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Zedler: Böse [2] HIS-Data
5028-4-392-1-02
Titel: Böse [2]
Quelle: Zedler Universal-Lexicon
Band: 4 Sp. 396
Jahr: 1733
Originaltext: Digitalisat BSB Bd. 4 S. 213
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Hinweise:
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Metaphysik
  Ursprung
  Stellungnahme
Literatur

Stichworte Text   Quellenangaben
Metaphysik Nach der Metaphysischen Betrachtung des bösen, oder in Ansehung des göttlichen Willens, so ist das Böse dreyerley.  
 
  • Erstlich ist das Metaphysicalische Böse, wenn nehmlich die gantze Natur derer Dinge ihren allgemeinen Wesen nach nicht mit dem Willen GOttes übereinstimmen soll;
  • zum andern das Physicalische Böse, nemlich, wenn eine natürliche Sache nach ihrer Existenz und Wesen dem Willen GOttes in der bestimmten Ordnung nicht gemäß ist.
  • Drittens, das Moralische Böse, wenn der Mensch in denen ihm von GOtt bestimmten Wegen zu seiner
 
  {Sp. 397|S. 214}  
 
  Glückseeligkeit abweichet.
 
  Die beyden erstern Arten werden nicht zugeben: Das moralische Übel aber kan keinesweges geläugnet werden: Man behauptet den Satz: Quod omne ens, quatenus ens sit, bonum sit. Auf den Einwurff, daß dennoch die Physicalischen und moralischen Ubel, als Kranckheit, Sünde und Thorheit nicht könnten gut seyn, wird geantwortet, diese wären nicht entia per se, seu quatenus entia, sondern entia per accidens, und also gehörten dieselbe nicht in die Claße metaphysicalischer Dinge. Müller in der Metaphysick …
  welcher noch nachfolgendes hinzusetzet:  
  Dahin zielet auch, was die Peripathetici sagen, daß in allem Ubel zweyerley zu erwegen sey. Erstlich eine physicalische Bewegung, zum andern ein Mangel, oder eine Unordnung an derselben. Die erste sey ein würckliches Ding, und an sich selber gut: Die andre aber sey eine privation, und also mehr ein Unding als ein Ding. Da nun das Ubel nicht in der ersten, sondern in der andern bestehe; so sey das Ubel, und dessen Ursprung und Wesen nicht so wohl in entitate als vielmehr in non entitate zu suchen. In actu vitioso, quidquid est entitas, id omne bonum esse, malitiam autem non consistere in entitate, sed in ejus privatione. Scheibler I
  zu dem moralischen Bösen gehöret die Eintheilung von dem bösen der Schuld, und dem Bösen der Straffe. Das Böse der Schuld wird alles dasjenige genennet, welches denen göttlichen Gesetzen zuwieder ist; das Böse der Straffe ist die Straffe selber, die auf die böse That erfolget, und entweder zur Besserung oder zur Rache dienen soll: Donati Metaph. Vsual.
Ursprung Da nunmehro es ausgemacht ist, daß die Existenz des moralischen bösen nicht könne geläugnet werden, so entstehet die Frage, welches denn der Ursprung des Bösen sey? Bey dieser Erwegung sind zwey Haupt-Sätze, welche wegen ihrer Wichtigkeit unsern Gedancken viel zu schaffen machen. Einmahl ist es gewiß, GOtt ist gerecht und gütig, er kan dahero das Böse, und das daraus entstandene Ubel nicht gewollt haben. Hingegentheil ist es gleichfals wahr, daß der Ursprung aller Dinge von GOtt sey, und daß durch seine Determination das Wesen der Dinge entstanden ist.  
  Dieser Satz nöthiget uns nachfolgende limitation von dem Willen GOttes vorzubringen: Es hat nemlich das allerhöchste Wesen das Böse nicht gewollt, sondern nur zugelassen, welches Vorgeben aber in der That nichts anders, als ein Deck-Mantel unserer Unwissenheit ist. Wir wollen die Meynungen anderer von dieser Sache erklären, und alsdenn zum Beschlusse unsere Erinnerungen anhängen.  
