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Zedler: Ehrgeitz HIS-Data
5028-8-441-7
Titel: Ehrgeitz
Quelle: Zedler Universal-Lexicon
Band: 8 Sp. 441-448
Jahr: 1735
Originaltext: Digitalisat BSB Bd. 8 S. 236-239
Vorheriger Artikel: Ehresburg
Folgender Artikel: Ehrholtzbach
Siehe auch:
Hinweise:
  • Allgemeine Bemerkungen zur Textgestaltung siehe Hauptartikel
  • Für die Auflösung der Quellenangaben siehe: Personen

  Text Quellenangaben
  Ehrgeitz.  
  Die Begierde nach der Ehre kan entweder vernünfftig oder unvernünfftig seyn, das ist, sie kan entweder mit der Ordnung der geselligen Natur übereinkommen, oder wieder dieselbe streiten.  
  Eine solche unordentliche Begierde ist der Ehr-Geitz. Er bestehet darinne, daß ein Mensch auf diese Art sein gröstes Vergnügen suchet, daß er über alles herrschen, oder doch allen andern möge vorgezogen werden, und zwar also, daß er nur seine eitle Lust dadurch vergnügen, nicht aber seinen mit der andern Wohl verknüpfften wahren Nutzen. Weil die Seele, wenn sie aus der Ordnung der Natur schreitet, dasjenige in ihren Gegenwürffen nicht findet, was sie suchet: so sind solche unordentliche Begierden zugleich unersättlich.  
  Der Ehrgeitzige setzet sich immer ein weiter Ziel, darinnen er ruhen will, wenn er dasselbige erlangt hätte, aber bey dessen Erlangung trachtet er schon wieder auf etwas höhers. So ist seine Begierde unersättlich. Ist ein Ehrgeitziger ein Küster, so will er Diaconus, dann Archi-Diaco-  
  {Sp. 442}  
  nus, dann Superintendens, General- Superintendens, Ober-Hof-Prediger, und so weiter, seyn. Ist er ein Schreiber, so will er Secretarius, dann Rath, dann Cantzler, dann geheimer Rath, und so weiter, seyn. Thomasius in der Ausübung der Sitten-Lehre …
  Weil der Ehr-Geitz nur bloß auf den Vorzug vor andern, welchen er vor seinen Endzweck hält, siehet; und seine Neigung nicht als ein Mittel auf den gemeinen Nutzen lencket: so wird er dadurch zu einer unvernünfftigen Begierde. Einige Scholastici haben ihn eine unordentliche Begierde seiner eigenen Vortrefflichkeit genennet. Henrich a St. Ignatio in Eth. amor.
  Thomasius l.c. … beschreibet ihn also: Der Ehr-Geitz ist eine Gemüths-Neigung, die ihre Ruhe in stetswährender veränderlicher Hochachtung und Gehorsam anderer, sonderlich aber gleichgesinnter Menschen, durch Hochachtung sein selbst, und Unterfangung Theils verschmitzter, Theils gewaltsamer Thaten vergebens suchet, u. dieserwegen mit gleichgearteten Menschen sich zu vereinigen trachtet.  
