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Zedler: Luft HIS-Data
5028-18-1029-7
Titel: Luft
Quelle: Zedler Universal-Lexicon
Band: 18 Sp. 1029
Jahr: 1738
Originaltext: Digitalisat BSB Bd.18 S. 530
Vorheriger Artikel: Luffee
Folgender Artikel: Lufft … quoad usum Juridicum
Siehe auch:
Hinweise:
  • Allgemeine Bemerkungen zur Textgestaltung siehe Hauptartikel
  • Für die Auflösung der Quellenangaben siehe: Personen, Bibel
  • : Absatz in der Vorlage vorhanden
  • Transkribierter griechischer Text der Vorlage

  Text Quellenangaben
  Luft, daß die Lufft eins der edelsten Geschöpffe sey, erhellet aus deren allgemeinen Nothwendigkeit in dieser untern Welt zur Gnüge. Wie dieselbe zur Erhaltung des Feuers nöthig, und solches durch deren Entziehung erlösche, ist bekannt; wie sie in dem Wasser sey, bekräfftigen viele Experimente, und nebst denen insonderheit die Fische, und auf der Erden finden wir nicht nur Lufft in den vielen löcherichten und schwammichten Cörper an, sondern auch dichtesten Metallen, wie aus deren Klang zu ersehen. In den Pflantzen haben die beyden gelehrten Männer Malpigius und Grew viele Lufft- Röhrlein oder Gänge, durch welche die Lufft in alle Theile der Gewächsen geführet wird, entdecket, und die Gärtner nebst denen Ackers-Leuten graben die Erde auf, damit die Lufft einen desto freyern Zugang habe. Ja was die Lufft bey dem Leben der Thiere für einen unentbehrlichen Nutzen habe, bezeuget das Athemholen.  
  Es ist demnach die Materie von der Lufft eine der wichtigsten womit die Natur-Lehrer in ihren Physicen zu thun haben, da sie sich bemühen, aus ihren erkannten und angemerckten Eigenschafften hinter ihre Natur zu kommen und solche zu erforschen. Man nimmt nehmlich wahr und mercket an, daß sie  
 
1) flüßig, indem wenn man die Hand durch einen Raum, der leer zu seyn scheine, gegen das Gesicht bewege, so werde man wahrnehmen, daß etwas das Gesichte berühre, ohnerachtet die Hand nicht dran komme, und also müste eine Materie in demselben Raum seyn, die sehr subtil, weil man sie nicht sehen könnte, und deren Theile nicht fest zusammen hiengen, weil sie die Cörper in ihrer Bewegung nicht aufhielte, das ist, sie sey flüßig:
 
 
2) schwer, welche Eigenschafft durch allerhand vermittelst der antliae pneumaticae, oder Lufft-Pumpe angestellten Experimenten und andern Erfahrungen dargethan wird, daß also ein Gefäß, wo die Lufft ausgepumpet, viel leichter, als ein anderes, so damit angefüllet, welches auch die Hemisphaeria Magdeburgica, oder die zwey grossen Halb-Kugeln aus Kupffer, oder Meßing, die man vermittelst eines Randes bequem an einander leget, und nachdem die Lufft aus gepumpet, mit einem Hahn verschliessen kan, bestätigten, dergleichen der berühmte Otto de Guericke, ehemahls Burgemeister zu Magdeburg verfertigen lassen, um den starcken Druck der Lufft zu zeigen. Denn als er aus solchen Halb-Kugeln, die im Diameter eine Elle hielten, die Lufft heraus gepumpet hatte, konnte er sie mit 24. Pferden nicht von einander reissen.
 
 
Es berechnet der Herr Ber-
 
  {Sp. 1030}  
 
noulli in methodo ratiocin. seu usu logicae ..., daß die gantze, um die Erde gehende Lufft Sphähre wohl könne auf 66000000000000000. Centner geschätzet werden,
conf. memoir. de l'acad. roy. des scienc. 1703. ...
 
und die Veränderungen, die bey der Schwere der Lufft vorgehen, zeige man durch das Barometrum.
 