  Die alten Heydnischen Welt-Weisen hegten durchgehends die Meynung, es wären zwey independente Principia, deren eines der Grund des guten; das andre der Grund des Bösen wäre: Dieses letztere befände sich in der Materie. Der Grund dieses Irrthums kan eines Theils die Tradition, nach welcher sie einige Nachricht von dem ersten Sünden-Falle mochten gehabt haben: Anderntheils ihre falsche Meynung von der Ewigkeit der Materie gewesen seyn. Ihre Sätze finden wir in Wolffs Tractatu de Manichaeismo
  {Sp. 398}  
  ante Manichaeos, und Buddei Instit. Theolog. Dogm.
  Unter denen so genannten barbarischen Welt-Weisen vertheidigten die Chaldaeer diese Sätze. Man findet von solchen in denen Philosophumenis, welche den Namen des Origenis führen, ein Zeugniß. Der Persische Zoroastres wird vor den Urheber dieser Lehre angegeben, und von diesem soll sie auf die Griechische Welt-Weisen seyn fortgepflantzet worden. Die Perser hatten zwey Gottheiten, den Oromazem, welchen sie vor den Ursprung des guten hielten, und den Arimanium, welchen sie den Ursprung des Bösen nenneten. Thomas Hyde de Religione Veterum Persarum … suchet hierbey zu erweisen, die Perser hätten nicht zwey Gottheiten aus ihnen gemacht, sondern den Arimanium vor ein Geschöpffe gehalten.  
  Unter denen Griechischen Philosophis war die Lehre von zweyen Principiis gemein, ohngeachtet man von allen keine Gewißheit in diesem Falle finden kan. Bey der Jonischen Secte haben Thales Milesius, Anaximander, und Anaximenus bey der Untersuchung, von denen ersten Ursachen derer natürlichen Dinge von GOtt keine Erwehnung gethan: Man rechnete sie deswegen zu denen Gottes-Verläugnern. Anaxagoras benebst denen übrigen dieser Secte behauptete zwey von einander unterschiedene Principia, nemlich materiam und mentem. Das letztere wäre die Ursache der Bewegung, Ordnung und Einrichtung derer Dinge. Dieser Meynung ist auch Pythagoras nebst seinem Schüler Empedocle, nachdem Zeugniße des Plutarchi de Iside et Osiride, beygefallen.  
  Plato hat gleichfalls diese Lehre behauptet: Seine Sätze waren eigentlich diese: Die Materia wäre ewig; aus dieser hätte GOtt nach seinem freyen Willen die Welt gemacht: Er hätte gesucht die unmäßige Bewegung der Materie in eine Ordnung zu bringen, wobey er aber soviel Widerstand gefunden hätte, daß er wäre gezwungen gewesen, den Saamen des Bösen zurücke zu lassen. Man findet dieses so wohl in seinem Timaeo als in dem Plotino und andern.
  Eben solche Sätze flüssen aus der Lehre des Aristotelis von der Ewigkeit der Welt: Er hält die Materie, und die aus derselben von GOtt hervorgebrachte Welt vor ewig. Nun stehet nicht zu beweisen, daß er GOtt vor den Urheber des Bösen werde gehalten haben, dahero muß er den Ursprung des Ubels aus der Materie herleiten.  
  Von denen Stoickern ist es offenbar, daß sie den Grund des bösen in der Materie gesucht haben. Siehe von denen Meynungen der Alten mit mehrern Bayle Dictionaire Histor. et Critique voce Manichiens not. c.
  Dieser Irrthum von einem zweyfachen Principio ist hernachmahls in der Christlichen Kirche von verschiedenen Ketzern auf das neue hervorgebracht worden. Die Haupt-Vertheydiger desselben sind die Manichaeer gewesen, daher er der Manichaeismus genennet wird. Der Irrthum von dieser Lehre ist gantz Augenscheinlich, indem derselbe wider die Lehre von GOtt, welche doch auf so festen Gründen stehet, hauptsächlich streitet.  
  Zu unsern Zeiten sind nachfolgende durch ihre Sätze in der Lehre von dem Ursprung des Bösen berühmt worden.  
 