  Der Ehr-Geitz ist entweder ein dem Schein nach honneter, oder ein abgeschmackter und lächerlicher Ehr-Geitz. Dieser Unterscheid gründet sich auf die verschiedenen Vortheile, vermöge welcher man einen Vorzug vor andern suchet. Der dem Schein nach honnete Ehr-Geitz suchet sich durch innerliche Vortheile der Seelen, womit man dem gemeinen Wesen trefflich dienen kan, über andere hervorzuthun. Dieses ist der Ehr-Geitz geschickter Leute: sie sehen die Vortheile ihrer Geschicklichkeit nur als Mittel ihres Haupt-Zweckes der Ehre an; und die Dienste, die sie wegen solcher Geschicklichkeit der Welt zu leisten vorgeben, müssen ihnen nur zum Vorwand ihrer Eitelkeit, und Unterdrückung andrer, auch geschickter und redlicher Leute dienen. Müller Anmerck. über Gracians Oracul …
  Dieser Ehr-Geitz kan wieder in unterschiedene Arten eingetheilet werden,  
 
  • entweder man sucht einen Vorzug an denen Gütern des Verstandes, und zwar
    • Theils in der klugen Erfahrenheit, und Geschicklichkeit etwas auszuführen, welches der Hof- und Staats-Ehr-Geitz ist:
    • Theils in der Erkenntniß des wahren, welches der gelehrte Ehr-Geitz;
  • oder an denen Gütern des Willens, u. zwar
    • Theils an der Tapfferkeit des Gemüthes, welches der Kriegs-Ehrgeitz ist,
    • Theils in der eingebildeten Heiligkeit, so der Pharisäische Ehr-Geitz kan genennet werden.
Ridiger Phil. Pragm.
  Diese Arten des Ehrgeitzes kommen im Wesen alle mit einander überein, in Ansehung derer Mittel aber, deren sie sich zu Erlangung ihres Haupt-Endzweckes bedienen, sind sie unterschieden.  
  Der Hof- und Staats-Ehrgeitz ist eine unordentliche Begierde, nicht alleine viele wichtige Bedienungen zu haben, sondern auch durch kluge Verrichtungen vor andern einen Vorzug zu erlangen.  
  Der gelehrte ist eine Begierde, durch neue Erfindungen, besondre Meynungen, Schrifften- und Feder-Kriegen bey der gelehrten Welt bekannter als andre zu werden. Die Gelehrten solten diese ihre Neigung am meisten verbergen; Allein sie sind hiebey weniger als andre in der Kunst sich zu verstellen geübet. Sie verrrathen sich allzu sehr, wenn sie mit einander in Streitigkeiten verwickelt sind, und allerhand, ja die allerlächerlichsten Mittel anwenden, um vor Cymbala mundi ausgeruffen zu werden. Wie solches Mencke in seinen Declamationibus de Charlatanneria Eruditorum, und Lilienthal de Machiauellismo Litterario  
  {Sp. 443|S. 237}  
  genugsam gezeiget haben. Dieser Ehr-Geitz ist die Quelle vieler seltsamen Meynungen, und die Ketzer sind insgemein von hochmüthigen Geiste gewesen.
  • Bayer Disput. de Ambitione Haeresium Caussa.
  • Buddeus Institut. Theol. mor. …
  • Clericus de Incredulitate
  Weil solche Leute gerne davor wollen gehalten werden, daß sie besondere Einsichten in etwas hätten, so sind sie zu den gefährlichsten und atheistischsten Meynungen geneigt. Sie wissen sich der edlen und rechtmäßigen Freyheit zu gedencken so wohl zu gebrauchen, daß sie unter dieser Decke die Blösse ihres Verstandes verstecken, und wissen eben dadurch nicht, wie weit die Grentzen dieser Freyheit gehen. Buddeus de Atheis. et Superst.
  Der Kriegs-Ehr-Geitz beruhet auf der Tapfferkeit, und suchet vor andern wieder die Feinde Ruhm zu erhalten. Da der Soldaten-Stand Hitze und Muth erfodert, so sind solche Leute gut dazu zu gebrauchen. Triers Fragen von den menschlichen Neigungen ...
  Der Pharisäische Hochmuth will durch seine Scheinheiligkeit ein vollkommener Mensch seyn, und suchet sich der Gesellschafft andrer, damit seine Heiligkeit nicht befleckt werde, zu entziehen, ungeachtet er wünschet, allen bekannt zu seyn.  