 
  Die heutigen Naturforscher haben sich nicht nur bemühet, zu zeigen, daß die Lufft schwer, und wie schwer sie an und vor sich selbst sey; sondern auch auf verschiedene Weise die Schwere der Lufft gegen andere Cörper abgewogen und befunden, daß sie sich gegen dem Wasser verhalte nach einer Rechnung wie 1. zu 1300. nach andern wie 1. zu 1000.
 
 
  • Hauckbee in transaction. philos. ... 1. zu 885.
  • Bernoulli in einer besondern Dissertation de aëris gravitate 1. zu 740. oder 774. oder 811. oder 770.
  • nach la Hire und gegen den Quecksilber wie 1. zu 11355.
  • nach Cuffeler in Specimin. art. ratiocin. ... wie 1. zu 18200. und andern 10470. 10800.
Von welcher Materie die Schwere der Lufft betreffend, insonderheit
  • de Volder in quaestionibus academ. de aëris gravitate;
  • Borellus in tr. de motionibus natur. a gravitate pendentibus;
  • Otto Guericke in Experiment nov. Magdeburg.
  • Boyl. in nov. experiment. physico-mechanic. de vi aëris elastica,
  • Mariotte in essai de la nature de l'air ...
nachzulesen sind.
 
Dieser Meinung von der Schwere der Lufft wiedersetzet sich der Herr D. Rüdiger in seiner Physica divina, welcher, nachdem er einmahl den Satz angenommen, daß ein Cörper, wenn er sich an seinem gehörigen Ort befände, als Wasser in dem Wasser, weder schwer noch leicht, so schliesset er auch insonderheit ... auf die Lufft, die wenn sie mit gleicher Lufft verknüpffet, weder schwer, noch leicht sey, folglich fielen vor sich die Experimenten, die man mit der Lufft-Pumpe durch die Schwere der Lufft anzustellen pflegte, hin.
 
 
Er berufft sich unter andern auf gegenseitige Versuche, worunter einer mit der Schweins-Blase ist, die, wenn sie etwas frey um die Glocke der Pompe herum gebunden, und hierauf die Lufft heraus gepumpet werde, daß nach der gemeinen Meinung die Glocke sich an der Pompe andrücke, sich im geringsten nicht bewege, noch an der Glocke andrücke, welches doch geschehen müste, wenn die Andrückung der Glocke von der äussern Lufft herrühre. Nebst dem führet er noch andere Umstände vor sich an, daß unter andern diejenigen, so in der Lufft und unter dem Wasser giengen, keine Schwere fühlten; daß das Wasser in dem Zucker und in dem Lösch-Papier aufwärts steige, welche alle mit der Lehre von der Schwere der Lufft nicht zu vereinigen stünden, folglich einen andern Grund haben musten;
 
 
3) sey die Lufft durchsichtig, welches man daher abnehmen könnte, daß nicht allein die Sonne ihr Licht mittheile, sondern auch die Fix-Sterne, die doch so weit von uns entfernet wären, von uns gesehen würden:
 
 
4) lasse sie sich ausdehnen, welches die rarefactio heißt, wenn nehmlich ein Klumpen Lufft wo beysammen, da denn kein Zweiffel, daß die Lufft von dem Feuer und der Hitze könne dünne gemacht und in einen grössern Raum ausgebreitet
 
  {Sp. 1031|S. 531}  
 
werden. Man sehe dieses unter andern an einer sonst zusammen gefallenen; aber um den Hals fest zu gebundener Blase, wenn sie entweder in die Sonnen-Strahlen, oder an einen warmen Herd, oder Ofen gesetzt werde; da sie aufschwellen und gleichsam von ihr selbst aufgeblasen werde.
 
 
Doch es geschehe dieses auch, wenn schon keine antreibende Hitze vorhanden, welches man mit verschiedenen Experimenten darzuthun suchet, z.E. wenn eine Blase, die in etwas aufgeblasen, aber noch viele Runtzeln an sich habe, dabey am Halse gantz enge zusammen gebunden, in ein gewiß Behältniß- Glas gehänget werde, und man leere dieses durch eine Lufft-Pumpe gewöhnlicher Weise aus; so dehne sich die Blase so offt ein Zug gethan werde, sichtbarlich mehr und mehr aus, bis sie endlich vollkommen ausgespannet werde, und alle Runtzeln verliere; oder wenn eine ziemlich zusammengefallene und runtzeliche Schweins-Blase unten an einen Berg fest zugeschnüret, und von dar den Berg hinauf immer höher und höher getragen werde, so sehe man offenbar, daß die wenige eingeflossene Lufft sich nach und nach mehr ausbreite, und die Blase von ihr allgemach erweitert werde, und ihre Runtzeln verliere, bis sie endlich gar keine Runtzeln mehr habe, und als wenn sie durch starckes Blasen wäre erweitert worden, anzusehen sey.
 