1) Peter Bayle, welcher die Meynung von dem doppelten Principio des guten und Bösen, wo nicht gäntzlich zu vertheidigen, gleichwohl auch nicht zu verwerfen gesucht. Erstlich trug er die Lehre problematisch für: Er vermeynte,
 
  {Sp. 399|S. 215}  
 
es könnten diese Sätze nicht genugsam aus der Vernunfft wiederleget werden, sondern dieselbe zeige viele Gründe, auf welche ein solches Systema könne feste gesetzet werden: Da er aber deswegen von unterschiedlichen angegriffen wurde, so zeigte er sich deutlicher, wie geneigt er denen Sätzen derer Manichäer, oder vielmehr derer alten Welt-Weisen von dem doppelten Principio sey.
Siehe seine Meynung in seinem Dictionaire Historique et Critique, unter dem Titel Manichiens, Marcionites, Origine, Pauliciens ferner seine response aux Questions d'un Provincial
 
Seine hauptsächlichen Gegner sind Clerc, Jaquelot, Jurieu, Leibnitz, Placette, Wolff gewesen.
Die deswegen gewechselte Schriften findet man bey
  • dem erwehnten Wolff de Manichaeismo ante Manichaeos …
  • Fabricio in Delectu argumentorum …
  • Buddeo in Institut. Theologic. Dogmatic. …
  • und Stollen in der Anleitung der Historie zur Gelahrheit.
 
2. Gottfried Wilhelm Leibnitz, es setzte derselbe dem Baylischen Systemati ein anders entgegen. Dieses trug er in seiner Schrifft: Essais de Theodicee, oder Betrachtung der Gütigkeit GOttes, der Freyheit des Menschen, und des Ursprungs des Bösen, vor. Dieselbe kam zuerst 1710. in 8. in Frantzösischer Sprache heraus, hernach ist sie in das Lateinische, und endlich in das Teutsche übersetzet, und von G. Fridrich Richtern, Professore in Leipzig, eine neue Auflage 1726. mit beygefügter Lebens-Beschreibung des Verfassers besorget worden.
 
 
Er richtet seine vornehmste Absicht wider den Bayle, und suchet dessen gemachte Einwürffe zu heben. Sein Systema ist kürtzlich nachfolgendes: Nach seiner Meynung ist die gegenwärtige Welt die beste Welt. GOtt stellte sich in seinem Göttlichen Verstande viele Welten vor, und nach seiner Weißheit muste er sich die beste daraus erwehlen. Die beste Welt aber kan nicht die beste seyn, wenn das Böse in derselben nicht zu finden. Er redet also davon in der Theodicee ersten Theil
 
 
Es möchte vielleicht ein Gegner, der auf diesen Vernunffts-Schluß, (nehmlich daß die Weißheit Gottes keine andre, als die beste Welt wehlen können) nicht antworten kan, durch einen Gegen-Schluß auf die Conclusion antworten, und sagen: Die Welt hätte können ohne Sünde und Elend seyn: Allein ich läugne, daß sie alsdenn die beste gewesen wäre. Denn man muß wissen, daß in einer ieglichen möglichen Welt alles verknüpfet ist; das Universum, es sey, welches es wolle, gehet in einem fort, wie ein Ocean; Die geringste Bewegung erstrecket ihre Würckung auf eine jedwede Weite, ungeachtet diese Würckung nach proportion der Weite immer unempfindlicher wird.
 
 
Dergestalt hat GOtt in der Welt einmahl vor allemahl alles schon voraus eingerichtet, indem er das Gebet, die guten und bösen Wercke, und alles übrige vorher gesehen; ja jede Sache hat in der idee, noch vor ihrer Existenz, zu dem Göttlichen Entschlusse, der über die Existenz aller Dinge genommen worden, etwas beygetragen. Also kan in dem Universo, ebenso wenig als in einer Zahl, etwas geändert werden, ohne daß zugleich die Essenz oder die Individualitas numerica, verändert wird. Dahero, wenn das geringste Ubel, das in dieser Welt geschicht, davon abgienge, so würde es nicht mehr
 
  {Sp. 400}  
 
diese Welt seyn, die, nach der allervollkommensten Ausrechnung von dem Schöpfer, der sie erwehlet, vor die beste befunden worden.
 