  Der abgeschmackte und lächerliche Ehr-Geitz suchet sich durch die äusserlichen Glücks-Güter zu erheben. Er siehet nur auf das äusserliche, und weil er sehr wenig Beyfall findet, so läßt er seine Hefftigkeit um so viel desto mehr blicken, welches der Stoltz genennet wird. Weil man nur das Glücke in ihm verehrt, er sich aber dieses auf eine ungereimte Art zuschreibet: so wird er dadurch um so viel mehr lächerlich. Diese Art Leute sehen auf äusserliche Schönheit, Reichthum, Pracht, hohes Geschlechte, und andere dergleichen Dinge, wozu sie doch nichts beytragen.  
  Dem Ehr-Geitz zu erkennen, werden, wie bey allen andern Neigungen, zweyerley Kennzeichen angegeben. Man theilet sie in die physicalischen und moralischen ein. Nun ist es zwar nicht ohne Grund, daß die physicalische Constitution eines Menschen in sein moralisches Wesen einen Einfluß habe, gleichwohl aber kan durch die Auferziehung und die Glücks-Umstände eine grosse Veränderung bey denen Menschen vorgehen, so, daß dieselben Zeichen nicht nothwendig und daher betrüglich sind, doch können selbige zu mehrerer Befestigung der durch die moralischen Umstände erkannten Hypotheseos dienen.  
  Es werden aber folgende angegeben. Ein Cholericus siehet schwärtzlich und röthlich in dem Gesichte, seine Stimme ist männlich, helle und geschwind, er siehet ernsthafft und munter aus, vom Leibe ist er mager, seine Haut fühlet sich hart und warm an, und sein Gang ist steiff und gravitätisch. Heumann politisch. Philosoph. …
  Von denen moralischen Kennzeichen können wir weitläufftiger handeln. Der Ehrgeitzige siehet bey seinen Thaten nicht so wohl auf die innerliche Güte und den wahren Nutzen, sondern vielmehr auf die Urtheile anderer. Wenn er auch auf die innerliche Güte und den wahren Nutzen siehet, so geschiehet es bloß um anderer Urtheile willen, und niemand ist mehr bekümmert um das, was andre Leute von ihm reden und dencken, als ein Ehrgeitziger.  
  Weil die Ehre entweder innerlich oder äuserlich ist, davon die erste in der guten Meynung selber, die letztere aber in denen äusserlichen Ehren-Bezeugungen bestehet; die äusserliche Ehre aber, wenn dieselbe nicht mit der innerlichen verknüpffet ist, keine Ehre, sondern nur eine Verstellung und  
  {Sp. 444}  
  Zwang anzeiget: so ist ein Ehrgeitziger sehr um die innerliche Ehre bekümmert, und suchet dahero in seinen Handlungen etwas ungemeines, das ihm die andern nicht nachthun können, zu zeigen, doch ist die Art und Weise, wie dieses geschiehet, nachdem ein Ehrgeitziger Verstand und Witz besitzet, oder nicht, sehr unterschieden.  
  Weil aber die innerliche Ehre nur bey solchen Leuten kan gemercket werden, welche eine Einsicht in eine Sache haben; die Ehrgeitzigen aber von allen wollen verehrt seyn; so lassen sie sich an der innerlichen Ehre nicht begnügen, sondern begehren die äusserliche auf das hefftigste, damit sie allen mögen bekannt werden. Alle Ehrgeitzige suchen sich demnach, es sey in einer Sache, in was es vor einer wolle, vor allen andern, oder doch vor sehr vielen hervorzuthun, obgleich dieses bey einigen auf eine geschickte, bey andern aber auf eine ungeschickte Art geschiehet.  
  Diejenigen, welche ihre Ehre auf würckliche Verdienste, Wissenschafften und Tugenden gründen, sind unermüdet in ihrer Arbeit und Bemühung, damit sie sich über andere durch Geschicklichkeit erheben mögen, sonderlich bemühen sie sich, diejenigen zu übertreffen, welche sich einen gleichen Endzweck mit ihnen vorgesetzet, und also mit ihnen um die Wette streiten.  
