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Zedler: Bewegung HIS-Data
5028-3-1603-4
Titel: Bewegung
Quelle: Zedler Universal-Lexicon
Band: 3 Sp. 16031606
Jahr: 1733
Originaltext: Digitalisat BSB Bd. 3 S. 817-818
Vorheriger Artikel: Bewegliche Güter
Folgender Artikel: Bewegung, (sinnliche oder thierische)
Siehe auch:
Hinweise:
  • Allgemeine Bemerkungen zur Textgestaltung siehe Hauptartikel
  • Für die Auflösung der Quellenangaben siehe: Personen

  Text  
  Bewegung, Motus, ist eine continuirliche Veränderung des Ortes, den ein Cörper einnimmt.  
  Indem also ein Cörper beweget wird, so wird derselbe durch die an einander gelegene Örter getragen; derowegen, da diese coëxistentia praesupponiren und eine Ordnung ausmachen; so ist klar, daß die Bewegung durch einen Raum geschehen müsse, indem das Spatium oder der Raum nichts anders ist, als die Ordnung derer coëxistentium. Ferner ist auch klar, daß bey einer Bewegung ein Cörper an zwey unterschiedenen Orten zugleich nicht seyn könne, sondern daß er successive aus einem Orte in den andern kommen müsse; woraus folget, daß keine Bewegung in einem instanti, sondern in einer gewissen Zeit, sie mag so klein sein als sie will, geschehen könne; sintemahl die Zeit nichts anders ist, als die Ordnung derer Dinge, die auf einander folgen.  
  Es wird demnach zu jeder Bewegung ein Raum, durch welchen, und eine Zeit, in welcher dieselbige geschiehet, erfordert; wenn wir diesen Raum und die Zeit gegen einander halten, so bekommen wir eine neue Notion, welche wir die Geschwindigkeit nennen; daß wir also eine Bewegung durch die Geschwindigkeit erkennen können, wodurch wir eben dasjenige erhalten, als wenn wir den Raum und die Zeit zugleich betrachteten.  
  Es wird aber die Bewegung, ausser der Geschwindigkeit, auch durch die Gegend determiniret, nach welcher sie geschiehet, welches wir die Direction derselbigen nennen. Jede Bewegung wird als ein Effect angesehen, welche nothwendig caussam praesupponiret; diese nennet man die Krafft: daß also bey einer Bewegung, eine Krafft, eine Geschwindigkeit, unter dieser der Raum und die Zeit, und die Direction in Betrachtung gezogen werden muß.  
  Mich deucht, man könne sich auf solche Art die Natur der Bewegung gantz deutlich vorstellen; und es ist zu verwundern, daß über einer so klaren Sache bey denen alten Physicis, oder vielmehr Metaphysicis, ein so grosser Streit habe entstehen können, welcher sie so gar so weit verleitet hat, daß sie alle Bewegung, als eine unmögliche Sache, den Cörpern abgesprochen haben.  
  Das vornehmste Argument, welches die Unmöglichkeit der Communication der Bewegung erweisen soll, ist wohl des Zenonis, das er mit dem Nahmen Achillis beleget. Es verhält sich folgender Gestalt: Achilles sey von einer Schild-Kröte um ein endliches Spatium entfernet, z.E.  
  {Sp. 1604}  
  um 1000. Schritte, und es lauffe Achilles hundert mahl geschwinder als die Schild-Kröte; wenn demnach Achilles eine Meile durchwandert hat, so hat in eben derselbigen Zeit die Schild-Kröte den hundertsten Theil einer Meile absolviret, und hat also der Achilles die Schild- Kröte noch nicht eingeholet. Indem nun Achilles, um der Schild- Kröte nach zu kommen, denselben hundertsten Theil durchwandert, so ist sie schon wieder um 1/10000 Theil einer Meile fortgerücket; Absolvirt Achilles diesen, so ist die Schild-Kröte 1/1000000 einer Meile fort marchiret, daß also dieselbe der Achilles noch nicht eingeholet hat; und auf solche Art wird er sie auch nicht einholen können, indem die Schild-Kröte beständig um 1/100 desselben Raumes vorausgehet, welchen der Achilles zu durchstreichen hat. Es ist demnach das Spatium, welches der Achilles durchläufft, [Formel] und das Spatium der Schild-Kröte [Formel] etc. in infinitum.  
  Dieses ist das beruffene argument des Zenonis, wodurch er die Zusammenkunfft zweyer mit verschiedener Geschwindigkeit bewegten Cörper hat unmöglich machen wollen, und welches aufzulösen einige gantze Tractate geschrieben haben. Die Auflösung dessen ist aber sehr leicht, wenn nur eingeräumet wird, daß ein Cörper mit einer gewissen Geschwindigkeit einen endlichen Raum in einer endlichen Zeit durchlauffen könne; welches der Zeno in der Bewegung des Achillis durch eine Meile selbst praesupponiret. Denn, weil aus dem Beweiß klar, daß der motus vniformis und velocitas constans sey, so folget, daß die Spatia sich wie die Zeiten verhalten.  
  Wir wollen setzen, Achilles lege innerhalb einer Stunde eine Meile zurücke, so wird er 1/100 der Meile in 1/100 einer Stunde, 1/100000 der Meile in 1/10000 einer Stunde und so ferner absolviren. Es repraesentiret demnach die Series [Formel] so wohl den Raum, den der Achilles durchläufft, als auch die Zeit, in welcher er ihn durchwandert. Nun ist aus der Arithmetica infinitorum bekannt, daß, da die vorhergesetzte Series eine geometrische progression, die Summe derselbigen sey [Formel] Wolff. Analys. infinit. ...