 
Zwar kan man sich wohl mögliche Welten ohne Sünde und Unglück einbilden, und davon gleichsam Romanen schreiben, wie von Vtopia und von den Severamben; Allein eben diese Welten würden der unsrigen, am Guten gar weit nachzusetzen seyn. Ich kan euch dieses zwar unmöglich, nach allen Stücke und Umständen, vorstellen; denn ich müste unendliche Dinge begreiffen und unter einander vergleichen können. Allein ihr müsset es mit mir ex effectu schlüssen, weil GOtt diese Welt, so wie sie ist, erwehlet hat. Wir wissen aus andern Dingen, daß offters ein Ubel was Gutes verursache, so man ohne dieses Ubel nicht würde erhalten haben. Ja vielmahls haben zwey Ubel ein grosses Gut gewürcket:
 
 
Et si fata volunt, bina venena juvant.
(Und stimmet das Verhängnis ein,
So muß ein zweifach Gifft gesund und heilsam seyn.)
 
 
Gleichwie bisweilen zwey fließige Materien einen harten und trockenen Cörper hervorbringen, wovon der Spiritus vini und der Spiritus des Urins zeugen, die von Helmont mit einander vermischt; oder wie etwa zwey kalte und finstere Cörper ein grosses Feuer verursachen, wie solches ein gewisser saurer liquor, und ein aromatisches Öl bezeugen, die Herr Hoffmann zusammen gegossen. Ein General eines Kriegs-Heeres begehet zuweilen einen glücklichen Fehler, der den Gewinst einer gantzen Schlacht zuwege bringet; und singt man nicht in der Römischen Kirche an Oster heiligen Abend?
 
 
[Vier Zeilen lateinische Verse]
(O nöthige Sünde, die Adam gethan!
Da Christus selbst davor gestorben;
O Fehler, der nimmer beglückter seyn kan!
Der diesen Heyland sich erworben:)
 
 
Etliche haben davor gehalten, es sey durch dieses Leibnitzische Systema alles, was von Baylen hervorgebracht worden, über den Haufen geworfen worden: Andere hingegen halten davor, daß denen Einwürffen noch nicht sattsam Genüge gethan worden, und daß man zugleich dadurch die böse Lehre von der Nothwendigkeit des Bösen befestiget hätte.
 
 
Es ist wieder dieses Systema 1712. sub Praesidio Buddei eine Disputation de Origine mali zu Jena herausgekommen: Gleichfalls ist diese Meynung von Weismann in einem Schediasmate de Providentia Dei circa malum et peccatum, welches unter seinen Schediasmatibus Academicis 1725. editis zu finden ist, untersuchet worden.
 
 
Pfaff in Schediasmate de Morte Naturali … berichtet diesen sonderbaren Umstand, es habe sich Leibnitz in einem Schreiben erkläret, daß sein dem Baylen entgegen gesetztes Systema, nur ein ingenieuser Versuch wäre, welchen er selbst im Ernste nicht vor wahr hielte.
Von den übrigen hergehörigen Schrifften siehe Jo. Fabricium in Biblioth. Fabric. P. VI.
  {Sp. 401|S. 216}  
  pag. 281. und Jo. Albert. Fabricium in Delectu Argumentorum …
 
3.) Christian Wolff, welcher ein Schüler des Leibnitzens ist. Er hat in seinen Gedancken von GOtt, der Welt, und Seele des Menschen nachfolgende Sätze:
 
 
Erstlich spricht er §. 982. Hieraus erhellet zugleich, daß die gegenwärtige Welt unter allen die beste.
 