  Der Ehrgeitz ist überhaupt eiffersüchtig, und suchet mit der äussersten Unruhe zu verhindern, daß die untern ihn nicht mögen gleich kommen, und die gleichen ihn nicht übertreffen. In seinen eignen und andern ihm anvertrauten Geschäfften ist der Ehr-Geitz bedächtig, und weit hinaussehend, folglich äusserst sorgfältig, und unermüdet, sie mit Ruhm, und auf das vollkommenste, als es möglich, hinaus zu führen.  
  Hat er etwas versprochen, so verhindert ihn sein Schade nicht, sein Wort zu halten; sollte ihm aber daraus Schande zuwachsen, so ist er äusserst falsch. Er ist gedultig, alle Unbequemlichkeiten, die sich der Ausführung seiner Unternehmungen entgegensetzen mögten, auszuhalten. In wohlersonnenen Anschlägen ist er beständig, aber auch zugleich in unrichtigen, die er einmahl ergriffen, hartnäckig. Er will alles mit seinem Verstande einsehen, deswegen bildet er ihm ein er könne nicht irren. Dieses thut er insonderheit, wenn seine Wiedersacher und Neider ihn verhindern wollen. Er läßt es auf das äusserste ankommen, ehe er von seinen Unternehmungen absteht.  
  Bey dem allen ist er kühn und muthig; er achtet bey Beschaffenheit derer Umstände, und nachdem es eine jede Art des Ehrgeitzes mit sich bringet, sein Leben vor nichts, um seinen Endzweck zu erreichen; Die Ehre ist sein höchstes Gut, und das andere siehet er alles nur vor Mittel an, dieselbe zu befördern. In Glück und Unglück bemühet er sich, einen bewundernswürdigen Muth an sich blicken zu lassen: Bey dem ersten wird er nicht sicher, und bey dem andern nicht verzagt. Mißlinget ihm etwas, so sinnet er beständig auf Mittel, die Scharte wieder auszuwetzen; weil er weiß, wie leicht er von andern kan verhindert werden, ist er verschwiegen. Zu Verstellung ist er sehr geneigt, Theils wegen der Sicherheit seiner Unternehmungen, Theils damit seine Anschläge umso viel grösser werden mögen wenn sie wieder aller Vermuthen hervor kommen.  
  Denen Wollüsten ist der Ehrgeitz nicht ergeben; er hasset sie zwar nicht, und pfleget dieselbige auch bey Gelegenheit wohl mitzunehmen; doch müssen sie der Ehre nachstehen, und hält er sie vor etwas geringes und schändliches, wenn sie derselben wiederstreben.  
  Diejenigen, welche Verstand und Erfahrung haben,  
  {Sp. 445|S. 238}  
  streben zwar nach der äusserlichen bürgerlichen Ehre, welche wir unter dem Titel Ehre beschrieben haben. Sie ist zu ihrer Absicht, nach der sie einen Vorzug vor andern haben wollen, sehr bequem; weil aber dieselbige vor sich alleine nichts ist, indem sie sich meistentheils nur auf einen Zwang gründet, so suchen sie dieselbe durch die freywillige äusserliche Ehre, und durch die innerliche Ehre zu unterstützen.  
  Sie wissen, daß die natürliche, aufrichtige, und nicht auf blosser Verstellung beruhende äusserliche Ehre ihrer Natur nach frey ist, und daß sie nicht von mißvergnügten, sondern von günstigen Gemüthern zu erwarten sey. Sie werden dahero bey iederman, auch geringen Leuten, sich auf alle nur ersinnliche Art beliebt, und sich wohl um sie verdient zu machen, trachten.  
  Dahero kommet es denn, daß solche Art ehrgeitziger Leute über die massen höflich, dienstfertig, gutthätig, auch sogar gegen ihre Feinde, sind. Denn auch von diesen suchen sie hochgeachtet, und nicht vor niederträchtige Gemüther gehalten zu werden. Dahero sie auch an selbigen die Tugend hoch zu schätzen wissen. Sie verstecken ihren hierunter gesuchten Endzweck, nemlich über andere sich zu erheben, auf das sorgfältigste. Sie lassen deßwegen weder Hochmuth noch Aufgeblasenheit, sondern vielmehr die gröste Bescheidenheit von sich spüren. Grobe Schmeicheleyen können sie deßwegen nicht vertragen, und können nicht leiden, daß man sie in ihrer Gegenwart lobe.  
