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Zedler: Naturell der Völcker HIS-Data
5028-23-1246-1
Titel: Naturell der Völcker
Quelle: Zedler Universal-Lexicon
Band: 23 Sp. 1246
Jahr: 1740
Originaltext: Digitalisat BSB Bd. 23 S. 640
Vorheriger Artikel: Naturell des Verstands
Folgender Artikel: Naturell des Willens
Siehe auch:
Hinweise:
  • Allgemeine Bemerkungen zur Textgestaltung siehe Hauptartikel
  • Für die Auflösung der Quellenangaben siehe: Personen

  Text Quellenangaben
  Naturell der Völcker, Natura populorum.  
  Man pflegt den Unterscheid der Naturelle so wohl auf Seiten des Verstandes, als des Willens, auch nach dem Unterscheid der Nationen und Völcker zu bemercken. Es ist dieses eine Sache, die schon die Alten wahrgenommen haben. Die Rhodiser werden bey dem Livius … hiervon also redend eingeführet:  
  „so wohl Städte, als eintzele Personen haben ihre besondere Sitten. Auch gantze Völcker sind bald zum Jach-Zorn, bald zur Kühnheit, bald zur Zaghafftigkeit geneigt: einige sind dem Truncke und der Geilheit ergeben. Das Volck zu Athen soll, wie der allgemeine Ruff gehet, in seinen Unternehmungen geschwind seyn, und mehr wagen, als seine Kräffte zureichen auszuführen. Die Spartaner hingegen sollen zaudern und sich kaum in das Wasser wagen, dessen Grund sie doch sehen. Ich mag nicht in Abrede seyn, daß das gantze Land Asien meistens pralhaffte Köpfe voller Wind hervor bringe, und daß unsere Lands-Leute ihre Redens-Art etwas furchtsamer einrichten, worinnen wir unter den benachbarten Staaten einigen Vorzug zu haben scheinen.„  
  Paulus führet Tit. Cap. I. v. 12. aus einem Heydnischen Poeten von den Cretensern an, „daß sie immer Lügner, böse Thiere, und faule Bäuche wären.„ Dergleichen Zeugnisse Buddeus in institut. Theol. moral. … in der Note zusammen gelesen.
  Was die Sache selbst betrifft, so wollen wir dabey zwey Stücke durchgehen, daß wir erstlich den Unterscheid der Völcker an ihren Ingeniis und Sitten zeigen, und hierauf die Ursach, woher solches komme, untersuchen.  
  Erstlich müssen wir den Unterscheid des Naturells gantzer Völcker selbst zeigen. Man pflegt überhaupt die Welt nach einem dreyfachen Climate in drey Theile abzutheilen, und also auch die Völcker ihrem Naturell nach unter drey Classen zu bringen, indem etliche in den kalten; andere in den heissen, und etliche in den temperirten Örtern wohnen.  
  Von den kalten Nord-Ländern will man behaupten, daß selbige keinen so aufgeweckten und hurtigen Verstand haben, auch zu dem Studiren nicht so geschickt sind, als andere Völcker in den temperirten Ländern. Es soll ihnen einiger massen an der Munterkeit und Scharfsinnigkeit fehlen; wobey von ihnen versichert werden will, daß, wenn sie sich ja auf die Studien legeten: so erlangeten sie zwar durch Mühe in Gedächtniß-Sachen eine Erkänntniß; zu Sachen aber, die ein Ingenium oder Judicium erfordern, wären sie nicht besonders aufgeleget; wiewohl dieses bey vielen eine nicht geringe Ausnahme leiden mögte. Zum Exempel werden die Königreiche Schweden und Dännemarck angeführet, wo unter andern die wahre Philosophie, als eine Wissenschafft, welche eine starcke Beurtheilungs-Krafft erfodert, etwas  
  {Sp. 1247|S. 641}  
  rares ist, und in keinem so blühenden Stande angetroffen wird, als in andern Ländern. Jedoch ist hiebey noch dieses zu mercken, daß hieran auch die vielen Unruhen, so in besagten Ländern von einer Zeit zur andern geherrschet, grossen Theils Schuld gewesen; hingegen bey ruhigen Zeiten es keinem von beyden Königreichen an gelehrten und geschickten Männern gefehlet habe; ihnen auch vieles aus Haß und Neid, insonderheit von dem Molesworth Etat present de Danemarc nachgesaget werde.  