 
Varenius geograph. general. ... giebt für, es könnte die Lufft so erweitert werden, daß sie einen Raum einnehme, der siebentzig mahl grösser, als er vorher gewesen, wie wohl Boyle de vi elastica aëris ... versichert, daß ers nur auf die Helffte dieses Grads bringen können:
 
 
5) lasse sie sich wieder zusammen drucken, welches condensatio aëris genennet wird, wie man solches bey den Büchsen, sonderlich Lufft-Büchsen sähe, da sich die Lufft sehr enge zusammen treiben lasse, auch aus dem schon angeführten Experiment mit der Blase zu erkennen. Denn wenn dieselbe auf der Spitze eines hohen Berges gleichsam von sich selbst aufgeblasen worden, und man gienge von demselben Berg wieder herunter, so werde sie nach und nach wieder gedrucket. Varenius l.c. meldet, daß sie dergestalt könnte zusammen gedruckt werden, daß sie nur dem sechzigsten Theil von dem Raum, den sie vorher eingenommen, erfülle.
 
  Zur Untersuchung der Rarefaction und Condensation der Lufft dienen die Thermoscopia, vor deren Erfinder Cornelius Drebbel ein Holländer ausgegeben wird, wiewohl die Engelländer diese Erfindung dem Fludd zuschreiben; conf. Mariotte de la nature de l'air ...
 