  Den Schimpff verabscheuen sie auf das alleräusserste. Dieser Abscheu heisset, wenn sie sich den Schimpff selber zugezogen, Scham; wenn er ihnen aber von andern angethan wird, und mit einer Rachgierde verknüpfft ist, Zorn. In der Rache sind sie zwar großmüthig, und unternehmen nichts auf eine niederträchtige Art. Ehe sie aber die Rache genommen haben, sind sie unversöhnlich, und geht es schwer her, die einmahl gebrochene Freundschafft wieder herzustellen.  
  Wenn sie eine Ehren-Stelle erhalten, und in derselben äusserliche Macht bekommen haben, so herrschen sie offenbarlich, und lassen sich in denen ihnen zu kommenden Rechten nicht den geringsten Eingriff thun. Haben sie aber keine Herrschafft in öffentlichen Ämtern, so suchen sie doch bey andern Gelegenheiten eine heimliche Herrschafft über die Gemüther, so, daß durch die freye Zuneigung andrer alles nach ihrem Kopffe gehen muß. Hierbey pflegen sie in beyden Fällen wieder diejenigen, welche ihnen im Wege sind, Factionen aufzurichten, und zu unterhalten.  
  Sie wissen, wie viel die Regeln der Wohlanständigkeit zu der äusserlichen Ehre beytragen. Deßwegen sind sie strenge Beobachter derselben. In diesen Stücken sind sie niemahls sparsam, sondern lassen in Kleidung, Haußrath, und dergleichen, viel aufgehen. Hingegen sind sie unermüdet, zu so grossen Ausgaben Geld zu erwerben, in dem sie nichts umsonst haben wollen, und es ihnen schmertzet, wenn sie andern die geringste Gefälligkeit schuldig bleiben müssen.  
  In aller ihrer Arbeit suchen sie was ausserordentliches, und sie bey denen guten Kennern auf das theuerste anzubringen. Ein Mißgebot auf ihre Waare können sie nicht vertragen. Die Wirthschafft des Ehrgeitzigen ist also von der Wirthschafft des Wollüstigen und Geldgeitzigen auf diese Art unterschieden. Der Wollüstige will nichts verdienen, und viel verthun: der Ehrgeitzige will viel verdienen, und viel verthun; der Geldgeitzige will viel verdienen, und nichts verthun.  
  Diejenigen Ehrgeitzigen, welche keinen Verstand haben, lassen die hohe Mey-  
  {Sp. 446}  
  nungen, die sie von sich selber hegen, allzusehr blicken, als daß sie dergleichen Meynung andern von sich beyzubringen fähig seyn sollten. Sie können ihren Hochmuth nicht verbergen, oder wenn sie ihn verbergen wollen, so geschiehet es auf eine prahlerhaffte und andre ungeschickte, zuweilen gar lächerliche Art. Sie sind gemeiniglich entweder offenbare Prahler, und lassen sich auch nicht von andern gern ins Gesicht loben, oder fallen auf das andere extremum einer ausschweiffenden Erniedrigung, um unter solcher Verstellung, ihrer Meynung nach, desto herrlicher hervor zu leuchten. Sollten auch Leute, die sonst einen gar guten Verstand blicken lassen, zum Prahlen und Aufschneiden geneigt seyn: so zeiget doch dieses eine Art der Unerfahrenheit an, welches auch ein Unverstand ist.  