 
Hierauf fähret er §. 1058 ferner fort: Wir haben oben vernommen, daß diese Welt unter allen, die möglich sind, die beste ist: Wir finden aber durch die Erfahrung, daß in dieser Welt viel Unvollkommenheit, viel Böses und viel Ubel ist. Derowegen ist hieraus klar, daß auch die beste Welt nicht ohne Unvollkommenheit, Ubel und Böses seyn kan. Weil nun GOtt das unvollkommene dem vollkommnen nicht vorziehen kan, so ist es nöthig gewesen, daß er die Unvollkommenheiten, das Ubel und das Böse, welches sich in dieser Welt gefunden, zugelassen hat. Genug, daß er auf solche Weise mehr gutes erhalten, als sonst würde geschehen seyn, wenn er es nicht hätte zulassen wollen, weil er in diesem Falle eine andre Welt hätte müssen zur Würcklichkeit bringen, darinnen nicht soviel gutes gewesen wäre, als in dieser. Diese Regel aber bestehet mit der Weisheit, daß man das Böse zuläst, wenn man das Gute selbst hindern würde, woferne man es nicht zulassen wolte.
 
 
Und §. 1061. num. 4. heist es: Man nimmt ohne Grund an, daß GOTT den Menschen auf dem Erdboden so hätte erschaffen können, daß er gantz ohne Sünde geblieben wäre.
 
 
Diese Lehre hat grossen Widerspruch gefunden. Es hat Lange seine modestam Disquisitionem, ingleichen seine bescheidene und ausführliche Entdeckung der falschen und schädlichen Philosophie in dem Wolffianischen Systemate Metaphysico demselben entgegen gesetzet. Ferner ist ihm auch Walther in den eröffneten Eleatischen Gräbern, nebst andern zuwider gewesen; insonderheit aber hat Buddeus in seinem Bedencken über die Wolffianische Philosophie num. 6. darwider erinnert, daß aus der Lehre des Wolffens, daß in der besten Welt das Gute mit dem Bösen verknüpfft sey, folge, daß nicht allein das Böse von GOtt, sondern es auch nothwendig sey. Solches lehre gleichfalls Leibnitz in seiner Theodicée unter dem Scheine den Baylen zu widerlegen, habe er die Meynung de necessitate mali befestiget, welches auch Clericus und Pfaffius angemercket hätten, und sey es ausgemacht, daß wenn GOtt nothwendig die beste Welt habe erwehlen müssen, diese aber, darinnen sich das Böse befindet, die beste sey, daß Böse nothwendig von GOtt herkommen müsse.
 
 
Wolff antwortete in denen Anmerckungen über diß Bedencken p. 53. Die beste Welt, und die Welt, darinnen das Gute und das Böse mit einander vermischt sey, wären bey ihm nicht Synonyma. Er beschreibet die beste Welt, darinnen die gröste Vollkommenheit zu finden wäre. Ein anders sey, zugeben, daß in der besten Welt das beste statt haben könne: es sey aber gantz was anders, daß die beste Welt diejenige sey, in welcher das Gute mit dem Bösen vermischet wäre.
 
 
Hierauf wurde in der bescheidenen Antwort auf Herrn Wolffens Anmerckung pag. 43. seqq. erinnert: er erkläre sich zwar etwas besser und deutlicher, als in der Metaphysic, wenn man aber seine Lehr-Sätze zusammen betrachtete, so käme kein anderer Schluß daraus, als daß das Böse nothwen-
 
  {Sp. 402}  
 
dig sey, und seinen Ursprung von GOtt habe, denn man fände gleichwohl §. 58. diese Worte:
 
 
es sey klar, daß auch die beste Welt nicht ohne Unvollkommenheit, Ubel und Böses seyn könne, und §. 1061. num. 4. hiesse es: Man nimmt ohne Grund an, daß GOtt den Menschen auf dem Erdboden so hätte er schaffen können, daß er gantz ohne Sünden geblieben wäre.
 
 
In denen Anmerckungen über die Metaphysic … wolte Wolff seine Meynung, daß die Welt nicht vollkommener gewesen wäre, wenn keine Sünde vorhanden, als nun, da die Sünde ist, weiter ausführen und behaupten, indem er spricht:
 
 
Wer behaupten will, daß diejenige Welt unvollkommener gewesen wäre, darinnen keine Sünde Platz gehabt, der muß zugeben, daß sich GOtt durch die blosse Schöpffung und Erhaltung viel herrlicher hätte offenbaren können, als durch das Werck der Erlösung, welches in keiner Welt Platz hat, darinnen keine Sünde vorhanden. Das letzte werde ich nach meiner Erkäntniß in Christenthum nimmermehr zugeben, und daher würde ich bloß aus dieser Ursache eine Welt nicht vor vollkommen halten, darinnen eine Sünde gewesen wäre, wenn ich gleich keine Gründe aus der Vernunfft darzu gehabt hätte, die ich als ein Weltweiser ausgeführet.
 