6) kan die Lufft dünne gemacht und zusammengedruckt werden, so leiten die Natur-Lehrer daher ihre elastische Krafft, vermöge der die Lufft vermögend sey, sich zusammen drucken zu lassen, und wenn das Drucken gehoben worden, sich wieder auszudehnen. Es erläutern dieses die schon oben angeführten Experimenten, sonderlich mit den Büchsen, mit denen durch die Kunst gemachten Spring-Brunnen,
s. Wolffens Aerometrie ...
  Zu diesen Eigenschafften setzet man noch die Ernährungs-Krafft, in dem es scheine, daß sie einigen kleinen Thierlein, als den Spinnen und dergleichen einige  
  {Sp. 1032}  
  Nahrung gäbe, weil sie z.E. in Gläsern, als nur mit Lufft angefüllten Gefässen, sehr lang ohne einiges anderes sichtbares Nahrungs-Mittel lebten, indem nehmlich diese Lufft allenthalben von saltzigten, schwefelichten, wässerichten Theilgen häuffig angefüllet sey, welche solche gantz kleine Cörperlein vier Tage lang ernehren könnten.  
  Ingleichen mercken die Natur-Kündiger insgemein an, daß zur Erhaltung der Flamme stets neue herzukommende Lufft erfodert werde, indem selbige mit ihren salpeterischen Theilen dem Feuer Nahrung gäbe, welches andere aber leugnen. Denn weil auch in der höhern Lufft Flammen ernehret würden; wo man doch durch die angestellten Experimente keine salpeterischen Theile gefunden habe; so scheine, daß die Lufft zu Erhaltung der Flamme vielmehr darzu nöthig sey, daß durch ihr Anblasen und Drucken so wohl der Ruß und Unreinigkeiten, welche sonst die Flammen bedecken und ersticken würden, zertheilet, als auch die in der brennenden Materie verborgene Feuerlein in grösserer Menge ausgedrucket würden, wie solche das Blasen des Mundes und der Blase-Bälge, wodurch die Flammen alsobald vermehret würden, offenbar erwiesen. Es führet Boyle in experiment. novis circa relationem inter flammam et aërem viele Experimente an, woraus erhelle, daß die Lufft zur Zeugung der Flamme nicht schlechterdings nöthig, wiewohl nicht zu leugnen, daß beym Abgang der Lufft die Flamme kaum bestehen kan.  
  Aus diesen angemerckten Eigenschafften suchen die Natur-Lehrer hinter die Natur der Lufft zu kommen, und die Ursache derselben Wirckungen zu erforschen. Die meisten bekennen ihre schwache Erkenntniß, die sie hierinnen hätten, und schreibet unter andern du Hamel tr. cap. 3. physic. gener. ... naturam aëris magna ex parte nos fugere, cum nec sub oculis cadat, nec seorsim, ut cetera elementa, spectari possit, ut vasis destillatoriiis contineri, welches er auch ... de consensu vet. et nov. philos. wiederholet. Ja in den Observat. Hal. ...  befindet sich eine Anmerckung unter dem Titel: nescire philosophos adhuc, quid sit aër, darinnen der Auctor viele alte, auch neuere Philosophos anführet, und zu weisen sich bemühet, daß keiner gewust, was die Lufft sey.  
  Wir wollen die vornehmsten Meinungen anführen, und darauf einige besondere Stücke, so die Natur der Lufft betreffen, berühren.  
  Das erste anlangend, so ist nicht zu leugnen, daß hierinnen die Philosophie der Alten sehr mager aussiehet, wenigstens hat dieses, was wir von ihrer Lehre hierinnen noch wissen, zum Theil nicht viel auf sich.  
  Von den alten Hebräern läst sich hier wohl nichts sagen, ja es mercket der benannte Auctor der observ. Hal. ... an, daß in dem gantzen alten Testament der Lufft nicht gedacht werde, auch in der hebräischen Sprache kein Wort zu finden, welches eigentlich die Lufft bedeute. Denn ob schon in der teutschen Ubersetzung, als Deuter. 28. v. 22. Jerem. 14. v. 6. Das Wort Lufft stünde, so käme solches doch den Wörtern im Grund-Text nicht zu, und daß die Rabbinen zuweilen die Lufft [ein Wort Hebräisch] nennten, dieses hätten dieje-  
  {Sp. 1033|S. 532}  
  nigen, so den Aristoteli angehänget, erdichtet, wie denn dieses auch zur Haupt-Sache nichts thut, indem uns die Bibel nicht zu Ende gegeben worden, daß wir die Physic daraus studiren sollen, und die Frage ist nicht, was uns die H. Schrifft für einen Begriff von der Lufft mache, sondern was ein Philosophus nach seiner Vernunfft davon erkenne.  
  Unter den Barbarn sind sonderlich die Chaldäer, Aegyptier, Persier, welche sich sonst um die natürlichen Dinge, sonderlich um den Ursprung derselben und um die Geister bekümmerten, bekannt; was sie aber insonderheit für Gedancken von der Lufft gehabt, finden wir nicht. Denn wenn gleich Seneca quaest. natural. … von den Aegyptiern schreibet, daß sie vier Elementen geglaubet, und ein jegliches wieder in zwey Arten, in ein männliches und weibliches eingetheilet; auch in den so genannten Oraculis des Zoroastris der Lufft gedacht wird, daß unter andern dieselbige über die Erde und über dem Wasser gesetzet worden; so sind dieses doch mehr unzulängliche Nachrichten.  