  Aus diesen und der täglichen Erfahrung erhellet, daß nicht allemahl ein gutes Iudicium nach der Meynung derer, so dem Thomasio folgen, nothwendig mit dem Ehrgeitze verknüpfft ist. Ein Ehrgeitziger, welcher eine grosse Krafft des Iudicii besitzet, suchet zwar dasselbe auf das äusserste zu treiben, wenn er aber eine und andre herrschende Krafft in seinem Verstande findet; so sucht er dieselbe gleichfalls auszuüben. Doch sind die Hochmüthigen meistentheils mit einem guten Iudicio begabet, indem sie alle Fehler zu vermeiden suchen, welches nicht anders, als durch die Beurtheilungs-Krafft geschehen kan. Dieses ist, woraus wir einen Ehrgeitzigen erkennen sollen.
  • Theophrastus Charact. … nebst Casauboni Noten …
  • Brochmand in Specimin. Ethic. Historic. …
  • Buddeus in Element. Philos.
  • Gundling in Via ad verit. …
  • Rohr vom Erkenntniß derer menschlichen Gemüther ...
  • Pufendorf de Iure Nat. et Gent.
  • Müller Ethic
  Wir wollen noch betrachten, wie wir uns gegen den Ehr-Geitz, so wohl nach der Gerechtigkeit, als nach der Klugheit, aufzuführen haben.  
  In Ansehung der Gerechtigkeit haben wir bey dem Ehrgeitze dieses zu mercken. Sind wir ehrgeitzig, so müssen wir in unsern Gewerben und Geschäfften, die uns anhangende unruhige Eifersucht in denen Schrancken der Gerechtigkeit halten. Diese reitzt uns hefftig an, allen Menschen, mit denen wir in unsern Geschäfften einige Verbindung haben, mit List oder Gewalt muthwillig zu wiederstreben, und machet uns also untüchtig, mit iemanden ein gutes Vernehmen lange zu unterhalten.  
  Diese Pflicht der Friedfertigkeit müssen wir einmahl gegen die Obern beobachten, und ihnen in ihre Vorrechte keinen Eingriff thun: ferner gegen unsers gleichen, daß wir sie nicht als untre ansehen, und sie unsrer Herrschsucht unterwerffen wollen; endlich gegen die untern, daß wir sie nicht tyrannisch drücken, und sie an ihren rechtmäßigen Auskommen hindern.  
  In unsern Reden und Umgang mit andern lieget uns ob, unsern Hochmuth zu unterdrücken, und bey unsrer gewöhnlichen Behutsamkeit, uns, wie man zu reden pfleget, nicht hinweg zu werffen, sondern uns dennoch einer wahren, und einem großmüthigen Hertzen anständigen Demuth zu befleißigen.  
  Hierzu wird zwar nicht eine gäntzliche Entsagung aller Ehre erfordert, wohl aber eine bescheidene Zufriedenheit mit dem Grade der Ehre, der nach Beschaffenheit derer Zeiten, auf iede Art guter Verdienste endlich folget; Ferner eine vernünfftige Gelassenheit, wenn auch würcklich gute Verdienste nicht alsofort bey dem ersten Anblicke nach Würden geschätzet werden: und endlich eine geziemende Vermeidung aller gehäßigen Abnöthigung der Hochach-  
  {Sp. 447|S. 239}  
  tung andrer, als die sich nicht erzwingen, wohl aber verdienen, und freywillig erwerben lässet. Hieraus folget  
 
  • die Pflicht, andre nicht mit einem aufgeblasenen Eckel, gegen uns zu verachten, noch ihnen ihre Leibes- oder Gemüths-Gebrechen gehäßig vorzuwerffen:
  • die Pflicht nicht zu prahlen:
  • die Pflicht, durch übermäßigen Staat uns nicht über die Gebühr seines Standes zu brüsten:
  • die Pflicht, die Tadelsucht zu meiden: und viel lieber etwas mit in die Gesellschafft zu bringen, das man mit Grunde loben, als etwas, das man tadeln könne:
  • die Pflicht, nicht allen, was geredet wird, muthwillig zu wiedersprechen, und dabey sich zum Richter aufzuwerffen:
  • die Pflicht, uns im Zorne zu fassen, und wo wir auch zu einem Streite oder Wort-Wechsel genöthiget werden, solchen mit vernünfftigen Vorstellungen, und gerechten Verfahren mit aller Mäßigung zu führen, alles hochmüthige, höhnische und ehrenrührige Zancken aber, und im Civil-Stande das Schlagen und Balgen zu unterlassen.