 
Hierauf wurde ihm in der bescheidenen Antwort … geantwortet, daß, weil die Sünde die Ursache des Reichs der Gnaden sey, dennoch hieraus keinesweges zu schliessen wäre, daß die Welt ohne Sünde deswegen schlimmer sey, weswegen einige Instantien angeführet worden. Bey dieser Gelegenheit schrieb auch Buddeus sein Programma de aucta per incarnationem Christi humani generis dignitate, welches in seinen Meditationibus Sacris zu finden.
 
 
Diesem suchte Wolff in der Zugabe zu seinen Anmerckungen … zu begegnen, indem er vorwendete, er hätte nur behauptet: naturam humanam non potuisse creari illabilem. Hierdurch würde man bewogen, in dem bescheidenen Beweise, daß das Buddäische Bedencken noch feststehe, pag. 68. Die Sache weitläufftiger zu untersuchen, u. sie in diese zwey Fragen zu bringen:
 
 
Erstlich, welches der Ursprung des Bösen sey? Hierbey wurde wider die von Wolffen gegebene Antwort erinnert, daß dieselbige mit seiner Metaphysic nicht überein käme, indem er in derselben nicht behaupte, daß GOtt den Menschen nicht anders hätte erschaffen können, als daß er habe sündigen können, sondern daß er habe sündigen müssen. Seine Worte wären ja diese: GOtt hat den Menschen nicht so erschaffen, daß er gantz ohne Sünde geblieben wäre, und also wäre die Rede von einer Würcklichkeit, daß die Sünde nicht hätte ausbleiben können, sondern kommen müssen.
 
 
Wenn man auch zugeben wollte, daß in der Wolffischen Metaphysick wegen des Ursprungs des Bösen nichts verdächtiges anzutreffen wäre, so habe er sich doch wegen der Zulassung des Bösen dahin sattsam erkläret, daß GOTT einigen Antheil daran habe, woraus dann die andere Frage entstehet: Aus was vor Ursachen GOtt das Böse zugelassen habe? In seiner Metaphysic wären zwey Ursachen zu finden: Die erste sey, weil GOtt in einer Welt, darinnen nichts böses gewesen wäre, soviel gutes nicht würde erhalten haben. Die andere, daß GOtt nicht soviel Weißheit hatte sehen lassen, wenn er das Böse durch Wunder-Wercke verhindert hätte. Woraus geschlossen wird, daß GOtt also seinen Antheil an dem Bösen habe.
 
 
  Diese Leibnitzische Lehre ist auch von George Bernhardt Bülf-
 
  {Sp. 403|S. 217}  
 
fingern in Commendatione de Origine et Permissione Mali praecipue moralis 1724. vorgetragen worden.
Walch in Lexico
  Sonst hat Müller in seiner Metaphysic. … sattsam erwiesen, daß GOtt den Menschen, wenn er anders ein Mensch seyn sollen, mit einem freyen Willen erschaffen müssen, und also in gewisser Maasse das Böse, doch auf eine bedingte Art, zugelassen hätte.  
Stellungnahme Wir sind keinesweges gesonnen, uns zu Richtern unter so grosse Männer aufzuwerffen, weswegen wir nur noch einige Anmerckungen machen wollen. Man siehet  
 
1) mit wie viel Zweifeln diese Lehre verknüpfft sey. Wenn die Sache a priori auch noch so feste gegründet ist, so finden sich dennoch a posteriori solche Einwürffe, welche denen Vertheidigern des ersten Systematis Mühe genung machen, woraus denn
 