  In Griechenland war die Jonische Schule sehr bemühet um den Ursprung aller Dinge, da denn Anaximens zum Anfang aller Dinge gesetzet aërem infinitum, eine unendliche Lufft, wie Cicero de natura deorum … der Auctor der philosoph. … bezeugen, und Augustinus de civitate Dei … saget: Anaximenes omnes rerum causas infinito aëri dedit, nec Deus negavit nec racuit; non tamen ab ipsis aere factum sed ipsos ex aëre ortos, credidit. Es wird ihm diese Meinung insgemein für atheistisch ausgeleget, als hätte er die Lufft für einen Gott gehalten, wenigstens bezeuge Cicero von seinem Schüler, dem Diogene Apollonate, daß er die Lufft als ein Gott angesehen,
s. Bayle in[1] diction. histor. et critiqu. voc. Diogenes Apolloniates, und von der Atheisterey des Anaximenis observ. Hal. … Gundling otior. falcic. …
[1] HIS-Data: korrigiert aus Ba u n
  wiewohl ihn andere entschuldigen, und wir gedencken, unsern Zweck gemäß hier nur so viel, daß wir daraus noch nicht wissen, was nach des Anaximenis Meinung eigentlich die Lufft sey, man mags vor einen Gott auslegen wollen, oder nicht, es sey denn, daß man mit einigen sagen wolte, das Wort aer und Spiritus wären gleichgültige Wörter, folglich müsse man sich von der Lufft des Anaximenis den Concept eines Geistes machen.  
  Plato satzte zu erst zwey Elementen der sichtbaren Welt, das Feuer und die Erde; damit aber die Welt als ein Cörper zusammen hienge, so habe Gott zwischen dem Feuer und der Erden die Lufft und das Wasser gesetzet, da er denn den Elementen, auch der Lufft geometrische Figuren beygeleget. s. Burnet in archaeolog. philos.
  und weil in dem Timaeo viel davon gedacht wird, so erinnern einige, daß darinnen nicht so wohl des Platonis, als vielmehr des Timaei Meinung vorgetragen werde.  
  Aristoteles handelt … de gener. et corrupt. von den vier Elementen, und da er auf die Lufft kommt, so sagt er, sie bestünde in der Wärme und in der Feuchtigkeit, und physic. … giebt er für, daß Wasser sey eine Manier der Lufft. Wie er aber überhaupt in der Lehre von den Elementen gar schlecht philosophiret, so wir an gehörigen Orte gezeiget haben, also ist auch sein Concept von der Lufft gar  
  {Sp. 1034}  
  elend. Er satzte zwey Eigenschafften der Lufft, die aber nicht einmahl von ihrem Wesen herkommen. Denn sagte er, die Lufft sey warm, so rühret die Wärme nicht von ihrer Natur, sondern von den aus der Erden aufsteigenden Dünsten und Feuerlein, welche durch die Hitze der Sonne noch in mehrere Bewegung gebracht werden. Im Winter ist die Lufft auch Lufft, aber kalt genug; ja je höher sie ist, je kälter und frischer ist sie, davon der auf den höchsten Alp-Gebürgen Jahr und Tag liegende Schnee ein genugsamer Zeuge ist.  
  Ferner spricht Aristoteles, die Lufft sey feucht, welches man von der Lufft an und vor sich nicht sagen kan, es sey denn, daß sie mit wässerichten Theilgen angefüllet, aber auf solche Weise ist auch die Erde feucht, und gleichwohl sagt er von derselben sie sey kalt und trocken. Denn wenn die Lufft feucht seyn soll, so muß sie auch die Cörper, die in derselben, befeuchten, welches wir aber nicht gewahr werden; und ob es schon scheinen möchte, daß sie die alcalische Saltze befeuchte, so thuts doch eigentlich nicht die Lufft, sondern das Wasser in der Lufft, daher auch dieses Phaenomenon bey der trocknen Lufft nicht angeht. Denn daß man einwenden wolte, es entstünde gleichwohl aus der Lufft, wenn sie zusammen gedrücket werde, Wasser, solches ist noch zu erweisen, und wir sehen vielmehr bey den Wind-Büchsen, da die Lufft auf das festeste zusammen gedrucket wird, das Gegentheil. Man lese Helmontium de aëre … und Sturm physic. concil. …
  Die Stoicker haben sich eben um das Erkenntniß natürlicher Dinge nicht bekümmert, und ob wir schon aus dem Seneca … quaest. natur. … und Lipsio manuduct. ad philos. Stoic. … erkennen, daß die Lufft für ein sehr kaltes Element, so mit einem geistlichen Wesen begabet, angesehen, so ist doch dieser Concept nicht allein irrig, zumahl bey ihnen Gott und die Welt einerley waren; sondern auch dunckel und unzulänglich.  