  Indessen scheinet die herrschende Neigung des grösten Theils derer Nordischen Völcker nicht so wohl der Ehr-Geitz oder die Wollust, als vielmehr die Begierde nach Reichthum zu seyn; und deswegen giebt es unter ihnen viele sclavische und furchtsame Gemüther, Leute, die zur Noth, Hunger und Durst auch grosse Arbeit ausstehen können, und wenn sie ja lieben, bezeigen sie sich hierinnen kaltsinnig. Sonst aber sind sie redliche, fromme und gewissenhaffte Leute, die ihren König und das Vaterland lieben; so daß sie ihr Leben für selbiges willig aufopfern. Ja man kan von ihnen sagen, daß sie über die Religion, Recht und Gerechtigkeit mit allem Ernst halten, auch dabey die Künste und Wissenschafften lieben und werth halten.  
  Diejenigen, die sich um die heissen Mittags-Länder aufhalten, haben entweder dumme, oder phantastische Ingenia, welches die alten Egyptier mit ihrem Exempel bestätigen können. Denn obwohl einige, die das Alterthum mit Vergrösserungs-Gläsern anzusehen gewohnt sind, aus ihrer Gelehrsamkeit und Philosophie groß Wesen machen, so kam doch ihre symbolische, hieroglyphische und magische Weisheit nur auf Einfälle der Phantasie an. Dem Gemüth nach hält man sie vor hochmüthig und Geldgeitzig, wiewohl sie auch zur Unzucht und Geilheit sehr geneigt seyn sollen.  
  Die in temperirten Ländern sind zu allerhand Künsten und Studien geschickter, jedoch so, daß eine Nation vor der andern was besonders hat, daher wir die vornehmsten Europäischen Völcker durchgehen wollen.  
  Den Anfang machen wir von unsern Deutschen. Der Frantzösische Jesuit Bouhours, ingleichen Bodinus und Naude haben sich damit bekannt gemacht, daß sie von den Ingeniis der Deutschen sehr verächtlich gesprochen, welchen aber Cramer in seinen vindiciis germanici nominis geantwortet. Wie wohl auch seine eigene Landsleute nicht durchgehends mit ihm deswegen zufrieden gewesen.  
  Wie aber dieser zu wenig gethan; also thun hingegen andere der Sache zu viel, wenn sie die Deutschen dermassen erheben, als wenn alle Wissenschafften bey ihnen jung worden, und sie vor allen andern Völckern einen Vorzug hätten. Man kan nicht sagen, daß sie von Natur die besten, hurtigsten und scharffsinnigsten Köpfe hätten, wenn man ihnen aber auch allzu langsame, einfältige und dumme Ingenia beylegen wolte, so würde man auch wider die Wahrheit reden.  
  Doch was ihnen von Natur abgehet, ersetzen sie durch ihren unermüdeten Fleiß, dazu die meisten aus Noth gezwungen werden, damit sie nur ihr Brod finden mögen. So kan man auch nicht sagen, daß sie in einem Theil der Gelehrsamkeitt  
  {Sp. 1248}  
  eben was besonders thäten. Es wird nicht leicht eine Wissenschafft seyn, darinnen nicht Deutschland die geschicktesten Männer aufweisen könnte, es mag nun dazu ein Gedächtniß oder Ingenium oder Judicium erfordert werden.  
  Von ihrem Gedächtniß zeuget ihre Lectur, die sie in ihren Schrifften anbringen. Sie sind sehr gedultig, wenn sie was schreiben, machen weitläufftige Collectanea, führen gern vielerley Meynung an, daher auch Bayle in den lettres choisies … schreibet:  
  „Die Deutschen tragen reichlich zusammen, und lassen ihre Belesenheit sehen. Ich weiß es ihnen Danck. Denn sie ersparen mir die Mühe, Collectanea zu machen; und also bin ich einer von denen, welche die Schrifften der Deutschen überaus loben und hochachten.„  
  Die Poesie haben sie in ihrer Sprache so hoch gebracht, daß sie den Frantzosen und Italiänern wohl den Rang streitig machen dürffen, welches Proben von ihren Ingenio, und daß es an Leuten nicht fehlet, welche scharffsinnig sind und nachdencken können, bezeugen die Exempel grosser Philosophen und Mathematick verständiger.  