 
  Haben wir hingegen mit einem Hochmüthigen zu thun, so sind wir zu behutsamer Vorsichtigkeit verbunden, seinen Adfect, insonderheit seinen Zorn, nicht muthwillig aufzureitzen. Es ist derselbe vor genommener Rache unversöhnlich, und gereichet beyden Theilen zu schlechten Vortheile. Wir müssen zu dem Ende alle obgedachter massen, dem Ehrgeitzigen hingegen andre obliegende Pflichten am allermeisten gegen ihm in Acht nehmen, weil er in Ansehung derselben sonder Zweiffel am allerempfindlichsten ist.  
  In Ansehung der Klugheit haben wir dieses zu mercken. Bey Ehrgeitzigen machet man sich durch Ehrerbietigkeit, die man bey aller Gelegenheit gegen sie bezeiget, beliebt. Doch wenn wir eine gründliche Gewogenheit, und nicht nur wohl bey ihnen gelitten zu seyn suchen: so müssen wir uns auch ihre Hochachtung zu erwerben bemühen, und solche Eigenschafften, die sie nach der eigentlichen Art ihres Ehrgeitzes im hohen Werthe halten, an uns blicken lassen.  
  Die Hochachtung eines Menschen gegen sie, den sie in ihren Hertzen geringe achten, scheinet ihnen ein Gut von geringer Wichtigkeit zu seyn. Sind sie höher und vornehmer als wie wir, ja nach Befinden wohl auch, wenn sie unsers gleichen sind, so müssen wir viel Bescheidenheit anwenden, daß wir weder es ihnen nachzuthun, noch sie gar zu übertreffen uns unterstehen.  
  Im übrigen haben wir in allem Umgange mit ehrgeitzigen Leuten, insonderheit in Gegenwart anderer Leute, die Regeln der Wohlanständigkeit sehr genau in Acht zu nehmen, weil sie sonst eine Geringachtung daraus schlüssen mögten: Doch haben wir uns zu hüten, daß wir, wenn sie vornehmer sind, uns nicht durch Kleidung, andern Aufwand und prächtiges Tractiren, über unsern Stand erheben.  
  Dem Ehrgeitzigen selber ist seine natürliche Neigung in allen Dingen, auf die äusserliche Ansehnlichkeit, und insonderheit auf die Wohlanständigkeit derer Sitten zu halten; seine großmüthige Dienstfertigkeit und Freygebigkeit; seine Stellung und Verstellung; in gehöriger masse, in Gesellschafft gar nützlich. Er hat sich aber sehr zu hüten, daß die Ansehnlichkeit nicht in Prahlerey, in unmäßige Pracht und Verschwendung ausschlagen möge. Überschreitet er hiermit die Grentzen seines Verstandes, so kan er leichte ein schändliches Mißfallen derer Höhern gegen sich erwecken; gegen die Niedrigen muß er sich nicht übermüthig, und gegen diejenigen, welche seines gleichen sind, ob er ihnen gleich am Verstande und Geschicklichkeit vorgehet,  
  {Sp. 446}  
  nicht stoltz und hochmüthig bezeigen. Denen Gesellschafften muß er durch überflüßige Ceremonien nicht eine Last, und durch seine allzuleichte Empfindlichkeit nicht verdrüßlich werden. Den Kützel, andern zu wiedersprechen, und allemahl das letzte Wort zu behalten, muß er unterdrücken, und die schädlichen Übereilungen seines Zorns, durch die Beybehaltung eines ruhigen Gemüthes, gäntzlich vermeiden. Müllers Recht der Natur … in der Politic ...
     

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Stand: 16. November 2016 © Hans-Walter Pries