  In der Eleatischen Schule war man unter sich selbst wegen der Lufft nicht einig. Xenovenes gab sie vor ein Element aus, welches Parmenides leugnete; einer sagte, sie wäre aus den Feuer gezeuget; der andere hingegen sahe sie an als einen Cörper, der aus Atomis bestünde, davon uns Diogenes Laertius Nachricht giebet.
  Von dem Epicuro finden nicht, daß er sich sonderlich heraus gelassen hätte, wofür er die Lufft ansähe, ausser was seine allgemeine Principia von den Atomis betrifft. Daher auch Gassendus, der zu den neuern Zeiten die Epicurische Philosophie wieder herfür zu suchen sich angelegen seyn lassen, in animadv. in lib. 10. Diog. Laertii … weiter nichts saget, als daß die Lufft umgebe totum terrae globum, instar cujusdam lanuginis aut epidermidis, qualis in malo et cotoneo deprehenditur; und de vita et moribus Epicuri … mag er sich nicht unterstehen, zu bekräfftigen, an aer speciale corpus sit, an vero solummodo vaporum, corpusculorumve ex terra et aqua continenter exhalatorum contextura? Doch siehet man aus seinen Systemate, daß er die Kräffte der Lufft aus Mechanischen Gründen, oder aus der Beschaffenheit der Theilen, deren Gestalt, Structur und dergleichen herzuleiten suchet.  
  Pythagoras wie er überhaupt in seinen Sachen dunckel  
  {Sp. 1035|S. 533}  
  war; also ist auch dasjenige, so wir noch von seiner Physic wissen, so beschaffen, daß man wenig Staat davon zu machen hat, s. Burnet in archaeol. phil.
  und was insonderheit die Lehre von der Lufft betrifft, so berichtet Läertius, daß er sie psychron aithera genennet; Ocellus Lucanus aber ein Pythagoräer de universi natura … nennet sie thermon, warm.  
  Zu denen mittlern Zeiten waren die Scholastici, die sich mit dem Begriff, den Aristoteles gemacht, behalffen, daß die Lufft warm und feucht, und dabey doch allen Raum erfülle, aber mit keinen Cörpern angefüllet, welche Eigenschafften, wenn sie auch ihre Richtigkeit hätten, noch nicht anzeigen, was die Lufft sey. Insonderheit aber schwatzten sie viel von den drey Regionen, darein sie die Lufft abtheilen, deren die erstere und unterste auf der Erden liege, die andere sey die mittlere, und die dritte die oberste; wie weit sich aber die Grentzen jeglicher Region erstreckten, darinnen waren sie ungewiß, davon der Herr Scheuchzer in der Natur-Wissenschafft … handelt.
  Unter den neuern ist Cartesius nebst seinen Anhängern vor andern anzuführen, der zwar die Materie kürtzer, als es nach ihrer Weitläufftigkeit seyn sollte, abgehandelt. Er meinet part. 4. princip. … es bestünde die Lufft aus den Theilgen des dritten Elements, welches ein Zusammenhang allerhand eckigten und ungleich gestalten Theilgen in der zweyen ersten Elemente wäre so daß diese Lufft-Theilgen zackicht, und weil das dritte Element zur Bewegung ungeschickt, so würden diese Lufft-Theilgen vermittelst ihrer Löchlein, die sie hätten, von den unterfliessendem Himmels-Kügelein in beständiger Bewegung erhalten, welche Cartesianische Begriff noch gar viel Zweiffeln unterworffen, was so wohl die Materie und Form, als auch Bewegung der Lufft betrifft.  
  Denn was er von zackichten Theilgen redet, siehet einer Erdichtung ähnlicher, als einer physischen Wahrscheinlichkeit aus, ja es müste daraus vielmehr folgen, daß die Lufft kein flüßiger, sondern ein fester Cörper, wenigstens stehet daher ihre Elasticität nicht zu erweisen. Soll sie aus zackichten Theilen bestehen, so berühren sie sich entweder unter einander, oder es geschicht dieses nicht. Hat das erste statt, so werden sie unter einander verwickelt, daß sie einen festen Cörper ausmachen; bey den andern aber können nicht alle und jede Puncte elastisch seyn, indem die Cartesianer selbst sich diese Elasticität so fürstellen, daß die Zacken einander berühren müsten.  
  Was man ferner von den darzwischen fliessenden Himmels-Kugelein, welche die Bewegung in der Lufft verursachten, saget, ist auch ein Gedicht, und kan nicht erwiesen werden, ja sie müssen sich auch die Lufft auf solche Weise an sich selbst ohne Bewegung, folglich ohne Elasticität einbilden, zu geschweigen, daß sie nach diesen Concept nicht kan durchsichtig seyn, zumahl da die Anzahl dieser Zacken groß seyn muß, wovon Rüdiger in physica divina … und observ. Hal. … zu lesen; von den Cartesianern aber, die ihres Lehrmeisters des Cartesii Gedancken angenommen, lese man nach
  • Glauberg in physica contracta p.
  {Sp. 1036}  
 