  Auf Seiten des Willens sind sie weder im höchsten Grad hochmüthig, noch Geld-Geitzig, noch wollüstig: doch haben sie von allen dreyen eine ziemliche Dosin, und halten sonderlich viel auf Essen und Trincken, daß, wenn sich ein Deutscher ein Vergnügen machen will, so dencket er, es könnte ohnmöglich ohne Essen und Trincken geschehen. Tacitus de moribus Germanorum … hat schon zu seiner Zeit von denen Deutschen geschrieben: Diem noctemque continuare potando, nulli probrum. Daher auch jener gar artig von ihnen sagte: „sie haben ein kurtzes Gedächtniß, und indem sie sobald vergessen, daß sie getruncken, so trincken sie so oft.„  
  Man will auch an ihnen die unmäßige Begierde, den Frantzosen nachzuahmen, als einen Fehler, aussetzen, daß sie schon öfters vor Arten der Frantzosen gescholten, und auf sie die Worte Horatii, o imitatores servum pectus: gezogen worden. Sonsten aber sind die meisten Deutschen, in so fern sie nicht ihre Sitten in der Fremde verderben, ehrliche und Gerechtigkeit liebende Leute, die es selten anders meynen, als sie sagen.  
  Von den Deutschen kommen wir auf die Spanier, denen Barclajus in icon. animor. … langsame Köpfe beyleget, daher auch die Studien in Spanien in schlechtem Flor stehen. Es ist, wie von ihnen fast bey allen Scribenten berichtet wird, eine solche hochmüthige und aufgeblasene Nation, daß man ihres gleichen wohl wenig finden wird, welcher Stoltz auch mit schuld ist, daß sie sich wenig um die Künste, Studien, Handlung etc. bekümmern, weil diese Dinge vor die Spanische Gravität allzu gering scheinen. Von ihrer Sprache haben sie einen so hohen Concept, daß sie fürgeben, als GOTT mit Mose auf dem Berg Sinai gesprochen, so sey dieses in Spanischer Sprache geschehen, indem sonst keine andere geschickt sey, darinnen etwas mit Auctorität zu befehlen.  
  Die Engelländer sind zu tieffsinnigen Sachen von Natur geschickt, und daher zur Philosophie und andern Wissenschafften, darinnen ein Nachdencken nöthig ist,  
  {Sp. 1249|S. 642}  
  aufgelegt, denen man auch in der Ausbesserung der Philosophie, sonderlich der Physic vieles schuldig ist. Solches erkennen andere, die unpartheyisch sind, billig, und geben ihnen ihr gehöriges Lob. Wenn sie sich aber selbst erheben, und andere neben sich verachten wollen, wie sie dieses vielmahls thun, so ist solches eine unanständige Sache, daher sich auch viele Gelehrte über solche eigene Lobes-Erhebungen beschweret haben. Ihre Complexion neigt sich auch sehr zur Melancholie, und daher giebts unter ihnen viel Phantasten und Schwärmer, die aus übel gegründeten Principiis sich sonderbare Meynungen erdichten, und so feste darüber halten, daß man sie nicht davon abbringen kan.  
  In keinem Lande der Christenheit findet man mehr Religions-Secten, als in Engelland. Daher auch schon Scaliger zu seiner Zeit gesaget hat: Angli sunt Fanatici. Sie sind zu grossen Veränderungen und einiger massen zur Grausamkeit geneigt, daß man auch in der Historie kein Volck finden wird, welches seinen König in die Hände des Scharfrichters geliefert hätte, wie die Engelländer gethan. Und eben diese ihre Neigung zur Grausamkeit machet, daß sie zu Wasser und zu Lande gute Soldaten abgeben, und wenn sie einmahl aufgebracht worden, nicht gerne nach Hause gehen. So können sie sich auch ein besonderes Vergnügen daraus machen einer Tragödie oder andern blutigen Vorstellungen zuzuschauen.  