 
2) erhellet, daß diese Frage ausser denen Grentzen unserer Vernunfft sey, und wir uns zu viel wagen, wenn wir die Bewegungs-Gründe des göttlichen Willens erforschen wollen, warum GOtt unsre Welt, so, wie sie ist, und nicht anders erschaffen wollen? Ob wir gleich hiermit öffentlich bezeugen wollen, daß wir keinesweges an denen Sätzen des Baylen in übrigen Antheil nehmen, wir auch die Richtigkeit des anzuführenden Gleichnisses, ohne uns darüber in einen Streit einzulassen, dahin gestellet seyn lassen, so scheinen uns doch die Worte des Baylen ad voc. Manichiens not. c. sehr vernünfftig zu seyn, wenn er spricht: La raison [19 Zeilen französischer Text]. Wenn nun aber unsere Vernunfft ihre Schwäche dabey erkennen muß, so können wir uns doch
 
 
3) dißfalls zufrieden geben. Es ist genung, daß wir wissen, daß der Grund des Bösen in uns sey, und daß wir unsern verderbten Verstand dessen Quelle nennen müssen. Hierbey haben wir die Mittel, das Böse in uns zu überwinden. In zeitlichen Dingen können wir unsern Verstand natürlicher Weise verbessern; und in ewigen Dingen haben wir uns der göttlichen Gnade, wenn wir nur nicht Widerstreben, gewiß zu versprechen. Wir sind glücklich genung, daß es annoch in unserm Willen stehet, uns von dem Bösen zu befreyen, wenn wir gleich dessen Ursprung, welcher hierzu nichts beyträget, nicht wissen.
 
 
Scheinen andere Menschen diejenigen Mittel nicht zu haben, welche uns offen stehen; so haben wir keine Ursache, da wir ihnen nicht helffen können, uns darum zu bekümmern. Es ist eine Eitelkeit, Dinge erforschen wollen, welche wir als keine Mittel gebrauchen können, da uns der Verstand bloß zur Erkäntniß
 
  {Sp. 404}  
 
derer Mittel unserer Glückseeligkeit gegeben worden. Das übrige überlassen wir der göttlichen Regierung, welche, wenn wir sie auch nicht erforschen können, dennoch weise und gerecht seyn muß. Es ist also in diesem Falle besser, nur vor sich zu sorgen, und im übrigen die Unwissenheit, welche uns keinen Schaden bringet, zu bekennen, als durch unnöthige Nachforschung auf Zweiffel zu gerathen, welche keine andre Würckung, als uns zu beunruhigen, haben.
 
Literatur Im übrigen gehören noch zu dieser Materie nachfolgende Schrifften, als:
  • Rudraufs Quadriga Dissertationum Academicarum
  • Wilhelm Kings Tractatus de Origine Mali. Londen 1702. und Bremen 1704, worinnen er ein dreyfaches Böses der Unvollkommenheit, das natürliche, und moralische setzet, und von dessen Ursprunge, und wie es bey der Weißheit, Gütigkeit und Macht GOttes bestehen könne, handelt. Welche Gedancken von Grapio in Theologia recens controversa … untersuchet worden.
  Die Scholastici Lombardus II. Sententiarum Distinct. 31. Wilh. Occam und andere, wohin auch die Arminianer, Socinianer und Fanatici zu rechnen, behaupten, daß das Böse nicht in der Seele des Menschen, sondern in dessen Leibe zu suchen sey, welcher Meynung, auch Chauvin de Religione Naturali … beypflichtet. Diese Sätze sind von Buddeo in Parergis Historicis Theologicisuntersuchet worden.  
  Ferner gehöret hieher Turnerus de Primi Peccati introitu … ingleichen findet man die historischen Umstände dieser Materie in der ersten Abtheilung der unter dem Praesidio Buddei 1718 gehaltenen Disputation, de Anima Sede peccati originalis principali.  
  Letztlich ist zu mercken, Christian Joan Wilkii Specimen Philosophiae sobriae de insita cognitione lapsus humani generis. Lips. 1708.  
  Von denen übrigen handelt Fabricius in Delectu Argumentorum Walch in Lex. Philos.
     

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Stand: 20. Februar 2013 © Hans-Walter Pries