  37. opp. philosophic.
   
  • Rohault in physica
  • Andalam in exercitationibus academicis in philosophiam primam et naturalem. …
  • nebst andern als Regium, le Grand.
  Inzwischen sind die meisten Physici mechanisch gesinnet, und wollen auch die Natur der Lufft auf eine mechanische Art aus der Beschaffenheit der Materie erklären, wider welche sich insonderheit Rüdiger, wie überhaupt, also auch in diesen Stück gesetzet. Denn nachdem er zwey Elementen, den aërem und aetherem angenommen, und jenes durch ein Bläsgen; dieses durch ein strahlendes Theilgen fürgestellet, so daß sich jenes zusammen ziehe, dieses aber ausdehne; so setzet er das Wesen des Cörpers in der Elasticität, die aus einer gewissen Verknüpffung der Bläsgen und der strahlenden Theilgen entstünde.  
  Und lib. 1. … meinet er, die atmosphärische Lufft bestünde nach diesen Grund-Sätzen erstlich aus einem Bläsgen, weil sie subtiler, flüßiger und nicht so, wie die andern flüßigen Cörper, könten empfunden werden, denn entweder aus einem der alleredelsten strahlenden Theilgen, oder mehrern unedlern, womit er auf ihre Eintheilung siehet, daß sie in die Kälte, welche ein aerisch Bläsgen und eines der edelsten Theilgen ausmache, und in die atmosphärische Lufft insonderheit getheilet wird, welche aus einem Bläsgen und mehrern unedlen Theilgen zusammen gesetzet, so daß dieses Bläsgen gleichfalls entweder sehr edel und in Feuer zu verwandeln, oder unedel sey, da es denn noch mit einem andern Bläsgen umgeben werde, sich im Wasser verkehre, und in so fern dem Feuer wesentlich entgegen gesetzet werde.  
  Daß die Lufft unter allen Cörpern am meisten elastisch sey, hievon giebet er diese Ursachen, weil ein Bläsgen der Ausdehnung nicht so wohl, wie viele widerstehen könte, wie er denn auch aus diesen Principiis die andern Phaenomena, die bey der Lufft fürkommen, aufzulösen, und insonderheit zu weisen suchet, daß die Lufft an und vor sich weder schwer, noch leicht, auch die Experimente, mit der Lufft-Pompe aus einem andern Grund herzuleiten. Die Einwürffe, so man darwider macht, nebst seiner Antwort, findet man in den objectionibus contra physicam divinam, welche 1717. heraus gekommen, ...
  Es hat sonst Rob Hookius in micrographia fürgegeben, daß die Lufft nichts anders, als eine gewisse Tinctur der erdigten und wässerichten Theilgen, welche in dem Aethere aus einander getrieben, und stets beweget würden, s. Morhofs polyhistor. …
  Bey dieser Materie können einige besondere Stücke auch berühret werden, die hin und wieder von den Physicis angeführet worden, und  
 