  Sonst aber machet sie ihre Melancholische Complexion auch ziemlich zur Desperation geneigt, wenn sie nicht eine bequeme Lebens-Art führen können, die sie sehr lieben. Dieses bedarff keines ferneren Beweises, da die fast täglich sich ereignenden Exempel des Selbst-Mordes, welchen auch grosse Gelehrte oftmals an sich begehen, davon deutlich zeugen. Im übrigen aber wollen einige den Engelländern schuld gegeben, als ob sie zwar ehrlich und großmüthig seyn, aber meistens in ihrem Lande hoffärtig und aufgeblasen wären, und die Fremden bißweilen gar wenig achteten. Besiehe Küchelbeckers nach Engelland reisender curieuser Passagier ...
  Die Holländer kommen in vielen Stücken mit den Deutschen überein. Benthem schreibet in seinem Holländischen Kirchen- und Schul-Staat …, „daß die Niederländer überhaupt mehr einfältig als scharffsinnig gebohren werden, wiewohl sie durch unermüdeten Fleiß alles zu begreiffen, vor vielen andern geschickt wären.„  
  Die wenigsten haben wohl von Natur so hurtige Köpfe; doch finden sich auch unter ihnen so treffliche Ingenia, und diejenigen, welchen was an natürlichen Gaben abgehet, wissen durch ihren unermüdeten Fleiß vieles zu ersetzen. In ihrem Thun lieben sie eine Freyheit, und sind in Conversationen um die Beobachtung der Wohlanständigkeit so sehr nicht bekümmert; scheinen aber viel Ehrlichkeit an sich zu haben. Ihre meiste Sorge geht auf die Öconomie, Handel und Wandel, welchen sie sehr in die Höhe gebracht, und darinnen gantz besondere Geschicklichkeit erwiesen, daß man also sagen kan, die Holländer wären mehr zum Geldgeitz, als zum Hochmuth und der Wollust geneigt.  
  Die Frantzosen haben hurtige, muntere und aufgeweckte Köpfe, und sind daher zu inge-  
  {Sp. 1250}  
  nieusen Wissenschafften, als zur Poesie, und dem, was dazu gehöret, dergleichen die Opern, Comödien, Sinnbilder, Satyren u.s.w. sind, gebohren; zu judicieusen Sachen aber haben sie weder die Gedult, noch das nöthige Talent einer Scharffsinnigkeit. Denn ob man wohl einige geschickte Philosophen in Franckreich gehabt: so sind doch deren wenig, nach denen man das Naturell einer gantzen Nation nicht beurtheilen darff. So scheinen sie auch ihr Vergnügen in Gedächtniß-Wissenschafften nicht zu finden, und lassen wenigstens in ihren Schrifften mehrentheils keine sonderliche Belesenheit sehen.  
  Ihr Gemüths-Character ist die Wollust, daher sind sie leichtsinnig, lieben ein freyes Wesen, gehen in ihrer Kleidung was nachläßig, affectiren nicht, jedoch so, daß allezeit was artiges bey ihnen anzutreffen, daher auch die Frantzösische Moden fast alle Europäische Völcker bezaubert haben. In ihrem Umgang sind sie höflich, machen viele Versprechungen, ob sie gleich selbigen nicht allezeit so heilig nachkommen, und wissen eine Gesellschafft wohl zu unterhalten.  
  Von den Italiänern urtheilet Barclajus in icon. animor. … daß sie sich in der Beredsamkeit, Poesie, Historie, Theologie, Politic sehen liessen, gedencket aber von der Philosophie nichts. Aus diesem folgt noch nicht, daß sie dazu nicht geschickt wären. Am Judicio fehlts ihnen nicht, wie sie denn in den vorigen Zeiten Leute unter sich gehabt, welche vor sich meditiret, und sich von dem Aristotelischen Joch, sonderlich in der Physic frey gemacht; daß aber deren so wenig gewesen, auch die Philosophische Reformation in Italien keinen so glücklichen Fortgang gehabt, daran ist nicht so wohl der Mangel des Philosophischen Naturells, als vielmehr andere Ursachen schuld gewesen. Sie sind auch in Erfindung ingenieuser Gedancken und Vorstellungen, wie man sie zur Poesie brauchet, glücklich.  
