit keinen Abbruch leidet, in denen kleinsten Theilgen des Spatii oder auch der Zeit, statt.  
  Wenn ein Cörper A gegen einen andern gleichfalls bewegten Cörper B anrennet, so entgehet dem Cörper A etwas von seiner Bewegung; hingegen dem Cörper B wächset etwas davon zu. Wir betrachten anitzo die Cörper in einer einförmigen Bewegung; indem hernachmahls alles das übrige, was die Bewegung eines Cörpers nach einer geraden Linie (abstrahendo a gravitate et viribus centri petis etc.) hindern kan, auf den statum quietis oder motus uni formis eines Cörpers kan reduciret werden. Der Cörper B setzte seine Bewegung einförmig fort, der Cörper A rennete an ihn an und wolte ihn daraus bringen; er muste aber dabey einen Wiederstand von B erfahren und verlohr daher etwas von seiner Bewegung, weil dieser Wiederstand seiner Direction entgegen gesetzt war. Der Cörper A bewegte sich gleichfalls einförmig; er traf aber unterweges den Cörper B an, welchen die Direction seiner Bewegung entgegen stund; dieser muste einen Stoß von A erfahren, welcher nach eben der Direction, nach welcher B sich bewegte, gerichtet war; wodurch folglich dessen Bewegung wuchse.  
  Aus beyden Fällen ersiehet man, daß sowohl der Cörper A dem Cörper B als der Cörper B den Cörper A aus seiner einförmigen Bewegung bringen wolte; beyde aber eine Veränderung darinnen erfahren musten; wodurch man erkennet, daß sich bey einem Cörper eine Kraft äussere, wenn ihn ein anderer aus seinem statu motus vniformi bringen will; wir haben aber oben gesehen, daß auch ein Cörper eine Kraft unter dergleichen Conditionen habe, wenn er im statu quietis sich befindet. Man eignet derowegen denen Cörpern eine Kraft zu, mit welcher sie in statu quietis oder motus vniformis in directum perseveriren, und solchen gegen diejenigen Cörper, welche sie aus diesem statu bringen wollen, zu mainteniren suchen. Diese Kraft des Cörpers wird vis corpori insita genennet, und kommt nicht eher zur Action, als in Conflictu mit andern Cörpern.  
  Wann ein Cörper durch den Stoß in eine Bewegung gesetzet wird, die nach einem gewissen Grade der Geschwindigkeit fort dauret; so ist dadurch die vis insita limitiret worden, und mit der solchergestalt limitirten Kraft verharret der Cörper in seiner Bewegung, und äussert sich durch eine Action nicht eher, als bis der Zustand der Bewegung von einem andern Cörper verändert werden soll. In dieser Kraft steckt sowohl die sonst so genannte vis activa, als vis inertiae eines Cörpers, indem sie nur in modo concipiendi von einander unterschieden sind. Denn in den obigen Exempel, in so ferne der Cörper A an B anrennet, und des letztern Bewegung vermehret; in so ferne legen wir dem Cörper A eine vim activam, oder impetum bey. In so ferne aber B etwas von der Bewegung des Cörpers A destruiret, in so ferne sagen wir daß der Cörper B eine Vim inertiae habe; beyde vires aber sind, wie erwiesen worden, unter der vi insita begriffen.  
  Man siehet hieraus ferner daß  
  {Sp. 1353|S. 696}  
  wenn eine einförmige Bewegung durch die Friction turbiret wird, nichts anders, als die vires insitae der Protuberanzen der Fläche, worauf sich ein Cörper beweget, daran Schuld seyn, die nach und nach in conflictum mit ihm kommen, und dadurch continuirlich etwas von seiner Bewegung destruiren, bis selbige endlich gar consumiret ist. Wodurch nunmehro die Nothwendigkeit der abstrahirten einförmigen Bewegung erhellet, um hinter die wahre Beschaffenheit eines Cörpers zu kommen.  
Eigenschaften Aus allen diesen ist nun klar, daß ausser der Extension unter dem modo combinationis denen natürlichen Cörpern noch eine vis insita müsse zugeschrieben werden; und daß wir hierdurch zu der Notion derer wesentlichen Eigenschafften eines natürlichen Cörpers gelanget sind, in so ferne wir solchen überhaupt betrachten. Denn ob wohl noch viele andere Eigenschafften und Kräffte den Cörpern zukommen, wie aus denen folgenden erhellen wird; so sind doch solche Theils Attributa derer obigen, Theils sind sie nicht allen Cörpern gemein, Theils können wir auch von den Kräfften noch nicht behaupten, ob solche primitivae oder deriuative seyn. Wir können dahero einen natürlichen oder physicalischen Cörper definiren, daß er ein Compositum und Theil der gantzen Welt sey, so eine vim in sitam hat; compositum hujus vniuersi vi insita praeditum; woraus man zugleich, und aus dem andern bisher angeführten erkennen kan, was vor ein Unterscheid zwischen einem corpore mathematico und physico statt finde; als von welchen der letztere partes, nec perfecte similares nec perfecte continuas, nec eodem modo dispositas, wie ein mathematischer Cörper hat, noch auch, wie dieser allein, aus der Extension bestehet, sondern noch ausser solchen mit einer vi insita begabet ist. Jo. Conrad. Creilling. Diss. de differentia corporis Mathematici et Physici. (Tübingen 1718.
  Einige von denen neuern Philosophen, als Leibnitz, Wolff und andere, setzen die Notion eines natürlichen Cörpers aus dreyen Stücken zusammen, und betrachten daran dessen Wesen, Materie und Natur.
  Das Wesen eines Cörpers suchen sie in dem Unterschiede derer Theile und deren Verbindung; durch die Materie verstehen sie ein extensum, das mit einer vi inertiae oder solchen Krafft, die in einem Cörper resistiret, begabet ist; zu der Natur aber des Cörpers machen sie eine besondere Krafft, womit ein Cörper, wenn er in Bewegung gesetzet ist, begabet sey; mit welcher derselbe in andere Cörper, sie mögen ruhen oder gleichfalls beweget werden, agire und die sich so lange thätig erweise, so lange ein Cörper beweget werde, und die ihme von einem andern Cörper imprimirte Krafft in singulis spatii percurrendi punctis gleichsam von neuem replicire, auch wenn der Cörper ja durch andere Kräffte in Ruhe gesetzt worden, dieselbe dennoch ihren nisum in dem Cörper continuire und verursache, daß die Materie in steter Bewegung sey. Mit einem Worte; sie ist die Entelechia des Aristotelis.  
  Der Herr von Leibnitz hat solche wiederum in die Philosophie introduciren wollen; worüber er aber mit Jo. Christoph. Sturm und andern in Streitigkeiten gerathen, wie die Acta Erud. Lips. an. 1698, Mens.  
  {Sp. 1354}  
  Septembr. et ann. 1699. Mens. Majo und Recueil de diverse pieces sur la Philosophie, la Religion naturale, l'Histoire, les Mathematiques par Mr. Leibnitz, Clarke, Newton et autres Auteurs celebres, bezeugen; wie sie denn auch von denen meisten heutigen Philosophen nicht angenommen wird; ob gleich ietzo Wolff in seiner Cosmologie sich sehr bemühet, deren Existenz darzuthun; und sagt Fontenelle im Leben Leibnitii, daß dieser zwar seinen Feinden behertzt geantwortet; man sähe aber doch nicht, daß seine Meinung die Oberhand behalten habe: die Materie sey ohne Krafft, wenigstens ohne eine würckende Krafft und die Entelechia ungebraucht geblieben; und da ihr der Herr von Leibnitz nicht habe aufhelffen können, würde sie allem Ansehen nach wohl nicht wieder hergestellet werden.  
  Muys in Elem. Phys. p. 899 seqq. 923. seqq. leugnet die Substantialität und Existentz dieser Krafft schlechterdings, und zeuget, daß die vis inertiae, in dem Verstande, wie wir oben die vim insitam genommen haben, suffisant sey, alle die von der vi actiua dependirenden phanomena in einer Bewegung zu erklären; alwo er auch einige Argumenta, so man pro thesi Leibnitiana anführet, wiederleget. Und in der That ist oben deutlich genug gewiesen worden, daß die vis actiua und vis inertiae nur modo concipiendi von einander unterschieden, im übrigen aber einerley sind; wie solches die meisten Philosophen und Mechanici auch noch ietzo annehmen.  
besondere Eigenschaften und Kräfte Bisher haben wir von denen wesentlichen Eigenschafften eines natürlichen Cörpers überhaupt gehandelt; ausser diesen treffen wir noch viele Eigenschafften und Kräffte an, die entweder bey allen oder bey den meisten, oder auch nur bey besondern Cörpern statt finden. Dergleichen sind die vires  
 