1) weil die Lufft mehrentheils für ein Element, folglich für einen Cörper gehalten wird, so haben einige hingegen ggelaubet, sie sey was geistliches.
 
 
Unter den Alten ist deswegen der Anaximens bekannt, dessen wir oben gedacht; unter den neuern aber hat dieses der Herr Christian Thomasius statuiret. Denn in seinen Versuch vom Wesen des Geistes giebt er Licht und Lufft vor Geister aus, so daß in der Natur Gott der obere; Licht der männliche und Lufft der weibliche Geist sey, daher er in dem
 
  {Sp. 1037|S. 534}  
 
fünfften Haupt-Stück … erweisen will, daß man die Lufft vor keinen Cörper ausgeben könne; sie sey nehmlich kein lichter Cörper, weil ihre Natur ohne Licht sey, noch ein schattigter finsterer, indem sie keinen Schatten werffe, und man könne durch sie sehen, noch ein durchscheinender, weil man kein Ende sähe, dadurch man sähe, als wie im Wasser, Glase und andern durchscheinenden Cörpern.
 
 
Auf solche Weise dürffe man sich mit denen, welche die Lufft für was Cörperliches ausgeben nicht darüber martern, was dieselbe für eine Gestalt, Grösse und Bewegung habe, welches alles mit lauter einanderwiedersprechenden Dingen vergesellschafftet sey. Denn sey sie ein eintziger Cörper, so könne keine Bewegung so leichte darinnen vorgehen, sondern sie wäre Eisenfeste; wären es aber viele kleine Cörper, so fragte sichs, was dieselben für eine Figur haben, und wie sie sich bewegen? solte sie rund seyn, so könnte die Lufft so viel unterschiedene Theilgen nicht mit sich führen; wären sie ästigt, oder hackigt, so würden sie sich ineinander verwickeln und die Bewegung der Lufft hindern, so wieder die Erfahrung sey.
 
 
Bewegten sie sich alle ad centrum terrae und druckten, so würde man nichts in die Höhe bringen, oder sonst hin und wieder bewegen können; bewegten sie sich in die Höhe, so trieben sie alle Cörper nach der Sonne zu; bewegten sie sich unter einander hin und her, wie die Mücken, so könnten sie nicht drucken; bewegten sie sich auf alle diese drey Weisen zugleich, daß wiederspreche sich selbst,
wie solches mit mehrern beym Herrn Thomasio selbst nachzulesen ist.
 
Diejenigen aber die insgemein die Lufft für einen Cörper ausgeben, haben darinnen einen Streit, ob es ein einfacher, oder zusammengesetzte Cörper, worinnen sich sonderlich die Scholastici die Köpffe zerbrochen, und damit sie solche unter die Elementen, als einfache Cörper erhalten mögen, Gelegenheit genommen, von einer gantz reinen oder einfachen Lufft zu reden, und obschon dieselbe Unreinigkeit annehme so geschehe solches doch zufälliger Weise, daher sie den Sommer über mit Feuer, den Winter mit Wasser, zu anderer Zeit mit andern Dünsten zufälliger Weise angefüllet sey; bleibet aber vor sich ein corpus simplex.
 
 
2) ist sie ein Cörper, so hat man sich auch insonderheit um dero Gestalt zu bekümmert, da denn einige die Theilgen derselben sich als kleine Kügelchen; andere als ästigte, hackigte und in Gestalt wie Federn eingebildet haben,
davon unter andern zu lesen Newton in princip. … Hartsöcker conjectur. physique. …; die Materie aber von der Höhe der Lufft, ist ausführlich zu finden in den memoir. de l'acad. Roy. 1705 ... In den Actis Erudit. 1695. … stehet Bernoulli nova ratio aëris ponderandi; aus dem Journal des scavans in das Lateinische übersetzet, und … examen ponderationis aëris, wie denn auch in diesen Actis 1693. … Boylens generalis historia aëris recensiret wird, welche 1692. zu Londen in Engelländischer Sprache heraus kommen. In Sturmii philos electic. … kommt eine exercitatio für de aëris mutationibus mireque per uni-
  {Sp. 1038}  
    versum terrarum orbem variantibus tempestatibus. Allhier ist 1719. von Rückero eine Disputation de aeris natura gehalten worden.
  Bey Untersuchung der Lufft sind die Gelehrten auf mancherley artige Erfindungen gefallen, davon die Barometra, Thermometra, Antlia Pnevmatica die hemispheria Magdeburgica, oder Magdeburgische Halb Kugeln, Sprach-Rohr, die Wind-Büchsen und dergleichen zeugen,davon an gehörigen Orte nachzusehen ist. Man lese
  • Buddaem in philos. theor. …
  • Morhof in polyhist. …
  • Paschum de inventis nov-antiquis
  • Reimann in historia litteraria der Teutschen …
  • Walch im Philosophischen Lexico.
  Siehe auch im I. Tom. p. 673. den Artickel: Aër.  
     

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Stand: 7. April 2013 © Hans-Walter Pries