  Die Gemüths-Art ist melancholisch und sanguinisch, welches ein Temperament ist, das abenteuerliche Dinge herfür bringt, indem Wollust und Geldgeitz zwey Neigungen sind, die einander gantz entgegen. Es sind daher die Italiäner sehr rachgierig, und wenn sie auf einen andern einen Haß geworffen, gehen sie gleich auf Leib und Leben, und pflantzen selbigen auf etliche Familien fort. Bey ihrer Wollust sind sie im höchsten Grad venerisch, und begehen darbey die allerschrecklichsten Sünden.  
  Solchen Unterscheid der Nationen an ihrem Naturell pflegt man aus natürlichen so wohl als moralischen Ursachen herzuleiten.  
  Die natürliche Ursache sey die Luft, von der die Beschaffenheit und Bewegung des Geblüts; von dieser aber die Disposition der Seelen in ihren Würckungen dependire, welche Ursach in so weit ihrer Richtigkeit hat, daß so bald ein Kind gebohren, durch die Beschaffenheit der Luft an demjenigen Ort, wo sichs eine Zeitlang befindet, dessen Leib zu einer solchen Constitution kommen kan, daß sie bey ihm natürlich wird, die denn wieder Anlaß giebt, daß sich die natürlichen Kräffte der Seelen bald auf diese, bald auf jene Art äussern. Auf solche Weise sey eine allzu kalte und allzu warme Lufft den Ingeniis schädlich, daß wie jene langsame und dumme Köpfe verursache;  
  {Sp. 1251|S. 643}  
  also würden hingegen von dieser die Ingenia gar zu feurig und geriethen auf Phantasien.  
  Doch ist dieses allein nicht hinlänglich. Denn es ist bekannt, wie die Juden in alle Länder zerstreuet, an gantz unterschiedenen Orten gebohren, auferzogen worden, und ihre Lebens-Zeit zubringen, gleichwohl aber dieses Volck sonderlich an Sitten was eigenes an sich hat, dadurch sichs von andern mercklich unterscheidet, weswegen wohl hier die Art der Auferziehung, die aber eine moralische Ursach ist, viel beyträgt. Befinden sich welche, die in Deutschland gebohren und auferzogen worden, eine ziemliche Zeit in Franckreich, so können sie sich wenigstens an die Frantzösischen Sitten dergestalt gewöhnen, daß ein Unbekannter von ihnen wohl schweren solte, sie wären gebohrne Frantzosen.  
  Ubrigens ist diese Betrachtung von dem unterschiedenen Naturell der Völcker nicht ohne Nutzen. Denn kennen wir ihre Ingenia, so giebt uns dieses ein grosses Licht in der gelehrten Historie, wenn wir von ihrer Gelehrsamkeit und Schrifften urtheilen sollen; Die Wissenschafft aber ihrer Sitten und Gemüths-Arten hat ins besondere einen zweyfachen Nutzen.  
  Der eine ist Usus politicus, daß wenn wir wissen, was die Völcker vor Sitten an sich haben, so können wir uns desto klüger und behutsamer aufführen, wenn wir mit ihnen umgehen und etwas vornehmen sollen; der andere ist Usus ethicus. daß man bey der Erkänntniß der Fehler, welche dieser oder jener Nation anhängen, dahin bemühet ist, selbigen zu wiederstehen, und sich also z.E. vor der Deutschen Trunckenheit, Frantzösischen Leichtsinnigkeit, Spanischen Stoltz, Italiänischen Rachgierigkeit und Geilheit zu hüten.  
  Eben dieses bestätiget Paulus, wenn er dem Titus einen Unterricht geben will, wie er sich gegen die Cretenser zu verhalten habe, so beschreibet er Cap. I, 12 ihre Sitten, und führt aus einem ihrer Poeten an, daß sie immer Lügner, böse Thiere und faule Bäuche wären. Ausser dem schon angeführten Barclajus lese man noch nach
  • Scipio Claramontius, de conject. cujusque moribus
  • Johann Bodinus in methodo historiar. …
  • Hanens Commentarius de ingeniis gentium Borealium philosophicis in dessen Tentamin. philosophiae eclecticae,
  • Walchs Gedancken vom Philosophischen Naturell,
  • Besoldus in discursu de natura populorum,
  • Heumann in actis philosophor. … welcher die Ingenia der Völcker, sonderlich in Ansehung der Philosophie, beurtheilet.
     

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Stand: 12. Juli 2013 © Hans-Walter Pries