  • gravitatis,
  • Elateris,
  • Electricae,
  • Magneticae,
  • Cohaesionis et
  • Fugae,
 
  welche ob sie primitiuae sind oder nicht; zur Zeit noch nicht genau kan erwiesen werden.  
  Hernachmahls findet noch an ihnen statt,  
 
  • Densitas,
  • Raritas,
  • Durities,
  • Mollities,
  • Rigor,
  • Fleoribilitas,
  • Firmitas,
  • Fluiditas,
  • Tenacitas,
  • Laxa cohaesio seu Visciditas,
  • Opacitas,
  • Transparentia,
  • Color u.s.f.
 
  woraus hernachmahls die sogenannten Qualitates sensiles, von jenen aber, nemlich den Kräfften die Qualitates insensiles erwachsen; und daher die Cörper ihre besondere Namen erhalten, und Corpora  
 
  • elastica,
  • electrica,
  • magnetica,
  • dura,
  • mollia
  • und so weiter
 
  genennet werden, wie aus deren besondern Titeln zu ersehen.  
Kohäsion und Bewegung So viel ist noch schlüßlich zu erinnern, daß der größte Theil derer natürlichen Cörper aus principiis activis bestehe, wie unter dem Titel: Cohaesio ist dargethan worden; ingleichen daß keine Veränderung bey einem Cörper sich ohne Bewegung ereignen könne; woraus die unentbehrliche Nothwendigkeit der Mechanic in der Physic erhellet, weilen man in dieser den Grund derer Veränderungen in einem Cörper untersuchet; in jener aber dargethan wird, unter was vor conditionen derer principiorum activorum eine Veränderung statt finden könne.  
     

HIS-Data 5028-6-1347-4-01: Zedler: Corpus, ein Cörper HIS-Data Home
Stand: 25. Februar 2013 © Hans-Walter Pries