  Derowegen, wenn wir vorige Seriem von dem Raum, den Achilles durchgelauffen, verstehen, so ist derselbige eine Meile und 1/99 einer Meile: verstehen wir es von der Zeit, so hat Achilles 1. Stunde und 1/99 derselben, den vorigen Raum zu durchlauffen, zugebracht. Beydes ist endlich; derowegen muß Achilles die Schild-Kröte in einer Stunde und 1/99 derselben einholen, indem ex concessis der Achilles mit seiner Geschwindigkeit einen endlichen Raum in einer endlichen Zeit  
  {Sp. 1605|S. 818}  
  absolviren kan.  
  Es sind noch mehrere objectiones, die die Alten wider die notion der Bewegung gemacht haben, aber von geringerer Erheblichkeit, als des Zenonis; doch wer dieselben beysammen und refutiret sehen will, wird solche in des Keills Introduct. ad veram Physicam Lect. 6. antreffen.  
  Wir haben schon oben gesagt, daß die Bewegung eine caussam praesupponire. Diese ist nun entweder proxima, das ist, der Conatus eines Cörpers die Örter derer andern Cörper, die in einer gewissen plaga neben einander liegen, einzunehmen; oder sie ist occasionalis, das ist, der Wiederstand, welcher den zu bewegenden Cörper von andern, in der Gegend, nach welcher die Bewegung gerichtet ist, gelegenen Cörpern geschiehet, in so ferne derselbe geringer ist, als der conatus des Cörpers sich zu bewegen.  
  Von dieser caussa occasionali entstehen die Veränderungen in einer Bewegung; indem hierdurch entweder die Ruhe, oder die Geschwindigkeit, oder die direction, oder die Geschwindigkeit und direction eines Cörpers zugleich verändert wird. Diejenige caussam occasionalem, welche einen Cörper aus der Ruhe in Bewegung bringet, oder eines schon gleichförmig bewegten Cörpers Geschwindigkeit und direction verändert, nennet Newton in princip. Philos. natur. ...vim Impressam und leitet dieselbige entweder vom Stoß, oder Druck, oder vi centripeta her.  
  Es richtet sich eine jede Bewegung nach gewissen Gesetzen und Regeln, welche aus denen besondern Umständen derer Kräfte und deren adplication hergeleitet werden. Z.E. also werden zu einer Bewegung in einer krummen Linie mehr als eine Krafft erfordert; indem eine einfache Krafft nur eine Bewegung nach der direction einer geraden Linie hervorbringen kan etc. wovon aber ein mehreres unter denen Titeln leges et regulae motus zu ersehen.  
  Die Bewegung ist das Objectum der Mechanic, indem diese eine Wissenschafft der Bewegung ist: ja die doctrin von der Bewegung muß zuerst mit in der Physic vorgetragen werden, weilen man in derselbigen die Ursachen derer Veränderungen, so bey einem Cörper geschehen, ausfündig machen soll; keine Veränderung aber in einem Composito ohne Bewegung geschehen kan, sintemahl bey derselbigen, entweder die Grösse, oder die Figur, oder die Lage derer Theile, welche den Cörper ausmachen, oder der Ort desselbigen verändert wird, welches alles nothwendig eine Bewegung erfodert.  
  Es erhellet hieraus zugleich, was man sich von demjenigen zu versprechen habe, welcher das studium Physices antritt, ehe er sich noch in der Mechanic und in der theorie der Bewegung feste gesetzet; daher es auch kommt, daß man bey dergleichen Leuten öffters die absurdesten Meynungen von physicalischen Sachen antrifft, wovon Exempel klar am Tage liegen; und wird hierdurch der Ausspruch des Philosophi allerdings bestätiget. [ein Satz griechisch], Ignorato motu naturam ignorari necesse est,  
  überhaupt ist die Bewegung die edelste Affection eines Cörpers, wodurch sich die Natur uns zu erkennen giebt und dergleichen Dinge hervorbringt, bey deren Betrachtung wir nothwendig erstaunen müssen. Ja wenn die Bewegung in der Welt auf einmahl aufhören solte; so würde alle Pracht und Zierde in der Welt zu Grunde gehen, keine Sterne würde man mehr gläntzen sehen; eine erschreckliche Finsterniß würde unsere Augen umgeben;  
  {Sp. 1606}  
  ja alles und wir selbst würden in einen unendlichen Schlaf gerathen. Denn von der Bewegung dependiren die Abwechselungen der Tage und Nächte, Kälte und Wärme, Schnee, Regen, Heiterkeit und aller Witterung. Durch die Bewegung wachsen die Pflantzen, die Bäume bekommen dadurch ihre Nahrung; von ihr stammet das Leben derer Menschen und Thiere her, indem dasselbe in nichts anders, als in der Circulation des Geblüts bestehet; und überhaupt, alles in der Welt ist in steter Bewegung, wie solches von denen neuern Metaphysicis erwiesen wird.
  • Wolffs Gedancken von GOtt, der Welt und der Seele des Menschen …
  • Acta Erud. 1695 …
  Schlüßlich ist noch zu erinnern, daß die Bewegung nach ihren besondern Umständen besondere Beywörter bekomme, als da ist motus absolutus, relativus, acceleratus, retrdatus etc. wovon aber unter gehörigen Titel ein mehreres nachzusehen.  
     

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Stand: 23. Oktober 2016 © Hans-Walter Pries